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Politics · taz · · 2h

Vorm Wahllokal in Mecklenburg-Vorpommern: „Die AfD ist mir zu lasch“

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„Bei der AfD muss ich aufpassen“, erklärt der junge Mann sofort, ungefragt. Wenn die etwas zu sagen hätten, sagt er, fürchte er um seinen Job. Es ist Sonntagvormittag, die Sonne scheint, er steht vor der Turnhalle von Saal. Die Gemeinde, in der knapp 1.500 Menschen leben, liegt rund eine Autostunde östlich von Rostock.

Es ist die erste Landtagswahl für den 18-Jährigen. Er macht eine Ausbildung zum Industriemechaniker bei Nordex, einem Hersteller von Windkraftanlagen. „AfD ist gegen Windenergie, soweit ich weiß.“ Wenn das nicht wäre, hätte er die Partei „höchstwahrscheinlich“ gewählt. Stattdessen habe er seine Erststimme nun dem BSW, seine Zweitstimme der FDP gegeben. Das wichtigste Thema für ihn seien die Mietpreise. „Ich zahle für meine Ein-Raum-Wohnung schon 600 Euro.“

Und was gefällt ihm an „den Blauen“ – wie die AfD hier oben alle nennen? „Ja, da gibt es eben ein paar Punkte.“ Welche denn? „Ich weiß nicht, also …“, windet er sich zunächst. Sein Kumpel, der neben ihm auf dem Parkplatz steht, sagt, dass er mit beiden Stimmen AfD gewählt habe. Zu den Gründen verweigert er jegliche Antwort. Wurde dem jungen Mann die rechtsextreme Partei viel auf Social Media angezeigt? „Nee, am meisten sehe ich da die Linke“, sagt er. Aber die wählt hier niemand – zumindest keine der rund 20 Personen, die die taz zufällig anspricht.

Nach etwas Zögern fasst sein Kumpel sich dann ein Herz: „Na, dieses Remigrations-Thema gefällt mir bei den Blauen halt.“ Fragt man ihn nach einem konkreten Wunsch, sagt er aber: „Dass Menschen, die nach Deutschland kommen, mehr gefördert werden.“

Das wichtigste Anliegen für eine 47-jährige Krankenschwester aus Saal ist hingegen: „Nicht die AfD wählen. Die sind ein absolutes No-Go.“ Das sagt die dreifache Mutter laut und deutlich. „Das können ruhig alle hier hören.“ Weil ihr Kitaplätze wichtig seien, habe sie mit der Erststimme die SPD gewählt. Ihre Zweitstimme habe die ÖDP bekommen. „Das hat mir der Wahl-O-Mat vorgeschlagen.“ In den Landtag wird die Kleinpartei es zwar nicht schaffen. Doch das sei der Frau egal: „Ich finde gut, dass die sich für die Bauern und die Forstwirtschaft hier oben einsetzen.“

„Alles, einfach alles“ sei toll an der AfD, sagen hingegen Maria und Marco. Das Paar ist mit dicken Mountainbikes zum Wahllokal gekommen und schimpft zuerst über die Spritpreise. Der Baumaschinenführer aus dem kleinen Dorf Kückenshagen hat mit beiden Stimmen AfD gewählt. Es war die erste Landtagswahl in seinem Leben, an der der 41-Jährige sich beteiligt habe, sagt er. „Weil vorher einfach keiner da war, der mich überzeugt hat.“

Dass die AfD alles halten wird, was sie verspricht, damit rechnet auch Baumaschinenführer Marco nicht. „Aber die anderen haben ja gar nichts gehalten“, meint er. Immer wieder kommt er auf bundespolitische Themen zu sprechen. „In MV stört mich erst mal gar nicht so viel. Wir leben hier gut“, sagt er. Und ergänzt: „Ich möchte nicht in Berlin wohnen, wo es Stadtteile gibt, in die sich die Polizei nicht mehr traut.“ Auf den Hinweis, dass es diese Stadtteile in der Realität nicht gebe, sagt er: „Gut“, dann schimpft er weiter – über Rentenreform, Staatsschulden, Bildungssystem.

Im Hintergrund steht ein Grüppchen Saaler mit zwei Kindern, Kippen und einem Kampfhund. „Dein Zettel ist schon drin“, begrüßt eine Frau, die offensichtlich Wahlhelferin ist, einen großen, kräftigen Mann mit vielen Tattoos. „Ist mein Kreuz auch schon drauf?“, fragt er und lacht. „Wie hat Stalin schon gesagt: Wahlen gewinnt der, der sie auszählt“, sagt ein anderer. Wieder Gelächter. Als ein anderer von der Truppe aus der Turnhalle kommt, verkündet er, er habe NPD gewählt. „Die AfD ist mir zu lasch.“ Die NPD, die heute „Die Heimat“ heißt, steht hier allerdings gar nicht auf dem Wahlzettel.

„Wenn ich das schon höre, bäh!“, raunt ein Mann von der anderen Seite des Parkplatzes der Reporterin zu. „Es regt mich auf, dass die Leute auf die Blauen reinfallen“, sagt der Mittsechziger. Er glaube nicht, dass die etwas für die Bildung tun werden. Zwar versuche er immer wieder, mit seinen Nachbarn in Saal zu sprechen, aber das nütze nichts. „Die sind verbohrt und die fallen genauso darauf rein wie die Leute 1933.“ Der Mann ist Geschichtslehrer. Dann steigt er auf sein Fahrrad und fährt davon.

Ihm entgegen geeilt kommt der 18-jährige AfD-Wähler, er ist ganz außer Atem. „Wäre es möglich, dass Sie meinen Namen doch nicht in die Zeitung schreiben?“, bittet er die Reporterin. Er habe zu Hause kurz mit seiner Mutter gesprochen. Es sei ein kleines Dorf, hier oben kenne jeder jeden und er habe Angst, Probleme bei seiner Ausbildungsstelle zu kriegen. Die Reporterin beruhigt ihn und verspricht, seinen Namen nicht zu erwähnen. Der junge Mann bedankt sich und sagt: „Vielleicht wähle ich nächstes Mal etwas anderes.“

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Source: taz