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Vor den Wahlen in Brasilien: Gott, steh uns bei!
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An Gott führt vor den Präsidentschaftswahlen in Brasilien kein Weg mehr vorbei. Flávio Bolsonaro, aussichtsreichster Herausforderer von Amtsinhaber Luiz Inácio „Lula“ da Silva, stilisiert sich zum Kämpfer in einem „spirituellen Krieg“. Regelmäßig verkündet er, ihm sei von Gott eine Mission übertragen worden.
Dabei gibt der 45-jährige Senator sich beinahe selbst als Priester, übt sich in andächtigen Posen, öffnet die Hände, um den himmlischen Segen zu empfangen, senkt demütig den Kopf oder betet vor Massen evangelikaler Gläubiger darum, das Land „vor dem Geist des Bösen“ zu retten. Gemeint ist unverkennbar der politische Gegner.
Und bei einem Wahlsieg, so kündigte der Kandidat der extremen Rechten an, habe er mit denjenigen zu reden, die nicht an Gott glauben. Denn er werde als einen seiner ersten Staatsakte per Dekret verfügen, dass das Land „dem Herrn Jesus Christus“ gehöre. Dass das gegen die Verfassung verstoßen würde, verschweigt der studierte Jurist.
Das Buhlen um die Gunst der Gläubigen ist strategisch motiviert: Die Stimmen der Evangelikalen – etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten – könnten entscheidend sein beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen dem Sohn des verurteilten Putschisten Jair Bolsonaro und dem aktuellen Präsidenten Lula. Eine aktuelle Umfrage sieht Lula im ersten Wahlgang mit 35 Prozent der Stimmen nur knapp vor Flávio Bolsonaro.
An diesem Sonntag wählen die BrasilianerInnen ein neues Staatsoberhaupt. 13 KandidatInnen stehen zur Wahl. Wirkliche Chancen haben aber nur ebenjener Bolsonaro und Amtsinhaber Lula. Erreicht keiner der beiden im ersten Wahlgang eine absolute Mehrheit, müssen sie am 25. Oktober in die Stichwahl. Für dieses Szenario sehen die Demoskopen sie noch knapper beieinander. Dementsprechend verbittert ist der Kampf um die 21 Prozent der noch nicht entschiedenen WählerInnen, darunter viele Anhänger von Pfingstkirchen, die Evangelikalen.
Flávio Bolsonaro geht dabei so offensiv vor, dass so mancher Gottesdienst, an dem er teilnimmt, wie eine Wahlkampfveranstaltung anmutet. Zum Beispiel jener am 7. September, der Igreja Mundial do Poder de Deus, in São Paulo. Die 12.000 Zuhörer jubelten bei einem Gebet, das vom selbsternannten Apostel Valdemiro Santiago mit vor Emotion zitternder Stimme vorgetragen wurde. Die Tatsache, dass die Bundespolizei gegen Bolsonaro wegen des Verdachts der Korruption, Geldwäsche und illegalen Devisenausfuhr ermittelt, schien dabei nebensächlich. Ebenso, dass Apostel Valdemiro während der Covid-Pandemie Bohnensamen als Wunderheilmittel gegen die Krankheit verkauft hatte.
Dass Kirchen in politische Bühnen verwandelt werden, gefällt längst nicht allen Gläubigen. „Sie sind müde davon, dass ihnen bei jedem Gottesdienst politische Botschaften aufgedrängt werden“, sagt die Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista vom brasilianischen Religionsforschungsinstitut ISER.
Dass ihr Präsident an Gott glaubt, ist allerdings 86 Prozent der BrasilianerInnen wichtig. So erklärt sich vermutlich, warum Lula das Wort „Gott“ in seiner Eröffnungsrede des Wahlkampfs im August gleich elfmal aussprach. CNN Brasil zufolge gebrauchte der bisher eher diskret praktizierende Katholik das G-Wort auch bei weiteren Wahlkampf-Auftritten jeweils mindestens dreimal.
Der Staatschef stellt sich zwar nicht als gottgesandt dar wie sein politischer Gegenspieler. Jedoch deutet er sein Leben, insbesondere seinen Aufstieg vom armen Flüchtling aus dem Nordosten bis zum höchsten Staatsamt, als Beweis für die Güte Gottes. Ehefrau Janja Lula da Silva nahm im Duett mit dem Gospelstar Kleber Lucas sogar einen Jingle über die Aufstiegsgeschichte des einfachen Mannes auf.
Während Bolsonaro sich also als extrem gläubig, aber gemäßigt rechts darstellt, versucht Lula als extrem sozial und gemäßigt religiös zu punkten. Der Politikveteran hat nie Kirchen oder Gottesdienste aufgesucht, um gläubige Wähler zu überzeugen, und lehnt das auch kategorisch ab. „Wenn mich jemand bittet, in einer Kirche Wahlkampf zu machen, gehe ich nicht hin! Ich mache Politik und Wahlkampf auf der Straße“, sagte Lula kürzlich in Brasiliens Hauptstadt Brasília. First Lady Janja vermittelte dort ein Treffen des Präsidenten mit evangelikalen Pastoren aus dem ganzen Land.
Mit vor Ort waren auch VertreterInnen der 2016 gegründeten Organisation Frente de Evangélicos para o Estado de Direito (deutsch: Front der Evangelikalen für den Rechtsstaat), einem Zusammenschluss progressiver Evangelikaler, der Lula bereits 2022 in der Stichwahl gegen Jair Bolsonaro unterstützt hatte.
Auch in diesem Jahr stehen sie auf Lulas Seite, versuchen WählerInnen für ihn zu gewinnen. „Wir diskutieren mit den Leuten auf der Straße, hören uns an, warum sie unseren Kandidaten nicht wählen wollen, und bringen unsere Argumente vor. Anschließend hören wir uns ihre Argumente an“, erklärt die Vorsitzende der Frente, Nilza Valéria. Manchmal gelänge es so, die Wählerstimme zu gewinnen. Manchmal aber auch nicht.
Persönliche Begegnungen sind im Wahlkampf von Lulas Regierungspartei, der Partido dos Trabalhadores (PT, deutsch: Arbeiterpartei), neben sozialen Medien und TV-Auftritten zentral. In den letzten Tagen vor dem Urnengang will die PT mehr als zehn Millionen Flyer verteilen. Darauf sollen zurückliegende Maßnahmen der Regierung mit Bibelzitaten verbunden stehen, um aufzuzeigen, dass ihr Programm im Einklang mit der Heiligen Schrift steht. Viele evangelikale Gläubige verstehen staatliche Programme heute kaum mehr als mögliche Ursache für wachsenden Wohlstand. Gemäß der unter ihnen weit verbreiteten Theologie des Wohlstands deuten sie individuellen finanziellen Erfolg eher als direkte Folge der Verbindung des Gläubigen mit Gott.
Noch bis zu den Wahlen im Jahr 2006 hatten mehr als 60 Prozent der Evangelikalen die PT unterstützt. Doch dann gerieten vor allem mit Gender- und Reproduktionsfragen Themen ins politische Rampenlicht, die nicht zur konservativen Haltung vieler evangelikaler Kirchen passten. Jair Bolsonaro nutzte das geschickt aus und positionierte sich 2018 als derjenige, der die Bedürfnisse, Werte und Probleme der Pfingstkirchler ernst nahm.
„Es entstand so etwas wie eine Brandmauer zwischen der Linken und der Bolsonaro-Familie innerhalb der Evangelikalen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Ana Carolina Evangelista. „Wer auch immer aus der Bolsonaro-Familie seitdem kandidierte, hatte das Erbe von Jair sicher.“ Jairs Ehefrau Michelle, selbst aktive Pfingstkirchlerin und damit religiös glaubwürdig, hätte dieses Erbe sicher besonders effektiv angetreten. Doch Jair Bolsonaro bestimmte seinen ihm loyalen Sohn aus der Haft heraus als seinen Nachfolger.
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Dessen Zustimmungswerte in der Bevölkerung stiegen zunächst stark an, fielen jedoch ab, nachdem er zuerst seine beliebte Stiefmutter verprellte und dann mehrfach über seine Beziehung zu dem inhaftierten Banker Daniel Vorcaro log. Seit Mitte September erlebt Bolsonaro Junior nun wieder einen Aufschwung. Grund dafür ist die aktuelle Krise am Supremo Tribunal Federal (STF), dem Obersten Gerichtshof des Landes. [Link auf Beitrag 8734913]
Der Oberste Richter Alexandre de Morães geriet vor wenigen Wochen unter Korruptionsverdacht. Das schockierte viele BrasilianerInnen, weil Morães sich wegen seiner unnachgiebigen Haltung in Korruptionsfragen über Jahre hinweg als moralische Instanz etabliert hatte. Maßgeblich war er auch an der Verurteilung Jair Bolsonaros beteiligt und gilt seither unter den BrasilianerInnen als „Lula-freundlich“.
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Beauftragt hatte die Ermittlung gegen Morães ausgerechnet der von Jair Bolsonaro an den STF berufene evangelikale Pastor André Mendonça. Nun sucht jener Mann, der sich selbst als „schrecklich evangelikal“ bezeichnet, sich als eine Art religiöses Bollwerk gegen Korruption darzustellen.
Die PT versucht derweil, die öffentliche Debatte weg von Fragen der Moral und hin zu konkreten Alltagsthemen wie Löhnen, öffentlicher Gesundheitsversorgung, Ernährungssicherheit und Arbeit zu lenken. Allesamt Themen, die auch viele Evangelikale interessieren dürften. Die Mitglieder von Pfingstkirchen sind überwiegend Schwarze Menschen aus der Peripherie, darunter viele Frauen.
Trotzdem wollen aktuellen Umfragen zufolge nur 28 Prozent von ihnen Lula wählen, während Bolsonaro 51 Prozent ihrer Stimmen erwarten kann. Für Nilza Valéria bleibt es ein Widerspruch. „Wie kann es sein, dass Lula unter Armen, Frauen und Schwarzen vorne liegt, aber nicht unter Evangelikalen? Da ist doch irgendwo ein Widerspruch.“ Ihre Organisation setzt nun auf ein Lied. In den sozialen Medien verbreiten sie einen Jingle in dem es heißt: „Es ist keine Sünde, Lula zu wählen!“
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Source: taz