World · taz · · 2h
Veränderung in Teherans Stadtbild: Der Hidschab bleibt im Kleiderschrank
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Vor einigen Wochen machte im Iran ein Werbespot die Runde, der noch vor wenigen Jahren kaum denkbar gewesen wäre. Eine Frau, vollständig verschleiert, sitzt in einem Restaurant. Auf dem Tisch vor ihr stehen zwei Dosen: Coca-Cola und Fanta. Sie wischt beide demonstrativ beiseite und wäscht sich anschließend die Hände.
„Das ist das religiöse Restaurant ‚Fanous‘“, sagt sie in die Kamera. „Wir servieren hier nur Dinge, die unseren Werten entsprechen.“
In den sozialen Netzwerken sorgt der Auftritt für Spott. Ein Nutzer empfiehlt, man solle doch gleich ein eigenes Land gründen – am besten möglichst weit weg vom Iran. Ein anderer fragt, ob man das Restaurant wohl mit dem linken Fuß zuerst betreten müsse. Eine Anspielung auf die islamische Vorschrift, nach der Toiletten mit dem linken Fuß voran betreten werden sollen.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
„Fanous“ ist dabei kein Einzelfall. Im Iran entdecken immer mehr Gaststätten eine neue Zielgruppe: religiös-konservative Kundinnen und Kunden, die sich im öffentlichen Raum zunehmend unwohl fühlen. Angesichts unverschleierter Frauenköpfe und westlicher Produkte suchen sie nach Orten, wo sich die gewünschte Sittlichkeit gleich mitbestellen lässt.
Für alle anderen Iraner:innen ist das ein Sinnbild für eine bemerkenswerte Verschiebung: „Noch vor einem Jahr mussten freiheitsliebende Menschen nach Rückzugsorten suchen, weil der öffentliche Raum fest im Griff der religiösen Hardliner war“, teilt ein Iraner der taz in einem verschlüsselten Chat mit. „Jetzt ist es umgekehrt.“
Tatsächlich sind iranische Straßen in diesem Sommer kaum noch wiederzuerkennen, Frauen gehen oft in Jeans und schulterfreien Oberteilen aus dem Haus. Der Hidschab, einst Symbol staatlicher Kontrolle über den weiblichen Körper, bleibt immer häufiger im Kleiderschrank.
Begonnen hat diese Entwicklung mit dem Tod von Mahsa Dschina Amini im September 2022. Er löste die landesweiten „Frau, Leben, Freiheit“-Proteste aus. Das iranische Regime reagierte damals mit extremer Härte. Hunderte Demonstranten wurden getötet, Tausende verhaftet. Als die Proteste Anfang 2023 abebbten, kehrte die Sittenpolizei zunächst zurück. Doch dieses Mal stießen die Patrouillen auf Widerstand. Frauen widersetzten sich den Beamten, Männer stellten sich dazwischen. Der entscheidende Wandel vollzog sich aber nicht nur auf den Straßen. Er fand in den Familien statt.
„Viele meiner Freundinnen haben den Schleier nicht aus eigener Überzeugung getragen“, sagt Zana Rahimi, eine 30-jährige Iranerin aus der zentraliranischen Stadt Yazd. „Sie trugen ihn aus Rücksicht auf religiöse Eltern, Großeltern oder andere Familienmitglieder. Nach Mahsa Aminis Tod begannen sie, diese Fragen zu Hause offen anzusprechen“, berichtet Rahimi. Ihren echten Namen will sie aus Sicherheitsgründen geheim halten.
Auch in ihrem Büro, wo sie als Wirtschaftsprüferin arbeitet, wurde plötzlich über den Hidschab diskutiert. Zuerst bestand ihr Chef darauf, dass die Mitarbeiterinnen sich gesetzeskonform kleideten. Doch Rahimi und ein paar ihrer Kolleginnen widersetzten sich und legten bei der Arbeit weiterhin ihre Kopftücher ab. Schließlich gab der Chef nach.
Im Frühjahr 2023 fand das Regime eine effizientere Methode, um die Kopftuchpflicht durchzusetzen. Mithilfe chinesischer Technologie ließen die Machthaber einen umfassenden islamischen Überwachungsstaat errichten: Frauen, die sich ohne Hidschab zeigten, wurden durch Kameras mit Gesichtserkennung identifiziert und bekamen per SMS eine Verwarnung. Nach dem dritten Verstoß drohten Geldbußen, bis hin zu Haftstrafen und der Beschlagnahmung des Autos.
Auch für Zana Rahimi wurde diese Überwachung Teil ihres Alltags, sie selbst erhielt zwei Verwarnungen. Freunde mussten vor Gericht erscheinen und Geldstrafen bezahlen. Auch ihr Lieblingscafé wurde zeitweise geschlossen. Die Behörden machten alle Betriebe dicht, wo Kundinnen gegen die Hidschabpflicht verstießen. Der ultrakonservative Abgeordnete Ali Yazdikhah benannte damals das Ziel dieser Maßnahmen: „die soziale Ausgrenzung“ ungehorsamer Frauen.
Aber die Überwachung erzeugte auch Widerstand. „In sozialen Medien warnten wir uns gegenseitig, wo Überwachungskameras stehen. Ich begann, solche Straßen zu meiden. Ich besuchte nur noch Cafés und Restaurants, wo mir niemand etwas sagen würde“, erzählt Rahimi.
Einen Wendepunkt gab es mit den israelischen Luftangriffen 2025. Die Prioritäten des Mullah-Regimes verschoben sich, der Hidschab rückte in den Hintergrund. Die Veränderung war weniger ideologisch als pragmatisch: Im Krieg brauchte die Islamische Republik die Unterstützung möglichst vieler Iraner:innen. Nach den amerikanischen Luftangriffen ab Februar waren Frauen ohne Kopftuch plötzlich sogar in staatlichen Propagandavideos zu sehen. In einem Video stößt eine junge, unverschleierte Frau mit einem Glas selbst gebrannten Schnapses auf den neuen Obersten Führer Modschtaba Chamenei an.
Im März dieses Jahres berichtete die Financial Times, dass der Mossad, Israels Geheimdienst, in jene Überwachungskameras, die zur Kontrolle der Bevölkerung eingesetzt wurden, eingedrungen war und auf diese Weise Bewegungsmuster hochrangiger Funktionäre und Militärs nachverfolgen konnte. So soll es dem israelischen Militär schließlich sogar gelungen sein, Irans Staatschef Ali Chamenei zu töten.
Zana Rahimi vermutet, dass in Regierungskreisen schon nach dem 12-Tage-Krieg der Verdacht aufkam, die Überwachungskameras könnten infiltriert sein. Tatsache ist, dass die iranische Regierung plötzlich auf ihre Nutzung verzichtete – auch das führte zu einer neu gewonnenen Kleidungsfreiheit.
Aber die neuen Freiheiten sind fragil. Dutzende Cafés, Restaurants und andere Geschäfte mussten seit Ende Juli wegen Verletzungen der Verschleierungspflicht schließen.
Der iranische Abgeordnete Mohammad-Taqi Naqdali erklärte gegenüber CNN die Logik des Regimes hinter den erneuten Schließungen: „Israel und Amerika können uns nicht vernichten, aber dieser Verfall unserer religiösen Kultur wird es tun.“ Beobachter halten daher eine neue Welle der islamistischen Repression für unvermeidlich.
Zana Rahimi aber hofft, dass sich die Ultrakonservativen für immer in Restaurants wie das „Fanous“ zurückziehen werden. Freiwillig und ohne Weiteres werden sie das aber wohl nicht tun.
Read the full story at the source →
Source: taz