Politics · taz · · 2h
U16-Wahl in Berlin: „Ich muss ja auch noch lange auf der Welt leben können“
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Gelassen lässt sich Charly, 10 Jahre alt, den Wahlzettel erklären. Er nickt kurz, verschwindet in der Wahlkabine und kommt kurz darauf auch schon wieder raus. Das Kreuz ist gesetzt. Doppelt gefaltet steckt er den Zettel in eine mit Tauben dekorierte Wahlurne, die ihm eine Mitarbeiterin hinhält.
Er habe für die Grünen gestimmt, weil er für Klimaschutz ist, sagt Charly: „Ich muss ja auch noch lange auf der Welt leben können.“ Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt hätten ihn bestürzt, die Politik der AfD heiße dort das Ende des Klimaschutzes. Er mache sich Sorgen, dass so etwas auch in Berlin passieren könnte.
Charly ist für die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus noch nicht wahlberechtigt. Deshalb nimmt er hier in der Mittelpunktbibliothek Wilhelm Liebknecht / Namık Kemal am Kottbusser Tor in Kreuzberg an der U16-Wahl teil. Die Bücherei ist eines von 222 Wahllokalen für die Abstimmung, bei der Kinder und Jugendliche noch bis Freitag ihre Meinung äußern können. Die Ergebnisse sollen am kommenden Montag veröffentlicht werden.
Die Kinder- und Jugendwahlen finden seit 30 Jahren in ganz Deutschland rund um Kommunal-, Landtags-, Bundestags- und Europawahlen statt. Überall, wo sich Kinder gerne aufhalten, kann ein Wahllokal eingerichtet werden.
Zur Bundestagswahl 2025 etwa haben in Berlin mehr als 23.000 Kinder und Jugendliche abgestimmt. Damals lag die Linke mit 28 Prozent vor SPD (19 Prozent) und Grünen (17 Prozent). Weil das Wahlalter für die Abgeordnetenhauswahl auf 16 Jahre gesenkt wurde, können dieses Jahr junge Menschen von 6 bis 15 Jahren im Vorfeld abstimmen und zudem ihre künstlerischen Fähigkeiten in einem Wahlurnenwettbewerb beweisen.
Auch die 10-jährige Hiranur und ihre Freundin Esila, 11, sind heute in die Kreuzberger Bücherei gekommen. Die beiden haben aber schon abgestimmt – an ihrer Schule. Sie hätten sich für die Linke entschieden, erzählen sie. Aus den „Logo“-Kindernachrichten, aus der Schule und von ihren Eltern und Geschwistern wüssten sie, dass die Linke „gute Regeln“ wolle, wie sie sagen: „Die Linke will tiefere Preise und Ausländer dürfen bleiben.“
Die beiden schauen sehr ernst, während sie darüber sprechen, dass es Parteien gibt, die Ausländer wegschicken wollen: „Das betrifft uns auch.“ Wären sie Bürgermeisterinnen, würden sie sich dafür einsetzen, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit wählen dürfen, Schultoiletten sauberer wären und Preise sinken.
Nicht alle, die herkommen, wissen vorher von den Wahlen. „Was ist das?“, fragt ein kleiner Junge. Ob er auch wählen möchte? Er zuckt mit den Schultern – warum nicht? Die Bibliothekarin und seine Mutter erklären ihm den Stimmzettel, schon kurz darauf sitzt er alleine in der Wahlkabine.
Als Nächstes ist eine Siebtklässlerin dran. Sie bekommt hier Nachhilfeunterricht. Vor den Physikhausaufgaben will sie aber noch schnell wählen gehen. Weil sie die Parteien nicht genau kenne, habe sie die Grünen gewählt, erzählt sie: „Die haben bei mir in der Nähe einen Stand und sind immer sehr nett.“ Einfach sei es aber nicht gewesen, gesteht die 12-Jährige: „Die Wahl war kompliziert, aber hat sich sehr wichtig angefühlt.“ Themen wie Abschiebungen, Umweltverschmutzung, die Bezeichnung „Ausländer“ und hohe Preise würden sie beschäftigen.
Am Abend kommen nicht mehr viele Kinder, der Wahltag neigt sich dem Ende zu. Ungefähr 20 Kinder haben heute hier abgestimmt, einige schnell entschieden, andere neugierig, manche auch etwas überfordert – aber stolz, ihre Meinung äußern zu dürfen. Charly scherzt, er wolle auch bei sich zu Hause für mehr Demokratie sorgen – und künftig bei der Musikauswahl in seiner Familie mitreden.
Read the full story at the source →
Source: taz