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Türkischer Tabellenführer Amedspor: Eine ganze Bevölkerung wird beschimpft
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S onntag, der 20. September. Beşiktaş ist zu Gast bei Amedspor im mehrheitlich von Kurden bewohnten Diyarbakır. Der Verein aus dem Südosten des Landes ist gerade erst in die höchste türkische Spielklasse aufgestiegen. Der Sieger geht als Tabellenführer in die Länderspielpause vor Galatasaray.
Vor dem Spiel geschieht in den sozialen Medien etwas Ungewöhnliches: Fans von Beşiktaş und Amedspor begrüßen sich freundlich. Angesichts der rassistischen Angriffe, denen Amedspor sonst ausgesetzt ist, macht mich die Haltung meines Vereins glücklich. Während des Spiels kritisieren einige Fans gemeinsam die rassistische Behandlung Amedspors durch andere Vereine und stimmen zusammen Gesänge an – leider nicht ohne homophobe Äußerungen. Amed führt nach 22 Minuten mit zwei Toren und gewinnt am Ende 3:2. Ein Verein, der vor drei Jahren noch in der dritten Liga spielte, steht damit an der Spitze.
Nach dem Spiel überrollt eine rassistische Welle die sozialen Medien. Beşiktaş-Fans werden beschuldigt, mit Terrorunterstützern befreundet zu sein. Es werden erneut Symbole verbreitet, die auf die ungeklärten Morde an Kurdinnen und Kurden durch paramilitärische Kräfte in den 1990er Jahren anspielen und diese gutheißen. Gegner der AKP behaupten, Amed werde wegen des laufenden Friedensprozesses mit der PKK geschützt.
Einige Beşiktaş-Fans machen den Schiedsrichter für die Niederlage verantwortlich. Angesichts des neuesten Skandals um den Vorsitzenden des Zentralen Schiedsrichterausschusses, durch den er gemeinsam mit seinem bevorzugten Schiedsrichter ins Gefängnis kam, erscheint dieses Misstrauen verständlich. Es ist jedoch auch wahrscheinlich, dass es von nationalistischen Gefühlen angeheizt wird.
Fußball als Instrument zu nutzen, um gesellschaftliche Konflikte innerhalb staatlicher Grenzen zu halten, ist keine Besonderheit. So stieg Diyarbakırspor, ein weiterer kurdisch geprägter Verein, Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre erneut auf – mit offener staatlicher Unterstützung. So wurde der Verein paradoxerweise gleichzeitig zum Aushängeschild der Kurden und zum sogenannten „Staatsverein“.
Der Politikwissenschaftler Vahap Coşkun untersucht in seinem Buch „Sahadaki Kimlik Amedspor“ die Bedeutung Amedspors für seine Anhänger. Einer von ihnen beschreibt die Verbindung zu Diyarbakırspor so: „Wenn jemand Amedspor sagt, tut uns zuerst die Wunde von Diyarbakırspor weh.“ Er bezieht sich nicht auf den Teil über den „Staatsverein“, sondern auf die gesamte Diskriminierung, der die Mannschaft ausgesetzt war.
Der Verein, der früher Belediyespor hieß, beantragte 2014 – während eines Friedensprozesses – die Umbenennung in Amedspor. Der türkische Fußballverband verlangte, entweder den Namen oder die Vereinsfarben zu ändern. Gelb, Rot und Grün sind auch mit der kurdischen Identität verbunden. Wie „gefährlich“ diese Farben sein können, zeigte sich im vergangenen Jahr: Nach dem Aufstieg in die Süper Lig zeigte der senegalesische Stürmer Mbaye Diagne auf dem Spielfeld die Flagge seines Landes. Daraufhin fuhr die Polizei nach einer Anzeige zu seiner Wohnung.
Amed ist ein historischer Name der Stadt, der lange vor den Kurden existierte. Heute steht er jedoch auch für kulturelle Erinnerung und politischen Kampf. Deshalb richten sich Beschimpfungen gegen Amedspor nicht nur gegen elf Spieler, sondern gegen eine ganze Bevölkerung. Als der Krieg mit der PKK 2015 erneut eskalierte, kurdische Städte zerstört, Zivilisten getötet und Politiker inhaftiert wurden, blieb den Menschen kaum Raum. Ein von Coşkun interviewter Fan sagte: „Alles, wo die Bevölkerung noch Luft holen konnte, wurde geschlossen. Am Ende blieb nur Amedspor.“
Der Name hat aus einem Stadtverein einen Verein gemacht, der weit über Diyarbakır hinaus Unterstützung erfährt. Der Klub, der früher 300 Fans bei seinen Spielen hatte, füllt heute ein Stadion mit 33.000 Plätzen.
Während ich diesen Text schreibe, sitze ich im Zentrum von Şanlıurfa, Diyarbakırs südwestlicher Nachbarstadt. In einem Geschäft, das gefälschte Trikots verkauft, tragen die Schaufensterpuppen der großen Istanbuler Vereine nun auch die Farben von Amedspor: ein weißes Trikot mit drei dünnen Farbstreifen.
„Verkaufen sich diese Trikots gut?“, frage ich den Ladenbesitzer.
„Und wie!“, antwortet er. Dann hält er inne und wirft mir einen Seitenblick zu, als würde er abwägen, warum ich das frage, ob ich vielleicht ein Rassist bin.
Denn wer Amedspor unterstützt, muss immer auf der Hut sein.
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Source: taz