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Transformation in Äthiopien: Afrikas grüner Aufbruch

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Seit Januar 2024 verbietet die äthiopische Regierung den Import von Verbrennerfahrzeugen. Im Mai 2025 folgte das Importverbot für Einzelteile von Verbrennerautos. Äthiopien war weltweit das erste Land, das diesen Schritt ging. Der Grund war zunächst ein wirtschaftlicher: Benzin- und Dieselimporte waren dem Land zu teuer geworden und hatten seine Devisenreserven erheblich unter Druck gesetzt.

Doch der Schritt wirft die Frage auf, welche Rolle Afrika einnimmt, wenn die Welt auf saubere Energie umstellt. Wird der größte Teil der Gewinne wieder außerhalb Afrikas abgeschöpft, während der Kontinent Land, Wälder und Rohstoffe bereitstellt? Oder wird Afrika eine grüne Wirtschaft nach eigenen Vorstellungen aufbauen können und damit eine Transformation gestalten, die eigenen Interessen dient?

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Der in Addis Abeba lebende Araya Belete hat sich ein Elektroauto gekauft. Nun lehnt er an der Straße über der geöffneten Motorhaube. Sein Smartphone lehnt am Scheibenwischer, auf dem Display läuft ein vierminütiges Reparaturvideo. Ein Bauteil ist defekt. Der Mechaniker in dem Video spricht Mandarin, Belete Amharisch und Englisch. Das Auto interessiert das wenig.

Belete ist IT-Experte, seit dem Autokauf aber auch Mechaniker, Elektriker und Importeur von Ersatzteilen wie Ladekabeln. Angesichts steigender Spritpreise war der Umstieg für ihn die einzig vernünftige Option, sagt er.

Er überzeugte sogar seine Firma, vier weitere E-Autos anzuschaffen. Damit allerdings fingen die Probleme an. Denn Wartung und Reparatur sind schwierig in einer Stadt, in der die meisten Werkstätten kaum Erfahrung mit Elektroautos haben.

Als das Importverbot in Kraft trat, waren in Äthiopien Schätzungen zufolge etwa 7.000 Elektroautos zugelassen. Inzwischen sind es über 115.000. Bei insgesamt etwa 1,3 Millionen Fahrzeugen im Land ist das ein enorm hoher Anteil. Wirtschaftlich sinnvoll war der Umstieg auch durch die Inbetriebnahme des Grand Ethiopian Renaissance Dam (Gerd), des größten Wasserkraftwerks Afrikas, im November 2025.

14 Jahre war an dem Megastaudamm am Blauen Nil gebaut worden. Die Kosten von rund 5 Milliarden Dollar hatte die Regierung weitgehend im Inland mobilisiert. Staatsbedienstete kauften Staatsanleihen, Mitglieder der äthiopischen Diaspora leisteten Beiträge aus dem Ausland, Schulkinder sammelten Geld. Millionen Bür­ge­r:in­nen des Landes beteiligten sich so an der Finanzierung.

Der Gerd hat Äthiopiens Stromproduktion mehr als verdoppelt. Die 13 Turbinen erzeugen Wasserkraft mit einer Stromkapazität von bis zu 5.150 Megawatt. Das Land wird so immer weniger abhängig von Treibstoffimporten, entwickelt sich zu einem regionalen Stromexporteur – und hat reichlich Energie für den staatlich beförderten Boom der E-Autos.

Der Damm ist dabei nicht das einzige grüne Großprojekt. Im Rahmen der 2019 gestarteten Wiederaufforstungskampagne Green Legacy Initiative haben Millionen Äthio­pie­r:in­nen bisher nach Regierungsangaben insgesamt 48 Milliarden Baumsetzlinge gepflanzt. Das Ziel liegt bei 65 Milliarden.

In erster Linie geht es dabei um den Schutz von Wassereinzugsgebieten, die Wiederherstellung degradierter Böden und die Sicherung der Grundlagen von Energieversorgung und Ernährung. Gleichwohl eröffnet das Projekt Äthiopien die Möglichkeit zum Verkauf von CO2-Zertifikaten auf internationalen Märkten. Damit unterscheidet sich das äthiopische Modell von einem verbreiteten Ansatz der grünen Transformation in Afrika, der sich darauf beschränkt, Emissionen wohlhabender Länder zu kompensieren.

Der Handel mit CO2-Zertifikaten und die Erschließung strategischer Rohstoffe verändern Afrikas Wirtschaft. Unternehmen sichern sich Nutzungsrechte an riesigen Flächen afrikanischer Wälder, um CO2-Zertifikate für den globalen Markt zu erzeugen. Gleichzeitig treibt der weltweite Ausbau von Elektrofahrzeugen und Batterietechnologien die Nachfrage nach Kobalt, Lithium, Kupfer und seltenen Erden in die Höhe. Afrika gerät damit ins Zentrum der globalen Energiewende.

Die Zertifikate von afrikanische Flächen werden allerdings auf internationalen Märkten verkauft. Rohstoffe verlassen den Kontinent häufig in unverarbeiteter Form – und kehren als hochwertige Batterien, Elektroautos oder andere Technologien zurück. Der größte Teil der Wertschöpfung findet also anderswo statt. Afrikanische Wis­sen­schaft­le­r:in­nen wie die kenianische Anthropologin Wangui Kimari bezeichnen diesen Prozess inzwischen als „grünen Kolonialismus“: Umweltressourcen und wirtschaftliche Wertschöpfung werden unter dem Vorzeichen des Klimaschutzes aus Afrika abgezogen.

Äthiopien geht zwar einen eigenen Weg, ist dabei aber keineswegs unabhängig von globalen Lieferketten. Es muss Elektrofahrzeuge, Batterien und Ladegeräte weiter importieren. Doch die Regierung versucht, nicht bloß an der grünen Transformation teilzunehmen, sondern mehr Kontrolle über ihre Voraussetzungen zu erlangen.

Ihre neue, grüne Industriepolitik entwickelte sie als Antwort auf eine eigene Zahlungsbilanz- und Devisenkrise und nicht primär nach den Vorstellungen internationaler Geber. Bei dem Aufforstungsprogramm steht die Stärkung der lokalen Widerstandsfähigkeit im Vordergrund, nicht die Erzeugung von Zertifikaten für internationale CO2-Märkte.

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Belayneh Ameare fährt seit Jahrzehnten denselben verwitterten blauen Lada sowjetischer Bauart durch Addis Abeba. Einst verdiente er mit dem Auto als Taxifahrer sein Geld. Heute muss er immer öfter zusehen, wie elektrische Kleinbusse die Haltestellen und Fahrgäste übernehmen, von denen er lebte. Ameare lehnt die grüne Transformation nicht ab, sagt er. Doch er sorgt sich, ob es in diesem Wandel noch Platz für Menschen gibt, deren Lebensunterhalt von der bisherigen Wirtschaftsweise abhängt, oder ob sie zurückgelassen werden.

So zeigt sich in Äthiopien, dass eine grüne Strategie die nationale Unabhängigkeit stärken, aber gleichzeitig auf individueller Ebene Verlierer hervorbringen kann. Afrika muss als Kontinent deshalb nicht nur die grüne Transformation selbst gestalten, sondern auch sicherstellen, dass die Früchte dieser Souveränität innerhalb der einzelnen Länder allen zugutekommen.

Im September 2025 richtete das Land den zweiten Africa Climate Summit aus und vertrat eine selbstbewusste Position. Afrika, so heißt es in der Abschlusserklärung, ist „nicht lediglich ein Opfer des Klimawandels, sondern eine mit Ressourcen ausgestattete und proaktive Kraft bei der Entwicklung innovativer, nachhaltiger und inklusiver Lösungen“. Der Kontinent solle sich als „globale Drehscheibe für kohlenstoffarme Produktion“ positionieren und so einen „'Green First’-Weg zur wirtschaftlichen Entwicklung“ verfolgen.

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Source: taz