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Tokio streitet über Straßenprostitution: Wer Sex kauft, soll bestraft werden?
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J apans Premierministerin Sanae Takaichi gilt nicht als Feministin. Sie besteht etwa darauf, dass der japanische Kaiser ein Mann sein muss. Zugleich zeigt die erzkonservative Politikerin in manchen Fragen erstaunlich progressive Züge: Dass der Besitz von Kinderpornografie in Japan 2014 strafbar wurde, ist vor allem ihrer Hartnäckigkeit als Abgeordnete zu verdanken. Kaum im Amt, initiierte die frischgebackene Regierungschefin im vergangenen November eine Gesetzesreform, um den Kauf von Sex zu bestrafen. Bisher wurden nur Frauen belangt. Anlass war die Parlamentsdebatte über ein 12-jähriges Mädchen aus Thailand, das illegal in einem „Massagesalon“ in Tokio arbeitete.
Justizminister Hiroshi Hiraguchi ließ daraufhin das Gesetz zur Prävention von Prostitution von Experten prüfen. Ihr vorläufiger Bericht von Ende August fordert eine Regulierung der öffentlichen Freier-Anwerbung, will aber nur das Ansprechen, „erkennbare Herumlaufen“ oder Reagieren auf Angebote bestrafen. Mehr Kriminalisierung könnte den Markt in den Untergrund drängen und die Risiken für Frauen erhöhen. Prostitution zwischen Erwachsenen sollte „aus verfassungsrechtlichen Gründen“ nur vorsichtig reguliert werden.
Die Experten befeuerten mit ihrer Empfehlung die öffentliche Debatte, die bereits seit Einsetzung der Kommission im Februar läuft. Die einen fordern das nordische Modell, das, wie etwa in Schweden, nur Freier bestraft. Andere, darunter Sexarbeiterinnen, lehnen jede Kriminalisierung der Männer ab.
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Das Gesetz von 1956 verbietet den Kauf und Verkauf von Sex: „Niemand darf Prostitution ausüben oder sich daran beteiligen.“ Frauen werden bestraft, wenn sie Männer anwerben, während diese ungeschoren davonkommen. Dieses „geschlechtsspezifische Ungleichgewicht“, so die Zeitung Mainichi, besteht seit 70 Jahren. Sexarbeiterinnen drohen bis zu sechs Monate Haft oder eine Geldstrafe von umgerechnet bis zu 110 Euro, wenn sie öffentlich Kunden ansprechen oder auf sie warten.
Heimliche Treiber der Reform sind Videos vom Straßenstrich um den Okubo-Park und vor den Love-Hotels im Rotlichtviertel Kabukicho in Tokio, die sich in den sozialen Medien verbreiten. Sie zeigen Japaner und Touristen, die freizügig bekleidete, teils sehr junge Frauen ansprechen. Politik und Behörden missfällt, dass diese Seite Japans nun öffentlich wird. Sie wollen keinen Sextourismus, der Japans Ruf schadet.
Eine Vertreterin der Sexarbeiterinnen erklärte bei einer Podiumsdiskussion, ausländische Männer verhandelten mithilfe von Übersetzungs-Apps mit den Frauen. „Die falsche Vorstellung, dass der Kauf und Verkauf von Sex in Japan praktisch toleriert wird, breitet sich aus. Die Strafbarkeit der Anwerbung zum Kauf von Sex würde als Abschreckung für die Nachfrage dienen.“
Die feministische Aktivistin Kanajiri forderte harte Strafen für Männer: „Sex zu kaufen ist eine Form von Gewalt gegen Frauen.“ Die Abgeordnete Masae Ido von der Oppositionspartei DPP plädierte für den nordischen Ansatz: Käufer bestrafen, Verkäuferinnen nicht, ihnen Sozial- und Beschäftigungshilfen anbieten. Die Sexindustrie sei mit Menschenhandel, organisierter Kriminalität, Scouts und der Ausbeutung verletzlicher Frauen verflochten. Auch Yumeno Nito von der Organisation Colabo, die von sexueller Ausbeutung bedrohte Mädchen unterstützt, fordert, dass Sexarbeiterinnen nicht mehr belangt werden. Die Reform sollte auf Käufer und Profiteure zielen.
Die Selbsthilfegruppe Swash argumentiert, dass Strafen für Männer die Kundenzahl und das Einkommen der Frauen senken. Verbliebene Kunden hätten mehr Verhandlungsmacht, was Preisdruck und riskantere Praktiken wie Sex ohne Kondom zur Folge hätte. Swash kritisierte auch, dass die Betroffenen nicht angehört wurden. Die Experten wollen ihren endgültigen Bericht noch in diesem Monat veröffentlichen.
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Source: taz