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Russischer Angriff aufs Baltikum: „Die Nato ist auf einen Drohnenkrieg nicht vorbereitet“
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Wladimir Putin könnte mit der Invasion der baltischen Staaten beginnen, sagt Robert Browdi, Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte. Ihm zufolge könnte Putin bei einem Angriff auf das Baltikum vor allem auf die Überlegenheit seiner Armee bei Drohnen setzen. Die Nato-Staaten seien auf einen Drohnenkrieg nicht vorbereitet.
Auch im Westen befürchtet man einen russischen Angriff auf die baltischen Staaten. Laut Quellen des Wall Street Journal besuchte CIA-Direktor John Ratcliffe Putin Ende August auch deshalb, um ihn vor einem Einmarsch in Nato-Gebiet zu warnen. In den USA gelten die baltischen Staaten dabei als möglicher Schauplatz einer solchen Operation.
Solange der Krieg in der Ukraine andauert, wird die russische Armee nach Einschätzung von Militärexperten vermutlich nicht über genügend Kräfte für eine groß angelegte Invasion verfügen. Putin könnte jedoch versuchen, mit einigen Tausend Soldaten zumindest ein kleines Grenzgebiet zu besetzen.
Sollte sich Russland zu einer Bodeninvasion in einem der baltischen Staaten entschließen, würde das Ausmaß der Operation von der Zielsetzung abhängen. Laut Experten bestünde Russlands Hauptziel nicht darin, größere Gebiete zu besetzen, sondern die Nato zu spalten. Das Kalkül dabei: Angesichts der Gefahr eines groß angelegten Kriegs mit Russland wären einige Mitglieder des Bündnisses möglicherweise nicht bereit, wegen kleiner Gebiete in einen bewaffneten Konflikt einzutreten.
Darüber hinaus könnte Wladimir Putin einen Angriff auf einen der baltischen Staaten als Möglichkeit betrachten, um den Verlauf des Krieges gegen die Ukraine zu verändern. Laut dem Thinktank Atlantic Council ist die Lage an der Front dort in eine Sackgasse geraten.
„Die Logik Europas besteht heute darin, dass der andauernde Krieg in der Ukraine den Zeitpunkt eines möglichen russischen Angriffs hinauszögert“, so die Analysten des unabhängigen Online-Mediums und Analyseprojekts Re:Russland.
Laut den Analysten ist dieses Hinauszögern eines der wichtigsten pragmatischen Argumente dafür, die Ukraine umfassend finanziell und militärisch zu unterstützen. „Der Kreml könnte jedoch versuchen, diese Logik umzukehren und die Gefahr eines groß angelegten militärischen Konflikts in Europa zu einem Teil der Verhandlungen über die Ukraine zu machen.“
„Eine Eskalation des Konflikts ist genau das, was viele in der Welt und in Europa zu vermeiden versuchen werden – und darauf setzt Russland zweifellos“, stimmt der Gründer des ukrainischen OSINT-Projekts Frontelligence Insights zu.
Um ein solches Ziel zu erreichen, könnte Russland versuchen, mit begrenzten Kräften ein kleines Grenzgebiet oder eine Stadt zu besetzen. Nach Einschätzung von Frontelligence Insight könnte dafür ein Regiment von bis zu 2.500 Soldaten ausreichen, unterstützt von der Drohnen-Eliteeinheit „Rubikon“. Ein anschließender Konflikt mit der Nato würde jedoch deutlich größere militärische Kräfte erfordern, sagt der US-Militäranalyst Michael Kofman.
Experten des paneuropäischen Thinktanks ECFR halten für Estland auch ein größeres Szenario für denkbar: die Einnahme von Narva mit einem anschließenden Vorstoß in Richtung der estnischen Hauptstadt Tallinn. Dies könnte von einem Angriff aus der russischen Region Pskow in Richtung Tartu begleitet werden.
Ein weiteres mögliches Angriffsziel ist der Suwałki-Korridor, der sich zwischen der russischen Exklave Kaliningrad und Belarus entlang der polnisch-litauischen Grenze erstreckt. An seiner schmalsten Stelle ist er nur circa 65 Kilometer breit. Würde Russland dieses Gebiet unter seine Kontrolle bringen, wären die baltischen Staaten für Nato-Verstärkung vom Landweg abgeschnitten. Truppen und Ausrüstung könnten dann nur noch über den Seeweg verlegt werden.
Im Juni 2026 fanden investigative Journalisten heraus, dass Russland an seinen Grenzen zu Nato-Staaten – darunter auch zu den baltischen Ländern – Militärbasen baut, auf denen bis zu 115.000 Soldaten stationiert werden können.
Seit dem Beitritt Litauens, Lettlands und Estlands entwickelt die Nato Verteidigungspläne für das Baltikum. Ein im Jahr 2020 verabschiedetes Konzept sah dabei eine vorübergehende russische Besetzung von Teilen der baltischen Staaten und Polens vor: Die dortigen Streitkräfte sollten den ersten Angriff abfangen, bis Verstärkung der Nato eintrifft und die verlorenen Gebiete zurückerobert werden.
Laut der damaligen estnischen Ministerpräsidentin Kaja Kallas waren dafür bis zu 180 Tage vorgesehen. Nach den russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine warnte sie, eine solche Besetzung würde für die baltischen Staaten bedeuten, „von der Landkarte getilgt“ zu werden.
Die Nato hat offiziell nie bestätigt, eine vorübergehende Besetzung eigener Gebiete in Kauf zu nehmen. Auf dem Gipfel in Vilnius im Jahr 2023 beschloss das Bündnis dann eine neue Strategie: Eine Besetzung soll von Beginn eines Angriffs an verhindert werden. Zugleich soll die Nato-Präsenz in den baltischen Staaten von bislang rund 1.000 auf 3.000 bis 5.000 Soldaten pro Land wachsen.
Im Falle eines russischen Angriffs dürfte vor allem die Allied Reaction Force, die schnelle Eingreiftruppe der Nato, zum Einsatz kommen. Ihre Stärke soll von 40.000 auf 300.000 Soldaten steigen. Die Truppe ist nicht dauerhaft im Baltikum stationiert, soll im Ernstfall aber innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein.
Den Beitritt Finnlands und Schwedens betrachtet die Nato als wichtigen Faktor für die Verteidigung der baltischen Staaten. Dadurch haben sich die Möglichkeiten verbessert, Truppen in Litauen, Lettland und insbesondere in Estland über die Ostsee zu versorgen. In Finnland wurde bereits eine Nato-Kampfgruppe in Bataillonsstärke, das heißt mit 300 bis 1.000 Soldaten, aufgestellt.
Die Nato verspricht zudem, die baltischen Staaten vor Raketen- und Luftangriffen sowie Angriffen von See und aus dem Cyberraum zu schützen. Besonders hervorgehoben wird die Mission „Eastern Sentry“. Nachdem russische Drohnen und Flugzeuge im Jahr 2025 wiederholt in großem Umfang den Nato-Luftraum verletzt hatten, verpflichtete sich das Bündnis, zusätzliche Luftverteidigungssysteme, Flugzeuge, Hubschrauber und Fregatten an die Ostflanke zu verlegen.
Nach Schätzungen des International Institute for Strategic Studies verfügen Lettland und Estland jeweils über rund 8.000 aktive Soldaten, Litauen verfügt über etwa 17.000, einschließlich Wehrpflichtiger. Unter Einbeziehung der jeweiligen territorialen Verteidigungskräfte ließe sich diese Zahl innerhalb kurzer Zeit um ein Vielfaches erhöhen.
Die entscheidende Frage ist, ob die Nato-Verbündeten im Falle einer Besetzung kleiner baltischer Grenzgebiete bereit wären, in einen Krieg mit Russland einzutreten. Zwar verpflichtet Artikel 5 die Nato-Staaten zur gegenseitigen Unterstützung, jedoch nicht automatisch zum Kriegseintritt. Jedes Mitglied entscheidet selbst, welche Hilfe es für notwendig hält.
Wie die Verbündeten auf einen russischen Angriff reagieren würden, bleibt daher offen. Das Institut Montaigne hält sowohl ein geschlossenes Eingreifen der Nato als auch eine begrenzte Unterstützung der USA oder sogar einen Verzicht auf Hilfe durch einzelne Bündnisstaaten für möglich.
Die Haltung der USA als mächtigstes Nato-Mitglied könnte entscheidend sein. Donald Trump hat die Verbündeten wiederholt kritisiert und sogar mit einem Austritt aus dem Bündnis gedroht. Die baltischen Staaten versuchen deshalb, zumindest eine kleine US-Truppenpräsenz auf ihrem Gebiet zu sichern.
Sergej Potapkin vom Lettischen Institut für Internationale Beziehungen schreibt, dass damit jeder russische Angriff von Beginn an auch US-amerikanische Soldaten gefährden würde. Das würde den Preis einer Eskalation für den Kreml erheblich erhöhen und aus einer „europäischen Angelegenheit“ eine direkte Herausforderung für die USA machen.
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Source: taz