Germany · taz · · 3h
Regisseur Visar Morina im Gespräch: „Wir sollten mehr über Geld und Geldpolitik sprechen“
Deutsch (original) · Read in English ⇄
In „Von Scham und Geld“, beim Sundance-Festival mit dem Großen Preis der Jury im internationalen Spielfilmwettbewerb ausgezeichnet, kämpft ein Ehepaar im Kosovo gegen den sozialen Abstieg. Steigende Mieten, prekäre Arbeit und Schulden setzen nicht nur die Familie, sondern auch ihre Solidarität unter Druck. Regisseur Visar Morina, 1979 in Prishtina geboren und mit 15 Jahren nach Deutschland gekommen, erzählt nach „Babai“ und „Exil“ erneut von Migration und Zugehörigkeit – diesmal vor allem aber von Geld, Klasse und der Frage, was Armut mit Menschen macht. Die taz sprach mit ihm über ökonomische Abhängigkeit und Deutschland.
taz: Herr Morina, Ihr Film zeigt Menschen, die unermüdlich arbeiten und trotzdem immer weiter absteigen. Was erzählt Shabans Scheitern über das Versprechen, Leistung führe zu Sicherheit und Anerkennung?
Visar Morina: Dieses Versprechen ist weltweit am Verschwinden. Je weniger Geld ich habe und je mehr alles zu einer Frage des Geldes wird, desto eher gerate ich in einen Zustand psychischer Zermürbung und hungere emotional aus.
taz: Im Film schafft beinahe jede Hilfe zugleich eine neue Abhängigkeit. Wie kann Solidarität unter solchen Bedingungen aussehen?
wurde 1979 in Prishtina geboren. Er studierte Filmregie an der Kunsthochschule für Medien Köln. Sein Spielfilmdebüt „Babai“ war 2016 der Oscar-Beitrag des Kosovo. Sein zweiter Spielfilm „Exil“ lief 2020 beim Sundance Film Festival.
Morina: Ich glaube, wenn alles, wirklich alles von einem finanziellen Standpunkt aus bewertet wird, dann wird Solidarität auch eine Art Investition, und sei es eine in die eigene Selbstpflege. Um 2016 gab es eine interessante Diskussion darüber, dass Geflüchtete Handys besitzen. Das Handy als Luxusgut passte nicht in unser Bild eines Menschen auf der Flucht. Dabei ist ein Handy für einen Geflüchteten die Luft zum Atmen: Er muss sich verorten und kommunizieren können. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich weiß nicht, ob es in einer durch und durch kommerzialisierten Gesellschaft möglich ist, Hilfe anzubieten, ohne gleichzeitig eine Rechnung daranzuhängen. Im Film gibt es dennoch Momente der Solidarität, vor allem zwischen dem Paar, auch um einen Gegensatz zu schaffen.
taz: In Hatixhe und Shaban haben Sie auch Ihre Eltern gesehen, wenn diese nicht nach Deutschland gegangen wären. Zugleich bezeichnen Sie Kosovo als gesellschaftliches Labor. Wie persönlich ist dieser Blick?
Morina: Ich spreche von meinen Eltern, um die Geschichte zu verorten und mir einen emotionalen Zugang zu verschaffen. Für mich sind Hatixhe und Shaban ein Paar, das zwischen die Gleise gerät und das Überleben ihrer Kinder, ihrer Familie zu sichern sucht. Sie suchen einen Platz in der Welt, als Menschen, als Paar, als Familie. Und Kosovo als gesellschaftliches Labor: durch die vielen Brüche, durch die die Gesellschaft gegangen ist und weil man Strukturen beobachten kann, die dabei sind, neu zu entstehen. Man bekommt ein anderes Gefühl dafür, wie sich eine Gesellschaft formt. Aus deutscher Sicht erinnert einiges eher an Geschichtsbücher, die man in der Schule behandelt hat, als es noch keine Arbeiterrechte und dergleichen gab, einiges aber doch an heute, was die Entwicklung der Geldverteilung angeht. Insofern ist Kosovo für mich ein Blick nach vorne und hinten.
taz: Steigende Preise, unbezahlbare Mieten und prekäre Arbeit bestimmen den Alltag der Figuren. Hat das Ökonomische das Politische abgelöst?
Morina: Für mich ist das eins. Ich wüsste nicht, was das Politische sein soll ohne das Ökonomische. Am Ende ist alles eine Frage des Geldes, so scheint es mir zumindest, auch Klasse und Rassismus. Ich glaube, wir sollten mehr über Geld und Geldpolitik sprechen. Mit dem Label „politischer Film“ habe ich etwas Probleme. Das Politische bei solchen Filmen empfinde ich oft als eine Schleife, die man nach dem Bezahlen an der Kasse aus der Verpackungsabteilung dazuholt. Bei der Figur von Shaban war für mich interessant, dass er sich im Laufe des Films bewusst wird, wo er steht, wie er zu den anderen steht und unter welchen Umständen. Und damit politisiert er sich, zumindest ist es das, was ich unter „politischem Denken“ verstehe.
taz: Weil ein Film immer vom konkreten Leben seiner Figuren ausgehen muss?
„Von Scham und Geld“. Regie: Visar Morina. Mit u.a Deutschland/Kosovo/Slowenien/Albanien/Nordmazedonie/Belgien 2026, 129 Min.
Morina: Ich glaube, ein Film erzählt im besten Fall etwas über die Zeit und den Ort, an dem wir leben, und ich weiß nicht, wie das gehen soll, ohne das Private zu zeigen und ohne im Privaten die Auswirkungen des Orts und der Zeit, in der wir leben, zu zeigen. Also ja, auch wenn es abgedroschen klingt, aber ja, und ich glaube ausschließlich, sonst verliert es das Konkrete und wird damit bedeutungslos.
taz: Sie kamen mit 15 Jahren mit Ihren Eltern und Brüdern nach Deutschland. Wie hat sich Ihr Blick auf das Land verändert?
Morina: Mein Blick auf Deutschland hat sich verändert. Die Art und Weise, wie meine Familie in Deutschland lebt – einer meiner Brüder lehrt in Münster, ein anderer ist Programmierer bei Volkswagen –, und die Tatsache, dass ich hier Filme machen kann, spricht sehr für dieses Land. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass wir gerade viele dieser Selbstverständlichkeiten verlieren.
Morina: Zum Beispiel daran, dass ein Kulturstaatsminister meint, Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle absetzen und ein Treffen einberufen zu können, ohne sie einzuladen. Er braucht eine gewisse Selbstverständlichkeit zur Macht, um zu meinen, sich das erlauben zu können. Zugleich macht mich der Vergleich zwischen dem Kosovo und Deutschland etwas konservativer, weil ich viele Dinge hier wirklich schätze. Ich finde es sinnvoll, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht direkt vom Geldtopf der Politik abhängt. Es gibt institutionelle Strukturen, die man verbessern kann, die ich im Kern aber sehr gut finde.
Read the full story at the source
Source: taz