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Quinn Slobodian über Trump und Big Tech: „Wir müssen herausfinden, was wir stattdessen wollen“

Die US-Tech-Giganten sind mit dem MAGA-Staat verschmolzen. Doch diese Entwicklung könnte sich bald wieder umkehren, sagt der Wissenschaftler Quinn Slobodian. mehr...

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taz: Herr Slobodian, Elon Musk hat den republikanischen Wahlkampf für die Midterms mit mehr als 400 Millionen Dollar unterstützt. Was verspricht er sich davon?

Quinn Slobodian: Ungünstige Gesetze und Vorschriften können das Geschäftsmodell von SpaceX erheblich beeinträchtigen. Das gilt beispielsweise für Genehmigungen von Raketenstarts, für die Erlaubnis, weitere Satelliten in niedrigeren Erdumlaufbahnen zu platzieren, für die Vergabe von Frequenzlizenzen oder für Musks Mobilfunkpläne. Darüber hinaus vertritt er immer wieder die Überzeugung, die Demokratische Partei sei von woken Sozialisten übernommen worden, die den Fortschritt der Zivilisation aufhalten würden – so, wie Musk diesen Fortschritt versteht.

ist Professor für Geschichte an der Boston University. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Crack Up Capitalism“, eine Analyse des postneoliberalen Globalismus, und „Muskism“, ein Annäherungsversuch an die globale Wirtschaftsordnung im Zeitalter der Technologie-Giganten.

taz: Welche dieser beiden Erklärungen trifft seine tatsächlichen Motive besser?

Slobodian: Man kann das nicht voneinander trennen. Musk ist kein Intellektueller, sondern ein Kapitalist. Seine geschäftlichen Interessen sind zugleich seine geistigen. Ich glaube nicht, dass Musk lügt, wenn er seine Sorgen über das sogenannte „Woke-Mind-Virus“ äußert. Aber das liegt daran, dass er in dieser Art von Politik seine wirtschaftlichen Interessen gefährdet sieht.

taz: Wäre denn das Gesamtsystem des Muskismus, das Sie auch als „Symbiotischen Staat“ bezeichnen, gefährdet, wenn die Demokraten bei den Zwischenwahlen den Senat oder das Repräsentantenhaus zurückerobern?

Slobodian: SpaceX und Tesla gehören zu den zehn größten Unternehmen am US-Aktienmarkt. Die Gesundheit dieses Marktes hängt davon ab, dass Investoren Unternehmen wie die von Musk als vertrauenswürdige Anlageziele betrachten. Wenn die Demokraten gegen Musk vorgehen wollen – und es sieht so aus, als wollten sie das –, müssten sie deshalb sehr gezielt vorgehen und anderen Unternehmen glaubhaft versichern, dass sie nicht als Nächstes an der Reihe sind.

taz: Aber dann wäre das System, das Sie als Muskismus bezeichnen, doch nicht verändert?

Slobodian: Das stimmt. Ich verwende den Begriff Muskismus so, wie andere den Begriff Fordismus verwendet haben. Es geht um ein System der Gewinnerzielung und um die gesellschaftlichen Strukturen, die Zustimmung zu diesem System herstellen. Die Konzentration wirtschaftlicher Macht ist nicht auf Musk beschränkt. Viele der grundlegenden Dynamiken, die die Tech-Branche 2024 in die Arme von MAGA getrieben haben, bestehen weiterhin. Und ich habe bislang keine überzeugende Erklärung von demokratischen Politikern gehört, wie sie erreichen wollen, was ihnen schon damals nicht gelungen ist.

taz: Sie glauben also, dass das der symbiotische Staat – diese enge Verbindung zwischen Staat und Tech-Unternehmen – auf absehbare Zeit bestehen bleiben wird?

Slobodian: So weit würde ich nicht gehen. Der Begriff beschreibt den gegenwärtigen Zustand. Unter der Trump-Regierung wird diese Verbindung vertieft und beschleunigt. Aber es gibt durchaus Möglichkeiten, die US-Wirtschaft relativ schnell wieder breiter aufzustellen. Die Technologiebranche ist schließlich nicht die einzige Stärke der USA. Eine vernünftige demokratische Regierung würde versuchen, Investitionen wieder stärker in andere Bereiche zu lenken: in erneuerbare Energien, aber auch in traditionelle amerikanische Stärken wie Forschung und Entwicklung.

taz: Sie haben den wachsenden Unmut in der Bevölkerung erwähnt. Glauben Sie, dass die Bevölkerung inzwischen verstanden hat, wie dieses System der symbiotischen Verbindung von Staat und Technologieunternehmen funktioniert und welche Macht die großen Tech-Konzerne besitzen?

Slobodian: Ich denke schon. Als die Branche sich Ende 2022 mit der Einführung von ChatGPT auf das neue Wachstumsversprechen der generativen KI konzentrierte, änderte sich praktisch alles. Die Unternehmen konnten sich nicht mehr einfach auf Distanz zur Bundesregierung halten, so wie sie sich das in der Ära von Web 2.0 – der Ära der Plattformen – vorgestellt hatten.

taz: Wegen des enormen Bedarfes an Datenzentren.

Slobodian: Genau. Für die neue Entwicklung brauchen sie große Flächen, enorme Wassermengen, günstige Energie und die Beseitigung regulatorischer Hindernisse. In manchen Schätzungen ist von Investitionen in Höhe von bis zu 10 Billionen Dollar innerhalb des nächsten Jahrzehnts die Rede. So ein historisch beispielloses Vorhaben lässt sich nicht umsetzen, ohne dass die Bevölkerung darauf aufmerksam wird. Menschen aus unterschiedlichen politischen Lagern fragen sich: Was zum Teufel passiert hier eigentlich? Und was soll für mich dabei herausspringen? Die Unternehmen haben keine überzeugende Antwort darauf.

taz: Die Ausbreitung der Rechenzentren hat die Macht dieser symbiotischen Verbindung von Staat und Wirtschaft für die Menschen konkret erfahrbar gemacht, deshalb richtet sich ihr Ärger gegen das gesamte System?

Slobodian: Bislang richtet sich der Ärger der Menschen vor allem gegen die gewählten Politiker, weil sie den Ausbau zulassen.

taz: Sie sprechen in Ihrem Buch von den drei Rs, die dazu beitragen könnten, das System zu verändern – Regulation, Replacement (Ersetzung) und Reimagination. Das Wichtigste davon sei die „Reimagination“, also die Fähigkeit, sich etwas grundlegend Neues vorzustellen. Wie könnte man das gegenwärtige System neu denken?

Slobodian: Nehmen wir künstliche Intelligenz. Es werden gewaltige Summen in der Hoffnung ausgegeben, Arbeitskräfte einzusparen, was für diejenigen, die über die entsprechenden Werkzeuge verfügen, äußerst profitabel ist. Aber man kann sich – und solche Anwendungen existieren bereits – wesentlich bescheidenere Formen derselben Technologie vorstellen, die für gesellschaftlich produktive Zwecke eingesetzt werden.

Slobodian: Ein Beispiel ist die Forschung, die mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet wurde. Da wurde ein Modell entwickelt, das die unterschiedlichen Formen vorhersagen kann, die Proteine annehmen können. Das könnte wissenschaftliche Durchbrüche und die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden für Krankheiten ermöglichen.

taz: Es ginge also darum, die Technologie für gemeinnützige Dinge und echten Fortschritt einzusetzen.

Slobodian: Ich halte es für gefährlich, wenn sich um technologische Neuerungen ein grundsätzliches Stigma als Arbeitsplatzkiller entwickelt. Disruptive Technologien erfordern eine neue gesellschaftliche Verständigung darüber, wie ihre Folgen verteilt und ausgeglichen werden. Es braucht neue Kompromisse, die auch die betroffenen Bevölkerungsgruppen berücksichtigen. Man muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie an diesem Prozess beteiligt sind und ihn mitgestalten können.

taz: Das größte Problem am Muskismus ist also, dass die großen gesellschaftlichen Umwandlungen undemokratisch vorangetrieben werden?

Slobodian: Ja, das ist der Kern des Problems. Die Menschen müssen selbst entscheiden können, was in ihrem Leben wichtig ist und was nicht.

taz: In gewisser Weise geht es also darum, in diesem neuen technologischen Umfeld ein weniger zynisches, stärker am Menschen orientiertes Leben zu ermöglichen?

Slobodian: Die Entwicklung zwingt uns dazu, grundlegende Kategorien unseres gesellschaftlichen Lebens neu zu hinterfragen. Oberflächlich betrachtet ist zum Beispiel die Vorstellung, dass wir Arbeit verteidigen sollten, ein wenig merkwürdig. Warum sollten wir uns eigentlich nicht darüber freuen, von Arbeit befreit zu werden? Aber das wäre für eine linke Zukunftsvision natürlich zu kurz gedacht. Es geht auch um die Würde der Arbeit. Insofern könnte eine neue Vorstellung von Gesellschaft tatsächlich darin bestehen, die Bedeutung von Arbeit neu zu denken. Für solche Überlegungen sollten wir offen sein.

taz: Bislang gibt es solche Debatten aber kaum. Es gibt nur ein Anti-Gefühl gegen die Symbiose des Staates und der Technologiebranche.

Slobodian: Diese Verweigerung ist eine Chance. Sie ist nicht das Ende eines politischen Prozesses, sondern dessen Anfang. Bewegungen können entstehen, weil Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen einen gemeinsamen Gegner erkennen und sich zunächst schlicht weigern, dessen Vorstellungen zu akzeptieren. Die eigentliche Arbeit beginnt aber danach. Die Rechenzentren haben gezeigt, was viele Menschen ablehnen. Nun müssen wir herausfinden, was wir stattdessen wollen.

Originally published bytaz
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