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Punkbands Deutsche Laichen und Screamer: Sie haben Spaß, Wut und Hoffnung gegen Hass
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Ein halbes Jahrhundert Punk, und irgendwie will sein von energetischem Dilettantismus und schlichter Wut angetriebener Motor einfach nicht kaputtgehen. Was auch daran liegen muss, dass „Punk“, schwer genug zu definieren, immer wieder neue künstlerische Ausdrücke für sich erfunden hat. Nur in seiner erstarrten musikalischen Formensprache, wenn Punk zu Punkrock wird, kommt es zu einer Verbierzeltung, die der Musik alles Schillernde und Interessante austreibt. Zu hören auf der ersten Abschiedstournee der Toten Hosen, deren Rockmusik, bei allen Verdiensten, von einer wirklich betäubenden Langeweile ist.
Gibt es so etwas wie einen Kern von Punk, der alles, was daran geil war und ist – von den Anfängen über die Experimente des Postpunk –, miteinander verbindet? Und der dem, was an Punk scheiße ist, widerspricht? Wahrscheinlich nicht. Man soll an Pop ja nicht mit essenzialistischen Ideen rangehen. Anhand von zwei kürzlich erschienenen Alben kann man das, was Punk war und ist, skizzieren.
Vorher aber kurz nachlesen: Greil Marcus beginnt eines der sieben besten Bücher über Punk, „Lipstick Traces“, mit einer Beschreibung der Zahnweh-Stimme von Sex-Pistols-Sänger John Lydon: „Ein Organ, das sämtliche gesellschaftlichen Fakten leugnete und dadurch beteuert, dass alles möglich war“. Eine Stimme außerdem, die „für jeden verfügbar zu sein schien, der sich traute, sie benutzen“. „Fakten leugnen“ war bei im Urtext, den die Sex-Pistols-Debütsingle „Anarchy in the U.K.“ (1976) darstellt, allerdings nicht eskapistisch gedacht, sondern im Wissen um die Zwänge, die den jungen Menschen umfangen und erwarten, in die Welt geschrien.
Deutsche Laichen: „Punk ist Scheiße, Punk ist geil“ (Pretty on the Inside/Broken Silence); live am 26. September 2026 im Juzi Göttingen
Screamer: „Das verschollene Tape“ (Sterbt Alle Records/Broken Silence)
Damit ist schon einiges, was Punk war und ist, benannt: Leugnen, wie man Dinge gemeinhin zu lösen hat, und einfach was anderes machen. Was dann eine Öffnung zur Folge hatte: jede/r, der/die wollte, konnte Punk. Diesen Impuls beschreibt Marcus als Geste eines radikalen Nein, das er in „Lipstick Traces“ mit anderen künstlerischen Avantgarden in Verbindung bringt, mit Dada und dem Situationismus vor allem.
Aber das führt hier zu weit. Am besten direkt bei der Musik nachfragen. Eine der besten jüngeren Punkbands hierzulande sind Deutsche Laichen und kommt aus Göttingen. Ihr zweites Album heißt „Punk ist scheiße, Punk ist geil“, und die dem Genre eigene Dringlichkeit transportiert sich auch hier über die Stimme, die der schlechten Normalität schreiend Gewalt androht: „Ein Riss kommt selten allein / Alles, was steht / Reißen wir ein“. Wut kann man unterschiedlich klingen lassen, autodestruktiv, frustriert (dann klingt es schnell depressiv) oder geradeaus hasserfüllt.
Die Wut von Deutsche Laichen ist queerfeministisch unterfüttert, ultraenergisch, und Sängerin Krätze zuzuhören bringt Spaß. Der Song „Zelle“, so erzählt die Band im taz-Interview, „ist zum Beispiel ein Liebeslied an friendships und unsere community, deswegen wollten wir dem Sound bewusst einen sehr positiven musikalischen Vibe geben. „Wir brauchen Hopecore, um dem Hass etwas entgegenzusetzen.“
Das Politische an der Musik der Göttinger hat nichts Parolenhaftes, sondern ist von der eigenen Situation aus gedacht und erzählt. „Aus queerfeministischer Perspektive steht beides in einer klaren Relation, das Private ist ja immer politisch“, sagt die Band. „Liebeslieder sind politisch, weil Liebe politisch ist.“
Der Musik hört man das Autodidaktische an. Der Punk von Deutsche Laichen hat nichts Defizitäres, sondern führt oft zu einer eigenen Klangsignatur. „Unser Sound ist nicht von oben heraus gedacht, sondern über die Jahre organisch gewachsen. Wir kennen uns und zum Beispiel auch unsere jeweilige Musiksozialisierung sehr gut, deshalb hat unser neues Album auch so viele genreübergreifenden Referenzen.“
Die Gitarren von Deutsche Laichen klingen manchmal nach Sonic Youth, und gehört haben die MusikerInnen in der Jugend nicht zuerst deutschen Politpunk, Rollenmodelle waren Courtney Love, Brody Dalle und Sängerin Poly Styrene von der britischen Band X-Ray Spex.
Zurück zu den Anfängen. Auf dem verdienstvollen Label Sterbt Alle Records sind die Proberaumaufnahmen der Hamburger Ur-Punkzelle Screamer erschienen. Schlagzeuger und Sänger Stephan Mahler und der Gitarrist Christian Mevs spielten später bei Slime, und einige der bereits um 1979 und 1980 entstandenen Screamer-Songs auf der Compilation „Das verschollene Tape“ tauchten danach auch in neuen Fassungen als Songs der ersten drei Slime-Alben auf.
Das große Nein, das Greil Marcus als einen Kern von Punk beschreibt, zeigt sich hier in einem politisierten Vokabular. Die Musik auf „Das verschollene Tape“ erstrahlt in schönstem Proberaum-Noise, transportiert viel überschüssige Energie und Unmittelbarkeit. Slime hatten das später auch. Aber Slime waren als Band sehr schnell sehr geübt, und weil man bei Screamer die Texte in dem ganzen Lärm kaum versteht, hat Greil Marcus’ Nein auch hier wieder etwas unterschwellig Grundlegendes und Umfassendes.
Der Sound von Screamer, fabriziert von jungen Menschen, die damals gerade mit der Schule fertig waren, schießt noch in alle Richtungen. Der Impuls, sich, wie Mevs erzählt, für sechs Bandproben die Woche im Keller einzuschließen, war ein wenig breiter und nicht nur „politisch“: „Es ging vor allen Dingen um Energie, um Widerstand, darum, anders zu sein. Das war relativ einfach nachzuvollziehen und auch selbstwirksam. Dadurch habe ich mich sofort aufgehoben gefühlt, weil ich nicht alleine war.“ Stephan Mahler ergänzt: „Man hört unsere ganze jugendliche Energie. Und erstaunlicherweise klingt es auch ziemlich gut. Diese Tapes lagen ja irgendwo noch rum. Das ist glaubhaft und völlig unverstellt.“
„Glaubhaft und völlig unverstellt“ bedeutet im Punk-Kontext nun gerade nicht „Authentizität“ (die gehört als Suggestion und als Versprechen eher zum Rock oder zum Punkrock), sondern Eigensinn. Musikalisch zum Beispiel im Spiel von Mahler, der das Schlagzeug eher wie eine Gitarre spielt („Ich habe zwar hinten gesessen, aber ich habe mich als gleichwertigen Teil der Instrumentalisierung gesehen“) und nach Slime – wie auch Christian Mevs – musikalisch ins Offene ausgeschert ist und mit sehr vielen Projekten sehr unterschiedliche Musik macht. „Punk, unsere Sozialisation, unsere Persönlichkeit, das wird auch nie irgendwie rausgehen.“
Wenn man Punk nicht mehr als „Drei Akkorde, zackig gespielt, und vorne schreit einer“ definiert, sondern als bestimmte Haltung, die sich auch aus den von Greil Marcus skizzierten Punkten zusammensetzt, dann kann man Punk auch in den späteren, experimentelleren Projekten von Mahler und Mevs hören: Belgrad, Mahler/Fondermann, Rossburger Report, Mastino. Und in der klassischen Form in den späteren Bands des 2025 verstorbenen Screamer-Gitarristen Martin Witte, der, wie Stephan Mahler, in gefühlt jeder zweiten Hamburger Punkband gespielt hat. Zum Beispiel bei Napalm, Punkenstein, Razors, Torpedo Moskau und Noise Annoys.
Ändern tut das alles nichts, also zumindest, so erklärt Greil Marcus, gemessen „an den absoluten Ansprüchen, die von den Sex Pistols für so kurze Zeit erzeugt wurden“ (die lebensrettenden Potenziale, die Punk für viele individuell hatte, kann man gar nicht überschätzen). Marcus weiter: „Die Musik strebt danach, das Leben zu verändern; das Leben geht weiter, die Musik bleibt zurück; nur darüber lässt sich noch reden.“
Es gibt so eine Art tradierte Punk-Cleverness, eine bestenfalls strahlende Intelligenz, die man in urbanen wie provinziellen Punk-Kreisen lernen konnte. Eine Mischung aus Direktheit, ausgeprägter Renitenz, Fuck-you-Attitüde und Witz. Punk war last but not least das Versprechen, dem „Das Leben ist halt so“ zu entkommen. Das Werk von Stephan Mahler und Christian Mevs zeigt, dass das zumindest auf der musikalischen Ebene klappen kann.
Man muss im Alter nicht so klingen wie die Toten Hosen und auch nicht wie Kettcar. Entscheidend ist ein unkaputtbarer Eigensinn. Und die Songs von Deutsche Laichen klingen ebenfalls so, als könnte man die Menschen, die diese Musik spielen, so schnell nicht dumm machen.
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Source: taz