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Germany · taz · · 2h

Power-Dressing: Herbst der breiten Schultern

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Bei der Wahlberichterstattung am vergangenen Sonntag fällt sofort der Hosenanzug von ARD-Moderatorin Susanne Stichler auf. Er ist supercool, braunrot und verleiht ihr mit seinem schnörkellosen Schnitt eine souveräne Ausstrahlung. Mit den leichten Retroanklängen erinnert er sogar ein wenig an früher, als die großen Volksparteien SPD und CDU noch eine tragendere Rolle spielten, aber vor allem erinnert er daran, dass das sogenannte Power-Dressing seit einiger Zeit wieder schwer angesagt ist.

Der Begriff Power-Dressing stammt aus den 70ern und 80ern, als Frauen die Politik und Wirtschaft eroberten und sich dafür oft eher männlich kleideten, um ebenbürtig zu erscheinen. Ihre Kleiderwahl war Selbstschutz, Selbstbewusstseinsboost und Karrieremotor in einem. Denn das schlichte, an männliche Bürokleidung angelehnte Joboutfit strahlte Durchsetzungskraft und Machtbewusstsein aus und führte zumindest in einigen Fällen auch nachweislich zum beruflichen Erfolg, wie die politische Schlagkraft von Margaret Thatcher belegt, die eine bekannte Power-Dresserin war.

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Heute sind androgyne Hosenanzüge, Oversizeblazer – die ob ihres Schnitts ebenso gut Sakkos genannt werden können, weil sie dem Boyfriend genauso passen wie einem selbst – und riesige Mäntel mit sogenannten Statementschultern aus der Fashionwelt nicht mehr wegzudenken. Auf den Modeschauen für diesen Herbst und Winter waren sogar wieder einige Kleidungsstücke zu bewundern, bei denen die Schulterpolster der Star des gesamten Outfits sind. Man kennt es: Eine neue Wirtschaftskrise, und schon lassen die Eighties grüßen.

Bei so viel Huldigung der schwarz-blau-grauen Kapitalistenuniform ist es kein Wunder, dass dieser Look auch seine Kri­ti­ke­r*in­nen hat. Allen voran die verstorbene Vivienne Westwood, die mit ihrer aufsehenerregenden Mode einen anderen Weg wählte, um Frauen zu einem modernen und emanzipierten Erscheinungsbild zu verhelfen. Statt die männliche Mode mehr oder weniger nachzuahmen, wie es manche ihre Kol­le­g*in­nen taten, parodierte sie sie, mischte sie mit Elementen ehemals weiblicher Unterdrückung wie Korsett und Reifrock und verwandelte sie damit in ein Symbol der Stärke.

Ein großes Stück weit ist es also auch ihr zu verdanken, dass heute fast alles geht: überdimensionale Mäntel mit fetter Schulterpolsterung zu zarten Seidenblusen oder überlange Krawatten zu bunten High Heels in Lack. Überhaupt ist es in progressiven Kreisen ja längst einerlei, ob ein Kleidungsstück weiblich oder männlich konnotiert ist, und das ist auch gut so. Denn manchmal möchte man eher die Power einer wunderschönen Fee besitzen und manchmal die eines Manns mit starken Schultern, womit aber auf gar keinen Fall Donald Trump gemeint ist.

Das Schöne ist: Diese Saison geht beides, weil die schmal geschnittene Taille zu expressiven Schultern vielen Blazern eine hinreißende Unisex-Ästhetik aus Sanduhr und maskuliner Dreiecksform beschert. Ob nun breit oder extrabreit – bei all dem Wirbel, den der katastrophale Aufstieg der AfD und Merz’ Herbst der Reformen gerade verursachen, können starke Schultern nicht schaden.

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Source: taz