Germany · taz · 2h
Performance in der Gemäldegalerie: Ein Schrei der Objekte
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Der Raum in der Berliner Gemäldegalerie hat etwas von einer Zeitkapsel: ein hoher Saal, Fischgrätenparkett, steingraue Wände. An ihnen hängen Bilder, die Jahrhunderte überdauert haben: die acht erhaltenen Tafeln des „Wurzacher Altars“ von Hans Multscher aus dem Jahr 1437, eine Altartafel aus dem 13. Jahrhundert, deren Goldgrund noch immer leuchtet. Doch an diesem Montagvormittag zieht ein anderes Bild die Blicke auf sich.
In der Mitte des Saals liegt eine Frau im weißen Nachthemd auf einer hölzernen Museumsbank, den Rücken zum Publikum, das lange graue Haar offen, an den Füßen schmutzige weiße Socken. Unter der Bank liegt eine jüngere Frau im zu großen weißen T-Shirt, die Beine angezogen, das Gesicht dem Eingang zugewandt. Die Gemälde an den Wänden sind da. Doch der Blick der Besucher gehört den zwei lebendigen Körpern im Raum.
Plötzlich richtet sich die Frau auf. Sie erhebt sich und geht langsam in den nächsten Raum. Die Besucher folgen ihr. Kaum dort angekommen, zieht im nächsten Saal erneut ein menschlicher Körper die Aufmerksamkeit auf sich: diesmal ganz in Schwarz, schlaff an einer Pole-Dance-Stange hängend.
Es ist der Presserundgang für die Performance „Alternde Meister“ von Regisseur Ersan Mondtag und Kurator Nadim Samman. Sie haben 25 Performer*innen verschiedener Generationen in 16 Räumen der Gemäldegalerie inszeniert, in denen die Zuschauer*innen sich frei bewegen können. Die Koproduktion von Gemäldegalerie und Berliner Ensemble feiert am Freitag im Rahmen der Art Week Premiere.
Versprochen wird ein Dialog zwischen den Bildwelten der Alten Meister und heutigen Körpern, ein Tableau vivant, das um Erschöpfung und Erneuerung, Verschwinden und Fortbestehen kreist. Zu erleben ist eher ein Monolog der performenden Körper, zumindest in den Ausschnitten, die beim Presserundgang zu sehen sind. Einer allerdings mit starken, mitunter verstörend schönen Bildern.
Sie hätten alle Performances mit einer Mini-Geschichte unterlegt, erzählt Mondtag. Im Botticelli-Saal durchlebe der Schauspieler Frank Büttner gleich einen Autounfall, die Besucher*innen könnten ihm zehn Minuten lang beim Sterben zusehen. Und Eva-Maria Keller erwache im Saal mit der frühen deutschen Tafelmalerei aus einem Albtraum und begehe dann Suizid.
In einer Saalecke sitzt Paul Herwig an einem schwarzen Schminktisch und betrachtet sich mit gerunzelter Stirn im Spiegel. Hinter ihm: Adam und Eva mit dem angebissenen Apfel. Candice Breitz steht auf einem quadratischen weißen Laken und schält Kartoffeln, Peter Luppa liegt nackt auf einer Museumsbank und „spürt den Raum“. Vor Cranachs „Jungbrunnen“ wird die Tänzerin FRZNTE zum Bild von Erschöpfung und Erneuerung.
Im zentralen Rembrandt-Saal stehen etwa zehn Frauen in weißen Kleidern und singen eines von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“. Begleitet werden sie von einem selbstspielenden Flügel. Hier kommen die Performer*innen alle zwanzig Minuten zu einem Ritual zusammen, sagt Mondtag, eine Art inszeniertes Begräbnis.
Mondtag geht es auch um die Frage, was wir überhaupt sehen, wenn wir einen Menschen anschauen. Er möchte, wie er sagt, „einen Menschen anschauen, bevor aus dem Menschen ein Bild wird“. Menschen würden heute allzu schnell auf ihre Biografie, ihre Position, ihre Erfolge reduziert. „Alternde Meister“ will dagegen Menschen zeigen, bevor sie zu solchen Bildern geworden sind.
Ganz überzeugt dieser Ansatz nicht, spielt Mondtag doch selbst mit dem „Bild“ seiner Performenden. Einige von ihnen sind sicherlich gerade wegen ihrer Biografie und öffentlichen Rolle Teil dieser Arbeit: Techno-Legende Westbam etwa, der ehemalige Türsteher Frank Küster oder auch der frühere Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann. Ihre Namen bringen bereits Bilder mit sich.
Ersan Mondtag und Nadim Samman: „Alternde Meister“. Gemäldegalerie, Freitag, 11. 9, 19 und 20.30 Uhr; Samstag, 12. 9., und Sonntag, 13. 9., jeweils 10.30, 13 und 15.30 Uhr
Berlin definierte sich lange über Jugend, Nacht und die Vorstellung, dass die Party niemals enden müsse. Nun, sagt Mondtag, sei Morgen. Berlin altert. Und mit ihm eine Szene, die sich selbst gern als jung und unangepasst verstand. „Alternde Meister“ versammelt ihre Körper deshalb dort, wo alles auf Dauer gestellt scheint: zwischen Bildern, die Jahrhunderte überlebt haben.
Doch die angekündigte Begegnung zwischen den alten Bildern und den heutigen Körpern bleibt am Ende weitgehend aus. Die Gemäldegalerie liefert eine beeindruckende Kulisse, aber die Gemälde werden selten zu wirklichen Partnern der Inszenierung. Die lebendigen Körper ziehen die Aufmerksamkeit auf sich, die Bilder bleiben stille Objekte, ein Hintergrundrauschen.
Besonders deutlich wird dies, wenn ein schrilles Heulen das Hintergrundrauschen unterbricht: Immer wieder löst ein Besucher in den vollen Räumen die Alarmanlage aus. Ein Schrei der Objekte: Für einen kurzen Moment verlieren die lebendigen Körper ihre Sinnlichkeit und die Gemälde treten in den Vordergrund. Den intensivsten Dialog mit den Alten Meistern stellt ausgerechnet die Alarmanlage her.
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Source: taz