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Peggy Mädler: In der totalen Ordnung
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Wie bleibt der Mensch in Bewegung, wenn er eingesperrt ist? Wenn die Diktatur allem Lebendigen misstraut, weil es die Ordnung zu sprengen droht? Vielleicht in Gedanken und Gefühlen. Im inneren Aufbegehren gegen das Bestehende und im Träumen vom Besseren, in dem, was Peggy Mädler „Momente intensiver Anwesenheit“ nennt. In ihrem neuen, für den Deutschen Buchpreis nominieren Roman „Selbstregulierung des Herzens“ nimmt sie die Lesenden über drei Jahrzehnte hinweg mit zu Georg und Roland, Helga, Marlies, Mona und Konrad. Man liest von ihrem Aufbruchwillen in den 1960ern, dem Willen, die DDR mitzugestalten, dann vom Schock angesichts der Gewalt in Reaktion auf den Prager Frühling. Von der Flucht von Roland, von Heirat, Geburt und Scheidung, der Anpassung und der Resignation. Vor allem erzählt Mädler aber davon, wie die Menschen auch in der totalen Ordnung ökologische Nischen der Unangepasstheit finden. Das Herz fügt sich nun mal nicht der Planwirtschaft.
Da ist zum Beispiel die Geschichte von Mona und Konrad, ein junges Künstlerpaar aus Ostberlin, die in den 1960ern eine Datsche außerhalb der Stadt suchen. Vor den Behörden geben sie das „Vorzeigepaar der Deutschen Demokratischen Republik“ und dürfen das Haus kaufen. Sie nutzen es mit Freunden als Refugium, in dem diskutiert und gestritten und geliebt werden darf, wie sie wollen. Das Buch hat in diesen Passagen viel von Christa Wolfs „Sommerstück“, nur kommt man nicht so durcheinander mit den Figuren. Peggy Mädler glänzt hier mit präzisen Beobachtungen sowohl der Menschen – „Mona mochte Elkes trockene, raubeinige Art, die Verbindlichkeit dahinter“ – als auch der Umgebung: „Wolken, wie frisch gewaschen und am Himmel zum Trocknen aufgehängt.“
Auch mit schonungslosen Beschreibungen des Lebens spart das Buch nicht. „Selbstregulierung des Herzens“ erzählt von einem Land, in dem der Staat sich weder um die Bleireste in den Lungen seiner Fabrikarbeiter noch um im Badesee entsorgte Schlachtereiabfälle kümmert. Ein „Drecksleben“ nennen es die Mitarbeiterinnen von Helga in der Fabrik. Von den Menschen, die dieses Leben ertragen, erzählt das Buch keine Opfergeschichte, sondern beschreibt sie als zähe und wache, wenn auch bisweilen verzweifelnde Menschen.
Immer wieder müssen sie ihre Impulse regulieren, wie ein System, das dem Chaos entgegensteuert, sei es ein ungeplantes Verliebtsein oder die Flucht eines Freundes. Auch Freundeskreise müssen sich regulieren, etwa, um einen Umgang mit einem Parteimitglied in ihrem Umfeld zu finden, sie streiten und schließen ihn aus, nehmen viel später aber doch seine handwerkliche Hilfe an. Und Eltern müssen sich regulieren, um das Hadern mit dem eigenen Kind zu ertragen, das unbedingt mit kurz geschnittenem Haar und Pionierkleidung hineinpassen will ins sozialistische Schulsystem.
Dabei, und das macht den Roman angenehm zu lesen, erzählt Mädler keine Heldengeschichten. Ihre Figuren müssen sich dem Regime anpassen, viele wollen es aber auch. So entscheidet sich Mona zunächst für den Beruf als Werbegrafikerin und gegen die freiere Malerei. Was opportun erscheint, ist im Roman das Ergebnis einer nachvollziehbaren Abwägung: „In den ersten Tagen ihrer Anstellung saß sie lange vor dem leeren Papier, den Bleistift in der Hand, ohne einen Strich zu setzen. In ihrem Kopf ein einziges Suchen. Schließlich tauschte sie den Bleistift gegen die Zeichenkohle und schwärzte behutsam das Papier, von oben nach unten, bis kein Weiß mehr übrig blieb. Das war Anfang September 1968 gewesen, kurz nach dem gewaltsamen Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag. Es gab ein Leben vor diesem Sommer und ein Leben danach. So empfand sie es, so empfanden es alle ihre Freunde. Am Ende zerknüllte sie das geschwärzte Papier, wusch sich die Hände und fing von vorn an. In der Malerei hätte sie sich nicht so zusammenreißen können.“
Über die Arbeit in der DDR erfährt man überhaupt viel im Roman, vom Programmieren mit Lochkarte, von der Steuerung der Infrastruktur Ostberlins, von eingefrorenen Toilettenrohren in der Chemiefabrik. Die Ausführungen haben Längen, wo sich die Ödnis der äußerlich normierten Arbeitswelt auf die Figuren überträgt: „Das Land kam ihm wie eingefroren vor, der Glaube an eine mögliche Varianz von Verhaltensweisen erstarrt.“
In Bewegung kommt die Erzählung hingegen dort, wo die Menschen zueinanderfinden und sich aneinander abarbeiten, das meist in Diskussionen über Politik. Sie streiten über die Richtigkeit von Privat- und Kollektiveigentum, über die Verlogenheit der Partei- und Abteilungsleitungen, über den „Hasenlauf politischer und ökonomischer Entscheidungen übers mangelhaft bestellte Feld“. Mädler beschreibt das ständige Suchen und Ringen um Worte für die politische Wirklichkeit, auch noch für die Ohnmacht, die schon keine mehr ist, wenn man sich ihr bewusst ist.
In einem Schlusskapitel führt die Autorin diese Auseinandersetzung in die Gegenwart und findet eine Formulierung, die mit ihrer Kritik und Feinfühligkeit zugleich selten so zu lesen ist: „Letztlich wurden nicht nur Betriebe privatisiert, dachte Mona an diesem Abend, letztlich wurde auch die Aufarbeitung privatisiert, mit all ihren Fragen und Erfahrungen blieben sie allein, nicht mal am Familientisch oder unter Freunden ließen sich immer Worte finden. Und wenn doch: Wie konnte man darüber sprechen, ohne sich zu verstellen, zu zerstreiten, sich zu verlieren? Ohne den Verrat, den Schmerz, die eigene Grenze im Zuhören aufzugeben?“
Peggy Mädler, die zuletzt mit Annett Gröschner und Wenke Seemann den Gesprächsband „Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat“ veröffentlichte, hat offenbar gut zugehört. Ihr Buch liest sich als eine Aufforderung, es ihr gleichzutun und diese Gespräche wieder zu führen, über die Notwendigkeit der politischen Ordnung früher und heute und die Möglichkeit des freien Lebens, im Privaten wie im Öffentlichen, in West und Ost.
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Source: taz