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Paraguays Wirtschaft im Wandel: Marktzugang mit Hürden
Kann das EU-Mercosur-Abkommen dabei helfen, die Wirtschaft des kleinen Paraguay zu modernisieren? Bisher gelingt das nur einzelnen Unternehmen. mehr...
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Im Biocomplejo Petricor ist man auf Gäste aus dem Ausland gut vorbereitet: Gleich fünf Fahnenmasten stehen am Eingang. „Wenn ein Portugiese kommt, wehen portugiesische Flaggen, und wenn ein US-Amerikaner kommt, wehen seine“, sagt Raúl Gauto, Gründungsgesellschafter der Fabrik.
Sie liegt 224 Kilometer von der Hauptstadt Asunción entfernt, im Departement Caazapá, und stellt als erste des Landes wasserfestes Sperrholz her. Mit den gehissten Fahnen „heißen wir die Gäste bei uns willkommen“, sagt Gauto. Die Produktionsstätte sei ihr „ganzer Stolz – eine moderne, saubere Fabrik“.
15 Journalist:innen aus 12 Ländern Lateinamerikas nehmen am Workshop „Euromérica“ der taz panterstiftung teil. Es geht um Chancen und Herausforderungen des EU-Mercosur-Abkommens und die lateinamerikanisch-europäischen Beziehungen. Am 5. 12. erscheint dazu eine Beilage in der taz, am 9. 12. gibt es einen öffentlichen Talk in der taz Kantine. Alle Texte finden Sie hier.
Um mögliche Käufer;innen aus dem Ausland empfangen zu können, musste das Unternehmen aber mehr tun, als nur Sperrholz herzustellen. 14 Gesellschafter investierten fast 10 Millionen US-Dollar in die Fabrik. Internationale Zertifizierungen wurden erworben und Arbeits-, Umwelt- und Rückverfolgbarkeitsstandards eingeführt. „Mit diesen Standards haben wir auch die FSC-Zertifizierung erhalten, die für beste Praktiken in der Forstwirtschaft und der Produktkette im Werk steht“, betont Gauto. Durch die Erfüllung dieser Anforderungen sei es allerdings auch unmöglich, „billig“ zu produzieren.
Heute beschäftigt das Werk 140 Mitarbeiter, 60 Prozent davon sind Frauen. Auf seiner Webseite wirbt der Biocomplejo Petricor damit, dass sein Holz aus zertifizierten Wäldern stamme, konsequent Aufforstung betreibe und das „nachhaltigste Sperrholz“ Paraguays produziere. Den Baumbestand hier im feuchteren Osten des Landes zu schützen, ist umso wichtiger, als der Trockenwald des Gran Chacos im Westen Paraguays in rasantem Tempo verschwindet.
Für viele andere paraguayische Unternehmen, deren Produktionsstandards und -ketten weniger entwickelt sind als im Biocomplejo Petrico, bleibt der Zugang etwa zum europäischen Markt aufgrund hoher Anforderungen und bürokratischer Hürden aber nach wie vor ein fernes Ziel, insbesondere da Paraguay – das Land der roten Erde – daran gewöhnt ist, überwiegend unverarbeitete Rohstoffe und agroindustrielle Produkte zu verkaufen und die Nachbarländer bisher seine Hauptabnehmer sind.
„Wir brauchen ein dynamischeres und transformativeres Modell, das Technologie, Wissen, mehr hochwertige Arbeitsplätze und Exporte mit höherer Wertschöpfung einbezieht“, betonte der Präsident des paraguayischen Industrieverbands, Enrique Duarte, während eines Treffens, das Ende September von der EU-Delegation in Paraguay organisiert wurde. Für Duarte kann dieser Wandel aber nur gelingen, „wenn er der paraguayischen Gesellschaft einen Nutzen bringt“, indem „der Marktzugang zu mehr Fabriken, lokalen Zulieferern und hochwertigen Arbeitsplätzen führt“.
Paraguay importiert derzeit rund dreimal so viel wie es exportiert. Das zeigt sich auch im Handel mit der Europäischen Union, die bisher nicht zu den wichtigsten Absatzmärkten Paraguays zählt: Zwischen Januar und August dieses Jahres exportierte das Land Waren im Wert von rund 294 Millionen US-Dollar in die EU, während es von dort Waren im Wert von 947 Millionen US-Dollar einführte.
Um auf dem europäischen Markt erfolgreich zu sein, müsse Paraguay – ein Land mit nur rund 6 Millionen Einwohner:innen – „seine Produktionsweise anpassen“ und auf bestimmte „Nischen“ setzen, sagt Gustavo Rojas, Experte für internationale Beziehungen und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Cadep-Zentrum für Wirtschaftsanalyse.
Nicht allein der Herstellungsprozess müsse dafür modernisiert werden, sondern zum Beispiel auch die Art und Weise, wie der Warenfluss dokumentiert und die Güter transportiert werden. „Man muss die Rückverfolgbarkeit bis zum landwirtschaftlichen Betrieb nachweisen, ebenso wie die Herkunft der Betriebsmittel, die Einhaltung der Hygienevorschriften, die Regeln für die Entwaldung und den ökologischen Fußabdruck.“ Laut Rojas ist es zudem wichtig, dass im Rahmen des EU-Mercosur-Abkommens mehr paraguayische Unternehmen an den Exporten beteiligt werden.
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Aus Sicht der EU-Botschafterin in Paraguay, Katja Afheldt, geht es bei dem Abkommen nicht nur darum, „was Paraguay nach Europa exportieren kann, sondern auch darum, was Paraguay aus Europa importieren kann, um besser zu produzieren und wettbewerbsfähiger zu sein“. Europäische Maschinen, so Afheldt, können dafür genutzt werden, „um ein Produkt in Paraguay zu verarbeiten und sich an regionalen oder internationalen Produktionsketten zu beteiligen“.
Um das umzusetzen brauche es allerdings „einen öffentlich-privaten Dialog, staatliche Maßnahmen zur Unterstützung des Produktionswandels, regulatorische Anpassungen, eine Stärkung der Regulierung und Rechtssicherheit“, betonte Afheldt vor Unternehmern und lokalen Behördenvertretern.
Experte Rojas sieht das ähnlich: „Der unmittelbare Vorteil wird nicht unbedingt darin bestehen, dass Paraguay mehr exportiert. Es besteht auch die Möglichkeit, europäische oder Mercosur-Unternehmen anzuziehen, die in Paraguay für den europäischen Markt produzieren und dabei erneuerbare Energien zu wettbewerbsfähigen Kosten nutzen.“
In Caazapá werden die Fahnen derweil weiter je nach Besucher gewechselt. Hier hat man sich schon vor der Verabschiedung des EU-Mercosur-Abkommens auf Kommendes eingestellt. „Wir sind schon seit Längerem bereit: Wir haben die Fabrik gekauft, Anlagen angeschafft und die Hallen so gebaut, dass sie bereits für die kommenden Anforderungen gerüstet sind“, sagt Raúl Gauto. Ob diese Anpassung der paraguayischen Wirtschaft insgesamt gelingen wird, ist eine noch offene Frage.
Gabriela Martínez Palma ist Wirtschaftsredakteurin bei der paraguayischen Tageszeitung Última Hora.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz