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NS-Profiteur Kühne+Nagel: Über die Vergangenheit soll kein Gras mehr wachsen

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Kühne+Nagel wird seine NS-Geschichte erforschen lassen. Das hat Jörg Dräger, Geschäftsführer der Kühne-Stiftung, am Dienstag im NDR angekündigt. Die Stiftung erbt die Firmenanteile von Klaus-Michael Kühne, dem im August verstorbenen Mehrheitsaktionär des weltweit zweitgrößten Logistikkonzerns. Daher kann Dräger tatsächlich Fakten schaffen.

Kühne+Nagel käme damit einer Forderung nach, die mindestens seit 2015 öffentlich immer wieder erhoben wird. Damals feierte die Firma ihr 125. Gründungsjubiläum in Bremen – mit einem äußerst lückenhaften History Marketing. Auf Nachfrage der taz erklärte das Unternehmen damals: Den 30er- und 40er-Jahren mangele es „an Relevanz“ für die Firmengeschichte. Eine genauere Darstellung sei daher überflüssig, im Übrigen seien alle historischen Firmenunterlagen verbrannt.

Auf diese Position versteifte sich Kühne+Nagel – und überließ es anderen, so der taz, sich auf die mühsame Suche nach den weit verstreuten Quellen ihrer Geschäftstätigkeiten im „Dritten Reich“ zu machen. Weit verstreut deswegen, weil Kühne+Nagel europaweit geraubtes jüdisches Eigentum abtransportierte und sich mit großem Engagement weitere Geschäftsfelder erschloss: Kunstraub, Bibliotheks-Plünderungen, Wehrmachtslogistik und manches mehr.

Es war immer klar, dass die Tabuisierung des Themas direkt vom Firmen-Patriarchen ausging. Aus dem Management waren hinter vorgehaltener Hand andere Signale zu hören. Kühne jedoch fühlte sich zeitlebens seinem Vater Alfred verpflichtet. Dem bescheinigte er noch kürzlich: „Er hat seine Familie klug und umsichtig durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit gebracht. Dafür schulde ich ihm großen Respekt.“

Kühne, obschon Mehrheitsaktionär eines Global Players, verharrte in einer typischen Mittelständler-Mentalität: Firmen- und Familienerfolg gelten als untrennbar, beider Reputation muss bedingungslos gewahrt werden. Dass man seinen Ruf eher durch Ehrlichkeit als durch Verschweigen bessern kann – diese simple Logik erschließt sich einem angestellten Management offenbar eher als vielen Familienunternehmer:innen. Denn die müssten das Verhalten ihrer direkten Vorfahren auf den Prüfstand stellen.

Klugerweise unterscheidet Dräger daher nun deutlich zwischen der Firma und der Person Kühne: „Es ist auch gar nicht Herr Kühne selbst betroffen gewesen. Er war zu Kriegszeiten sieben Jahre alt. Es betrifft die Geschichte des Unternehmens, was er groß gemacht hat.“ Dass Klaus-Michael Kühne Verantwortung für das Handeln seines Vaters gehabt hätte – der das Unternehmen schon seinerzeit „groß“ machte –, konnte auch nie jemand behaupten. Aber selbstverständlich hatte Kühne die Verantwortung für den Umgang mit der Geschichte. Angenommen hat er sie nicht.

Die nun vorgenommene Kurskorrektur soll auch der anhaltenden Kritik an der „Kühne-Oper“ entgegenwirken. Die ist ausgerechnet dort im Hamburger Hafen geplant, wo Kühne+Nagel NS-Raubgut lagerte. Bemerkenswert ist, mit welcher Geschwindigkeit Kühnes Er­b:in­nen dabei vorgehen. Dräger gab seine Erklärung am Tag der Beerdigung Kühnes auf dem Ohlsdorfer Friedhof ab.

Und schon am Wochenende davor war aus dem Stiftungsrat durchgesickert, man denke darüber nach, „die dunkle Vergangenheit der Spedition Kühne+Nagel in der Nazizeit von unabhängigen Historikern aufarbeiten zu lassen“. Das Wort „unabhängig“ ist dabei entscheidend – schönfärberische Unternehmenschroniken, die der historischen Aufklärung nur scheinbar Rechnung tragen, gibt es schon zu viele. Nach seiner langen Geschichte des Verdrängens und Abwimmelns kann Kühne+Nagel nur dann Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn der Wille zur umfassenden Darstellung unbezweifelbar ist.

Der erste Schritt wäre die Öffnung des angeblich komplett verbrannten Firmenarchivs. Kühne+Nagel verlegte sein Zentralkontor im Krieg ins bombensichere Konstanz, das Verzeichnis der deutschen Wirtschaftsarchive listet einen historischen Bestand von Firmenunterlagen bei Kühne+Nagel auf. Sehr groß ist er nicht, da ja tatsächlich die Gebäude der Firma in Bremen und Hamburg zerstört wurden.

Über einen erheblichen Teil der NS-Geschäfte können die Unterlagen dennoch Auskunft geben. Das Leugnen des historischen Materials ist umso unsinniger, als das Archiv-Verzeichnis auf den Angaben der Unternehmen selbst beruht. Sie wurden 1990 gesammelt – damals dachte bei Kühne+Nagel offenbar niemand daran, dass die eigene Geschichte noch mal zum Problem werden könnte.

Eine ernst zu nehmende Aufarbeitung müsste die 1933 erfolgte Trennung vom jüdischen Miteigentümer Adolf Maass ebenso umfassen wie die Übernahme von Unternehmen und Immobilien durch die Kühnes als „Arisierungs“-Gewinn. Die Geschäfte der Firma in Italien, Osteuropa – insbesondere im Baltikum – müssten, jeweils in ihren Kontexten, ebenso dargestellt werden wie die systemübergreifende Zusammenarbeit mit Geheimdiensten. Kunstraub, Verschiebung von Vermögenswerten in die Schweiz im Auftrag diverser NS-Größen sind weitere Felder, zu denen Recherchen bereits im Gange sind. Denn trotz der bisherigen Blockade von Kühne+Nagel wurde schon viel Forschungsarbeit geleistet – die nun deutlich erleichtert werden könnte.

Schon lange gefordert haben das auch die langjährigen Betriebsratsvorsitzenden von Kühne+Nagel. 2023, bei der Einweihung des von der taz initiierten „Arisierungs“-Mahnmals gegenüber der K+N-Firmenzentrale, betonten sie: „Wir haben mehrmals versucht, die jeweilige deutsche Geschäftsleitung, aber auch die Zentrale in der Schweiz zu einem aktiveren Umgang mit der Firmengeschichte zu bewegen. Wir haben auch mit Klaus-Michael Kühne hierzu mehrmals Kontakt aufgenommen, ohne jedoch eine Änderung seiner Haltung zu erreichen.“

Umso mehr freuten sich die Betriebsräte über die beharrlichen Anstöße von außen – die nun endlich zu wirken scheinen.

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Source: taz