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Nostalgie in Großbritannien: War früher alles besser?

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Die britische Rockband Pink Floyd veröffentlichte 1983 ihr letztes Album: „The ­Final Cut“. Übersetzt lautete sein Untertitel „Ein Requiem auf den Nachkriegstraum“.Besungen wurde der düstere Zeitgeist der Thatcher-Ära, zwischen drohendem Atomkrieg und sozialem Kahlschlag. „Ist dafür Papa gestorben?“, sang Roger Waters in Erinnerung an seinen Vater, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war. „Was haben wir mit England gemacht? Was ist mit dem Nachkriegstraum passiert?“

Am 28. September 2026 hielt der neue britische Premierminister Andy Burnham mit seiner Rede auf dem Labour-Parteitag erneut eine Art Requiem. Er erinnerte, zu Tränen gerührt, an seinen verstorbenen Vater und die Labour-Politik, die dessen Familie einst den Aufstieg ermöglicht hatte. „1945 hatten wir die Vision, den Frieden zu gewinnen“, sagte Burnham. „Wir hatten den Mut zu Veränderung. Wir bauten gute Häuser, sichere Arbeitsplätze, Gesundheit und Bildung für alle“, so der Regierungschef. „Wir sorgten dafür, dass sich für Familien wie meine die Aspirationen der Arbeiterklasse zum ersten Mal real anfühlten. Wir bauten das Gemeinwohl auf. Jedenfalls taten wir das bis in die 1980er Jahre.“ Da habe die britische Rechte begonnen, das alles auseinanderzunehmen. „Häuser, Wasser, Energie, Verkehr, Pflege – zerschlagen und ausverkauft.“ Burnham versprach: „Wir werden dafür sorgen, dass dieses Land wieder für euch funktioniert.“

Burnham erhielt viel Applaus für diese Nostalgierede auf eine Ära, als „alle zusammen“ ein besseres Land aufbauten, „frei von Mangel“, so die Verheißung.

Der konservative Premier Winston Churchill hatte dafür mitten im Krieg den Grundstein gelegt; er hatte den liberalen Politiker William Beveridge um ein Konzept gebeten für eine allgemeine Sozialversicherung nach dem Krieg. Der „Beveridge Report“ wurde zu einem Manifest. Nach dem äußeren Feind, den Nazis, sollten die Briten gemeinsam den inneren überwinden: „Mangel, Krankheit, Ignoranz, Elend und Untätigkeit“.

Eine Arbeitslosenversicherung, Kindergeld, eine Grundrente, Sozialwohnungen, ein kostenloser Gesundheitsdienst, und ein neues Schulsystem – in nur wenigen Jahren schuf die 1945 gewählte Labour-Regierung die Grundlagen des modernen Sozialstaats.

Sozialismus und Freiheit – dafür war es wert gewesen, im Krieg Opfer zu bringen. In den griffigen Liedzeilen von Pink Floyd: Ein Dach über dem Kopf. Genug zu essen. Die Alten können in Sicherheit auf die Straße gehen. Man kann Zweifel und Ängste laut aussprechen. Niemand verschwindet, niemandem treten Polizeistiefel die Tür ein. Alle können entspannen, ob Reich oder Arm. Niemand verübt Terroranschläge. Jeder steht unter dem Schutz des Gesetzes. Und niemand tötet mehr die Kinder.

An diesen Nachkriegstraum will Burnham nun anknüpfen, als wäre nichts gewesen. Nicht die schweren Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre, mit Massenarbeitslosigkeit, Hyperinflation und Dauerstreiks. Nicht die legendäre Ineffizienz staatlicher Firmen und Dienstleiter.

Nicht die Ausgrenzung von Frauen und Jugendlichen damals, nicht der lähmende Konformitätszwang in vielen Lebensbereichen, den Pink Floyd in den 1970ern besungen hatte, vom drohenden Wahnsinn in „Dark Side Of The Moon“ bis zur „Wall“, die Stein für Stein die Köpfe der Kinder verschließt.

Margaret Thatcher fiel 1979 ja nicht wie ein böser Alien über die Briten her, sondern überzeugte das Wahlvolk mit der Parole „Labour Isn’t Working“ – Labour funktioniert nicht oder auch: Die Arbeiter arbeiten nicht.

Andy Burnham drückt trotzdem einfach den rhetorischen Reset-Knopf. „Ich werde mit der Richtung der vergangenen 40 Jahre brechen und Großbritannien auf einen neuen Pfad führen“, rief er. „Ich weiß, dass wir es können. Denn wir haben es schon einmal getan. Im Jahre 1945.“

Der Journalist Patrick Maguire hat ein Buch über die Entwicklung der Labour-Partei in den vergangenen Jahren geschrieben. Er nennt die Rede Burnhams einen ersten echten Bruch mit seinem Vorgänger Keir Starmer, den er im Juli als Premierminister abgelöst hatte. „Burnham spricht eine politische Sprache, die die Labour-Partei versteht, und hat es geschafft, dass sie mit sich selbst im Reinen ist.“

Starmer gab Labour bittere Medizin, Burnham schiebt das Zuckerstück nach: ein staatlicher Pflegedienst analog zum staatlichen Gesundheitsdienst, neue Sozialwohnungen ohne Privatisierungsmöglichkeit, die mögliche Wiederverstaatlichung von Dienstleistungen. Für all das fehlt allerdings das Geld, es sind Programmpunkte für den nächsten Wahlkampf, der spätestens 2029 ansteht.

Schon in wenigen Wochen muss die Regierung Burnham ihre Haushaltspläne für 2027 präsentieren, ihre ersten seit der Amtsübernahme. Es drohen erneute Sparmaßnahmen. Um die Staatsfinanzen zu sanieren, schaffte die Regierung Starmer vor zwei Jahren die Winter-Heizkostenbeihilfe für Rentner ab. Er verwies darauf, dass die Kopplung der Renten an die gute Lohnentwicklung das teilweise auffangen werde. Burnham will die Renten nun ab 2030 von der Lohnentwicklung entkoppeln. Labour bittet ausgerechnet die Wählergruppe zur Kasse, die in der guten alten Zeit aufwuchs.

Genau 50 Jahre vor Andy Burn­ham, am 28. September 1976, hielt ein anderer Labour-Premierminister seine erste Parteitagsrede. Labour hatte 1974 Wahlen gewonnen, nach zwei Jahren wurde der glücklose Wahlsieger Harold Wilson von seiner Partei gestürzt. Nachfolger James Callaghan hielt auf dem Parteitag dann aber das Gegenteil einer Wohlfühlrede.

Die Zeiten, wo höhere Staatsausgaben Probleme lösen, seien vorbei, rief der neue Premier. „Zu lange hat Großbritannien auf Kredit gelebt: geliehene Zeit, geliehenes Geld, geliehene Ideen. Zu lange, vielleicht seit dem Krieg, haben wir grundsätzliche Entscheidungen und vielleicht grundsätzliche Veränderungen in unserer Gesellschaft und Wirtschaft vertagt.“

Die Briten stimmten ihm zu, aber nicht so, wie er es sich wünschte. 1979 verlor Labour die Wahlen an die Konservativen unter Margaret Thatcher.

Je kräftiger Andy Burnham nun das Rad der Geschichte zurückdrehen will, desto präsenter wird das Risiko, dass sie sich wiederholt.

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Source: taz