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Neue Romane aus Frankreich: Selbstbestimmung in einer ungerechten Welt
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Frankreich ist das Mutterland der autofiktionalen Herkunftserzählung, hier lebt die mit dem Nobelkreis gekrönte Königin dieses Genres: Annie Ernaux. Mit männlichen Mitstreitern wie Didier Eribon und Édouard Louis klagte sie eine ungerechte Klassengesellschaft an, denn im Europa der ausgehenden 1990er Jahre bestimmte verstärkt die soziale Herkunft über das persönliche Schicksal. Die in der Nachkriegsgesellschaft durch Bildungsexpansion und Wohlfahrtsstaat aufgestoßenen Handlungsfenster für die, die qua Herkunft nicht über die notwendigen ökonomischen Mittel verfügten, schlossen sich wieder.
Ihre Romane waren erste Warnmeldungen für eine populistische Revolte, die ab 2016 alle westlichen Gesellschaften ergriff: Brexit, Trump, AfD. Die Literatur war der Gesellschaft voraus, spürte Frustrationen und Enttäuschungen der vermeintlich Abgehängten, bevor sie im politischen und medialen Diskurs präsent waren. Ein Mittel: literarpopulistische Anklagen an das System aus einer linken Perspektive („Wer hat meinen Vater umgebracht“, Édouard Louis).
Allein: Schon als im Jahr 2017 der heutige US-amerikanische Vizepräsident J. D. Vance ein ähnliches Buch („Hillbilly Elegie“) mit konservativer Schlagrichtung vorlegte, wurde man stutzig. Er bediente sich darin des gleichen gegen die Elite gerichteten Populismus. Nur eben unter rechten Vorzeichen – seine Mittel sind die gleichen. So wohltuend (zumindest von linker Seite) und wichtig die Klagen waren, ist heute in einer Gesellschaft, in der populistische Vereinfachung Gräben schafft, wieder literarische Innovation nötig, die auch Widersprüche erträgt.
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
Jetzt haben ausgerechnet wieder zwei junge französische Stimmen Romane vorgelegt, die eine andere Richtung einschlagen. Mit neuen ästhetischen und inhaltlichen Impulsen hauchen Laura Vazquez und Thibault Daelman dem Genre der Herkunftserzählungen neues Leben ein.
Die ersten Seiten von Laura Vazquez’ zweitem Roman „Die Kräfte“ lesen sich wie eine Blaupause jeder Herkunftserzählung. Eine junge queere Frau aus der Arbeiterklasse leidet darin an den Fesseln, die ihr eine homophobe Klassengesellschaft angelegt hat. Die namenlose Ich-Erzählerin geht den alltäglichen Ausdrucksformen dieser gesellschaftlichen Disziplinierung auf den Grund, sie machen sich bis in den innersten familiären Kosmos in jeder Interaktion bemerkbar: „Die Verflachung der Persönlichkeit ist ein normaler Prozess. Er zerstört die Einzigartigkeit des Individuums zugunsten einer uniformen Anonymität.“
Thibault Daelman: „Schattengrenze“. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, Berlin 2026, 240 Seiten, 24 Euro
Laura Vazquez: „Die Kräfte“. Aus dem Französischen von Sonja Finck. park x ullstein, Berlin 2026, 288 Seiten, 23 Euro
Über unzählige Seiten erstreckt sich dieses Leiden an der Gesellschaft, beim Lesen wird man irgendwann stutzig – meint die Erzählerin oder die Autorin das ernst? Handelt es sich etwa um ihr eigenes Schicksal? Vieles liest sich wie der innere Monolog einer Erstsemester-Powi-Studentin, der im Lektürekurs „Das Kapital verstehen“ ein Licht aufgegangen ist: „Meine Eltern liebten die Norm, und zwar abgöttisch. Anbetung schützt davor, sich selbst anstrengen zu müssen. Die Norm setzt dir ein Ziel. In unserer Zivilisation ist das Ziel, das die Norm dir setzt, ein ökonomisches“.
In der Entdeckung ihrer Queerness sieht die Erzählerin sich gezwungen, aufzubegehren. Ihre Gewissheiten über die eigene Unfreiheit kommen ins Wanken, als sie queere Dating-Apps entdeckt. Wie ist das in einer heteronormativen Gesellschaft möglich?
Sie trifft sich mit Frauen in Cruising Areas, wird in einer Bar in die lesbische Subkultur eingeführt. Doch auch hier stellt sie enttäuscht fest: Alle denken in vorgefertigten Mustern. Endlich wachgerüttelt aus ihrem Selbstmitleid wird sie von Claudie, die ihr als „eine alte, sehr mächtige Lesbe“ vorgestellt wird: „Du glaubst, ‚die anderen‘ würden sich der Gemeinschaft unterordnen, ja sogar unterwerfen. Du glaubst, ‚die anderen‘ würden Worte gedankenlos nachplappern und ihre Geschichte ignorieren. Aber was ist mit dir? Mit deinem Schwarz-Weiß-Denken? Kausalität oder freier Wille. Überzeugungen oder Tatsachen. Determiniertheit oder Autonomie. Hältst du dich für originell? Das ist ein alter Schuh, so alt wie Saturn.“
Ab diesem Zeitpunkt wird „Die Kräfte“ zu einem Fest. Die Handlung kippt ins Surreale und verlässt die falsch gelegte Spur der konventionellen Herkunftserzählung. Vazquez spielt mit den Erwartungen der Leser:innen an einen authentischen Bericht aus der Gosse und unterläuft sie gekonnt – hier geht es gar nicht um das Leben der Autorin. Stattdessen schickt die mächtige Lesbe die namenlose Protagonistin durch ein Portal auf eine Reise in eine Parallelwelt, um ebenjener Frage auf den Grund zu gehen, den Herkunftsliteratur häufig bewusst ignoriert: Wie kann man wieder Selbstbestimmung in einer ungerechten Gesellschaft erlangen?
Vazquez begegnet dieser Frage ohne ideologische Voreingenommenheit à la „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ihre Protagonistin trifft auf ihrer Reise einen Sozialarbeiter, der an der Absurdität von Bürokratie, die den Menschen nicht helfen möchte, zugrunde geht. Er landet in der Parallelwelt, wo er sich fortan wie ein Versicherungsvertreter kleidet. Oder auch einem Sektenvertreter, der der Besucherin drei verschiedene Sekten mit unterschiedlichen Deutungsangeboten schmackhaft macht – mindestens so viele Deutungen bietet auch der Roman der 40-jährigen Französin mit spanischen Wurzeln Laura Vazquez, legt sich abschließend nicht fest.
Ähnlich virtuos tobt sich Thibault Daelman in seinem Debütroman „Schattengrenze“ aus, allerdings unter ganz realistischen Vorzeichen. Klassisch autofiktional erzählt der 36-jährige Franzose von seiner Jugend in einer kinderreichen Arbeiterfamilie in der Pariser Banlieue, der Vater ist Alkoholiker. Ein ähnliches Ausgangssetting also, das Daelman aber dadurch aufbricht, dass er Fenster von Handlungsmöglichkeiten und Selbstbestimmung öffnet.
In der Figur der Mutter kommen die ungerechte Klassengesellschaft und das Patriarchat zusammen. Mit fünf Söhnen muss sie ihren arbeitslos rumhängenden Mann ertragen, sie beleidigt ihn tagtäglich und schafft sich Freiraum, indem sie andere Männer mit nach Hause bringt. Und der Ehemann? Wird einfach auf das Sofa abgeschoben. An dem sensiblen Sohn, der aus der Ich-Perspektive berichtet, geht das natürlich nicht spurlos vorbei. Die rohe Sprache der Mutter tränkt den Alltag in Gewalt.
Trotzdem – noch so eine Ambivalenz – kümmert sich die Mutter um ihre Söhne, sorgt dafür, dass sie auf eine Privatschule gehen können. Überall da, wo Autoren wie Édouard Louis Fenster zuschlagen, öffnet Daelman sie. In dem Elend, das die winzige Wohnung der Familie ohne Zweifel darstellt, flüchtet sich der Sohn in die Sprache, die dieser Widersprüchlichkeit eine Form verleiht: „Ich würde das Leben gerne hassen, aber giere nach ihm. Mein Hirn bringt Gedanken hervor, zu denen ich außerstande bin. Meine Augen hungern nach einer Welt, vor der mir graut.“
Das ist explizit nicht als sedierend zu verstehen im Sinne von: So schlimm ist es dann doch nicht. Sondern als Wiedererlangung von Handlungsmacht und Würde. Alle Figuren in diesem Roman kommen zu ihrem Recht, liebevoll und zugleich ehrlich werden sie dargestellt: „Unabhängig von der Art der Trunkenheit berauschte sich die – in der Tat schräge – Dame vor allem und besonders an Gedichten“, heißt es dort über eine alkoholkranke Französischlehrerin, die ihren Schülern die Begeisterung für Literatur eröffnet.
Ironischerweise ist die einzige Figur, die ihr Fett wegbekommt, die eines Klassenübergängers, der einen sozialen Aufstieg hingelegt hat. Normalerweise dominiert diese Figur die Handlung autofiktionaler Herkunftsromane als Protagonist, bei Daelman kommt er nur in Form eines versnobten Bruders vor, der es an eine Elitehochschule geschafft hat. Seinen eigenen sozialen Aufstieg, von dem die Veröffentlichung dieses Romans zeugt, macht Daelman hingegen nicht zum Teil der Handlung. Er entgeht dadurch der Falle, retrospektiv sich seiner proletarischen Familie zu entheben und ihre Andersartigkeit zu sezieren.
Daelman und Vazquez sind zwei bemerkenswerte Auseinandersetzungen mit der Wirkmächtigkeit sozialer Strukturen gelungen. Zu einem eindeutigen Urteil lassen sie sich nicht verleiten, im Gegenteil: Ungerechtigkeiten werden zwar benannt, aber nicht auf einen Nenner heruntergebrochen. Sie tun das mit einer ganz eigenen Sprache, die Worte für die Gleichzeitigkeit von Glück und Elend findet.
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Source: taz