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Nathan Fielders „You Can See Everything“: 261 Kilometer ins Kino
Um den Film der Stunde, „You Can See Everything“, zu sehen, fährt die Kolumnistin nach Polen. Die sechs Stunden im Auto haben sich gelohnt – oder? mehr...
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A lle sprechen über „Zobaczysz Wszystko“. Es sei unglaublich, sagen manche, dass „Zobaczysz Wszystko“ überhaupt existiere. „Zobaczysz Wszystko“ sei die beste Dokumentation, die es gebe. „Zobaczysz Wszystko“ werde den Oscar für den besten Film gewinnen.
Auch ich werde nun unaufhörlich über „Zobaczysz Wszystko“ sprechen, dabei unausstehlich sein, während in Deutschland noch alle auf den 3. Dezember warten müssen, das Datum, an dem „You Can See Everything“ – der Titel, unter dem der Film hier und anderswo erscheint – in den Kinos starten wird.
Ich habe die Dokumentation von Lance Oppenheim und Nathan Fielder vergangenes Wochenende bereits in Polen gesehen. Und betrachte es nun als meine größte Aufgabe, einerseits Hüterin eines Geheimnisses und andererseits Quelle beißender Eifersucht für andere zu sein.
Erst vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass der Film mit Sony einen Verleih in Deutschland gefunden hat. Als dann schließlich der 3. Dezember als Startdatum auserkoren wurde, hatte ich mein Ticket für die Cinema City Kinepolis in Poznań bereits gekauft und konnte an nichts anderes mehr denken.
In einem geliehenen VW Touran mit beigen Ledersitzen fuhren wir auf der „Autobahn der Freiheit“, wie auf einem Schild zu lesen war, über die Grenze. Eine meiner Begleitungen erzählte von einer Freundin in Prag, die einen Partyzug voller ungeduldiger Berliner Cineasten dorthin organisieren wollte, da der Film auch in Tschechien bereits lief. Wir folgten also einem kinotouristischen Trend. Das Megakino in Poznań ist fast ausverkauft. Ob auch andere aus Deutschland angereist sind?
Dann beginnt der Film. Schon seine Prämisse ist absurd. Er beginnt im Jahr 2023: In den letzten 34 Tagen, bevor die Theranos-Gründerin Elizabeth Holmes ihre Haftstrafe wegen Millionenbetrugs antreten muss, lädt sie das Dokumentationsteam ein, sie und ihre Familie dabei zu begleiten, wie sie ihre letzten gemeinsamen Tage – heilige Tage, würde man denken – miteinander verbringen. So könne die Wahrheit über sie endlich ans Licht kommen, sagt Holmes. Sie hält bis heute an ihrer Unschuld fest.
Selbst als Nathan Fielder, den ein Substack-User treffenderweise als „indoor Werner Herzog“ bezeichnete, nach einigen Tagen bei Holmes einzieht, damit ihm nichts mehr entgeht, befindet man sich zu diesem Zeitpunkt noch im mehr oder weniger „straightforward“-Teil der Doku.
Dann beginnt der zweite Teil des Filmes, der zwei Jahre später spielt und den ersten Teil in gänzlich neuem Licht präsentiert. So unbefriedigend und abgedroschen die Beschreibung sein mag, mir fällt dazu nur das Wort „grenzüberschreitend“ ein.
Es stellen sich plötzlich völlig neue Fragen: Ist Holmes Opfer oder Meistermanipulatorin? Wer lügt wen tatsächlich an? Wurde ich, als Zuschauerin, ebenfalls angelogen? Werden mir wichtige Informationen bewusst vorenthalten? Und ist, dass diese Gedanken in mir geweckt werden, selbst Teil einer großen Verarsche?
Eine Rezension dessen, was genau sich in den 174 Minuten auf der Leinwand abspielt, möchte ich meinen Kolleg_innen überlassen, wenn der Film in Deutschland erscheint. Letztlich hinterließ er bei mir vor allem ein Gefühl: Zweifel, die sich auf alle Ebenen des Films beziehen.
Ein anderer Zweifel schleicht sich jetzt ein. Ich konnte meiner Ungeduld nicht standhalten, habe nachgegeben und einen kleinen Roadtrip gemacht. Ich habe ein polnisches Kino besucht, den vielleicht besten Film des Jahres gesehen und Posener Rogal gegessen. Der Preis dafür ist die Frustration, dass ich mit kaum jemandem darüber sprechen kann, was dieser Film zu offenbaren vermag. Auf den 3. Dezember werde also auch ich warten müssen.