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Germany · taz · · 2h

Nachruf auf Künstlerin Cecilia Boisier: Der dünne Faden

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Als ich Cecilia Boisier vor drei Jahren kennenlernte, suchte ich Bilder für eine Gruppenausstellung in Frankfurt. Sie wusste genau, bei welcher Freundin welches ihrer Gemälde hing, und half mir, sie zusammenzuholen, denn bei ihr selbst war kaum noch etwas: Beim Umzug in die altersgerechte Wohnung hatte sie die Werke aus dem Keller nicht mitnehmen können, Nässe hatte manche zerstört, die übrigen hatte sie an Freundinnen gegeben.

An ihrer Wand hing ein einziges Bild, „Mein Mond“ (2003), eine Schlafende im Mondlicht, die an „Schlafend II“ (1981) erinnert. Dann fragte sie, wo ich die vergangenen zwanzig Jahre geblieben sei, als sie sich diese Ausstellung noch gewünscht und noch die Kraft zum Malen gehabt habe. Die Frage galt nicht mir allein. Im September 2026 ist Cecilia Boisier mit 83 Jahren in Berlin gestorben.

Cecilia Boisier war Malerin. Sie gehörte zu den Künstlerinnen des Exils, die das Berlin der 1970er- und 1980er-Jahre mitgeprägt haben: mit Gruppen, Ausstellungen und Werkstätten, die sie selbst aufbaute, und mit Bildern, die vom Ankommen in dieser Stadt erzählen. Geboren 1943 in Santiago de Chile, studierte sie Kunst und Kunstpädagogik und verstand sich in den Jahren der Unidad Popular als Kulturarbeiterin.

Im Februar 1974 floh sie mit ihren beiden Söhnen nach Buenos Aires, ein unvollendetes Gemälde auf dem Autodach, und kam im April 1975 nach West-Berlin. Hier gründete sie mit anderen Exilierten das Chile-Kulturzentrum, dem Krista Tebbe vom Kunstamt Kreuzberg 1977 einen Raum gab und aus dem die Wandmalgruppe El Frente hervorging, die eine Giebelwand am Checkpoint Charlie gestaltete.

Das Exil, so erzählte sie, traf die Frauen doppelt: Die Männer suchten draußen Arbeit, die Frauen trugen Kinder, Haushalt und die verlorene Heimat allein. Was ihr in Berlin Halt gab, war die Solidarität unter Frauen. Sie fühlte sich vom Berliner Kunstbetrieb oft auf Abstand gehalten; bei anderen Künstlerinnen, vor allem jenen, die wie sie aus dem Ausland gekommen waren, fand sie Verbündete.

1983 brachte sie mit einer Arbeitsgruppe in „Chilenas – Drinnen und draußen“ im Kunstamt Kreuzberg rund vierzig Künstlerinnen zusammen, die unter der Zensur in Chile und im Exil weiterarbeiteten. Für den Katalog schrieb sie über die Geschichte der chilenischen Malerei und die Rolle der Künstlerinnen. Jene, über die kaum etwas überliefert war, wollte sie „dem Vergessen entreißen“. Sie bezeichnete sich später als Verteidigerin der Frauenkultur und wurde Mitglied des Frauenmuseums „Das Verborgene Museum“.

Sie organisierte außerdem Ausstellungen in einem Laden, in dem sie arbeitete, und leitete im Frauenzentrum SUSI eine Kunstwerkstatt. Vom Unterrichten hat sie gelebt, aber sie verstand es als Teil ihrer Kunst: Nichts sei für ein Kind schlimmer, fand sie, als ihm zu sagen, es könne etwas nicht. Ihre Bilder widmeten sich auch dem Handlungsspielraum von Frauen: In „Ohne Gepäck“ (1984) geht eine Frau entschlossen ins Ungewisse und vertraut auf ihre eigene Kraft.

Sie wollte eine gegenständliche Kunst, die unmittelbar zu verstehen war. Dabei vermied sie, wie sie schrieb, „sensationsgierige Bilder von Schmerz und Erniedrigung“. Ihre Gemälde und Zeichnungen aus der Zeit des Exils zeigen das Warten: den leeren Stuhl am Tisch ihrer Schwester, deren Mann die Diktatur gefangen hielt; immer wieder den Brief, „der dünne Faden“, der die Zugehörigkeit aufrechterhalten kann. Sie malte oft groß und plante genau: Für die Perspektive ihrer Bilder spannte sie Fäden über die Breite der Atelierwand.

In „Stadtzaun“ legte sie das Blau und Rot Chiles auf eine Berliner Straße. Als ihr später der Raum dafür fehlte, sagte sie rückblickend, sie habe gemalt, was sie konnte, und das sei nicht wenig gewesen. Oft wählte Boisier die Rückenansicht: Ihre Figuren fordern keine Anteilnahme ein, sondern lassen uns neben sie treten und in dieselbe Richtung schauen. Verständlich zu malen war für sie eine Haltung.

Mehrere ihrer Gemälde sind jetzt in der Ausstellung „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“ im Gropius-Bau zu sehen, darunter „Schlafend II“ mit dem Brief. Das Berlin-Museum, unser Partner in diesem Projekt, zeigt im Ephraim-Palais in „Geteiltes Leben“ Werke, die es von ihr erworben hatte. Zu keiner der beiden Ausstellungen im September hat sie es geschafft. Im November 2025 besuchte ich sie zusammen mit Patrizia Dander, mit der ich die Ausstellung kuratiert habe, und ihrer Enkelin Melissa Skármeta Moraga in einem Pflegeheim im Westend. Sie sagte, ihre große Liebe sei, was sie male. An der Wand ihres Zimmers hing, wieder als einziges Bild, „Mein Mond“. Sie hatte es mitgenommen.

Über das Älterwerden sprach sie ohne Beschönigung, über ihr Leben mit Dankbarkeit. In ihrem Buchmanuskript „Bilder einer Lebensreise“ steht das Gedicht „Leuchter“. Aus den ersten beiden Strophen: „Gierig nach Licht / suche ich es um mich herum, / finde es in den Dingen / spüre es in den Menschen. / Ich folge ihm und lerne, / es in Bildern einzufangen, / es in anderen zu entzünden.“Beides ist ihr gelungen, in den Bildern wie in den vielen, denen sie das Malen zutraute.

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Source: taz