Politics · taz · 7h
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt: Was passiert mit meiner Stimme?
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Was bedeutet es, seine Stimme abzugeben? Das macht man doch bei Wahlen. Ist also die Stimme die Trägerin der Demokratie? Und wenn man seine Stimme abgegeben hat, ist sie dann weg? Während gestern in Sachsen-Anhalt gewählt wurde und über 40 Prozent für eine demokratiefeindliche AfD stimmten, wurde sich im Nachbarbundesland Sachsen mit den abstrakten Fragen von politischer Mitbestimmung beschäftigt.
Im Gewandhaus in Leipzig fand die Abschlussveranstaltung des fünften Demokratie-Wochenendes statt, das stand unter dem Motto „Vorzeichen lesen“. Studierende der Klasse für performative Künste der Hochschule für Grafik und Buchkunst inszenierten dafür einen Parcours. Die Zuschauer:innen wurden in zwei Gruppen geteilt und durchliefen drei Stationen mit Performances.
Unter dem Titel „Lauschzustand. Manifestationen und Beziehungsräume“ näherten sich die Studierenden der Praxis der Demokratie als einem offenen Gruppenprozess. Dafür arbeiteten sie mit dem Gewandhaus-Chor zusammen, der als vielstimmiges Gefüge in die Performances verwoben war. In einem Chor wird immerhin die Stimme geteilt und nicht abgegeben. Aber was bedeutet das?
Ganz klar wurde das nicht. Bei einer Station draußen vor dem Gewandhaus, auf einem Platz mitten in der Leipziger Innenstadt, machten viele Zuschauer:innen zwischen lautem Geschrei und stummen, eingefrorenen Posen der Künstler:innen eher ratlose Gesichter. Dafür zogen die Performances die Aufmerksamkeit der zufällig auf dem Platz Vorübergehenden auf sich, das Publikum wurde immer größer – auch ein Gruppenprozess.
Zurück zur Stimme: Was geschieht mit ihr, wenn sie bei Wahlen symbolisch abgegeben wird? Sie wird Vertreter:innen übertragen, die wiederum ihre Stimme erheben. In Parlamenten zum Beispiel. So läuft es idealerweise in einer Demokratie. Oft genug ist aber das, wofür Politiker:innen nach der Wahl plädieren, nicht mehr das, wofür Menschen gestimmt haben. Die Stimme kann auch leere Phrasen hervorbringen. Über Minuten wiederholten die Künstler:innen etwa die Worte „es kippt“. Kippt es – Kipptes – Skippt – irgendwann schien sich der Sinn aufzulösen, und es waren nur Laute zu hören.
So einfach ist es also nicht mit der Demokratie. Auch nicht, dass das Demokratie-Wochenende des Gewandhauses unter anderem von der Krupp-Stiftung gefördert wurde. Die speist sich ja aus einem Vermögen, das in der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie erwirtschaftet wurde.
Als Veranstaltung zum Thema politische Mitbestimmung würde man in der Regel eher eine Podiumsdiskussion erwarten. Eine Annäherung an Fragen der Demokratie in einem Format, das größtenteils ohne zusammenhängende Rede auskommt, gibt vielleicht weniger klare Antworten. Dafür mag beim Publikum ein Gefühl entstehen. Das Gefühl, sich mit Fremden denselben Raum zu teilen. Teil derselben Konstellationen zu sein.
Am Ende des Parcours wurden die zwei Publikums-Gruppen in einem großen Saal zusammengeführt. Beleuchtung und die Laute des Chors erzeugten eine Stimmung wie in einem Wald bei Anbruch der Nacht. In der Dämmerung verwischen Grenzen, die Sicht schwindet und das Hören übernimmt – ein Lauschzustand.
Nach einem angeleiteten Austausch der Zuschauer:innen untereinander über Fragen von persönlichen Werten und Ängsten, wird das Publikum aufgefordert, sich den Geräuschen der Dämmerung anzuschließen. Summen, Zirpen, Schreien, Rufen, Knacken, jede Person klingt anders. Immer lauter tönt es im Raum wie ein Dschungel in der Dämmerung – nicht unisono, aber zusammen.
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Source: taz