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Germany · taz · · 1h

Mehrzweckeier und Bundeswehrwerbung: Am Mittelfinger gepackt

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Kennen Sie dieses Bild von dem Bundeswehr-Verweigerer, der auf einer Demo gegen die Wehrpflicht mit drei Dosen Bier in der Hand ein Pappschild präsentiert? „Merz leck Eier“, steht darauf. Der Slogan wurde zu einem Internetphänomen, weil die Polizei dem Demonstranten tatsächlich den Gefallen tat, sein Schild zu beschlagnahmen und wegen Beleidigung gegen ihn zu ermitteln. Seitdem ist der Spruch bei den Protesten gegen eine Wiedereinführung der Wehrpflicht nicht mehr wegzudenken.

Ein Slogan mit dem Aussagegehalt eines ausgestreckten Mittelfingers bringt zum Ausdruck, was viele, die von einer Wehrpflicht betroffen sein könnten, denken: „Nicht mit mir.“ Die eilig auf ein Stück Pappe gekritzelte Aussage erreichte damit vielleicht sogar eine größere Wirkmacht als alle vor Steuergeld und Kitsch triefenden Hochglanz-Kampagnen der Bundeswehr.

Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Marketing-Männer in der hauseigenen Redaktion der deutschen Streitkräfte deshalb konsterniert die Stirn kratzen. Falls es nicht klappt, die Rekrutierung auf freiwilliger Basis mit Werbung zu promoten – keine Sorge! Es wird bestimmt auch ein paar Milliönchen geben, um eine dann anstehende Reaktivierung der Wehrpflicht mit einer neuen Mini-Serie auf Youtube zu begleiten.

Bevor ich weiter in mein Radargerät blicke, das ich mal am Ende eines Flurs im Verteidigungsministerium gefunden habe und das überall nur Gemeinheiten und Gefahr zeigt, lassen Sie mich nochmal erzählen, was Sie hier lesen: Seit etwa anderthalb Jahren berichte ich für die taz über die Bundeswehr. Dafür bin ich embedded zwischen Militärstrategen, Soldaten und Rüstungslobbyisten unterwegs.

Über mir thront der unendliche Milliardenberg der Schulden für das Militär. Vor mir: Der Schatten der russischen Aggression gegen die Ukraine. Dazu kommen die Reflexionen des Kriegs der USA und Israels gegen Iran und das Gemetzel in Gaza. Böse Träume von durch künstliche Intelligenz gesteuerter Kriegsführung plagen mich. Was soll mein armes Radargerät da auch zeigen außer, dass wir umzingelt sind?

Ich bewahre es in einer hinteren Schreibtischschublade auf und ziehe es zu Rate, wenn ich darüber nachdenke, wie die Bundeswehr bis 2035 über 260.000 aktiven Sol­da­t*in­nen und 200.000 Re­ser­vis­t*in­nen verfügen soll – derzeit sind es rund 186.700 Aktive und etwa 55.000 beorderte Reservist*innen. Die Zahlen zum freiwilligen Wehrdienst waren nach Bundeswehr-Angaben im Juli leicht rückläufig, trotzdem beteuert man, dass die Neuanstellungen insgesamt nach Plan verliefen.

Man muss über kein Radargerät wie ich verfügen, um zu sehen, dass diese Aufwuchszahlen, die als Nato-Vorgaben dargestellt und nie ernsthaft diskutiert wurden, zu hoch angesetzt sein könnten. Anders gesagt: Auch ein Dosenbier-Trinker muss darauf acht geben, dass er von der Bundeswehr nicht an seinem Mittelfinger gepackt wird.

Vielleicht war es ebenfalls auf einem Flur des Verteidigungsministeriums, wo ich diesen Satz aufgeschnappt habe: Militärtisch zu denken heißt, auf den worst case vorbereitet zu sein. Doch was wäre, wenn dieser worst case eine Entwicklung ist, die man selbst befördert? Anders gefragt: Befinden wir uns nicht in einer Aufrüstungsspirale, die durch gegenseitige Abschreckung getriggert wird und die im Ergebnis nur wachsende Unsicherheit bedeutet? Die Antwort auf diese Fragen liegt wohl jenseits der Flure des Verteidigungsministeriums: im nicht-militärischen Denken.

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Source: taz