Kommando 161 Faultline Kommando 161

Germany · taz · 7h

Marotten in Beziehungen: Die große Inszenierung ist vorbei

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W as ist eure Beige Flag?“, will C. von uns wissen. Diese etwas schräge Eigenheit, die weder Green noch Red Flag ist, das Gegenüber aber kurz irritiert. Ich muss nicht lange nachdenken: „Dass ich nach dem High-Intensity-Training nicht dusche, sondern gottlos verschwitzt direkt in meine Arbeitsklamotten schlüpfe.“ Ich ernte angewiderte Lacher. „Dass ich noch nie in meinem Leben meine Fingernägel geschnitten habe“, sagt R. lachend. Und schiebt hinterher: „Nur geknabbert“.

C.s ist Hardcore-Beige: Sie kommt immer erst so spät von der Arbeit nach Hause, dass sie meistens im Bett ihre Zähne putzt, erzählt sie. Dann muckelt sie sich in ihre kuschelige Daunendecke ein und ist häufig zu müde, um wieder aufzustehen, ins Bad zu gehen und die Zahnpasta auszuspucken. Die Lösung: ein Spuckbecher neben ihrem Bett. Manchmal lasse sie die Speichel-Zahnpasta-Plörre tagelang stehen, bis der Glibber im Becher gelb wird, erzählt sie schamlos. „Was machst du, wenn dein Freund zu Besuch ist?“, frage ich. C. lacht: „Dann reiche ich ihm den Becher rüber und er spuckt auch rein.“

Ich finde, der geteilte Spuckbecher ist eine absolute Green Flag. In Liebesfilmen würde er zweifellos für die gescheiterte Beziehung stehen, in der jegliche Romantik verflogen und schonungslose Unbefangenheit an ihre Stelle getreten ist. Dabei zeugt er eigentlich vom Gegenteil: von einer kerngesunden intimen Beziehung, von der Befreiung der „Feminine Mystique“, diesem verlogenen Schauspiel der makellosen Frau.

Es ist ein emanzipatorischer Akt, nicht mehr immer sexy Unterwäsche zu tragen, den Tampon verschämt hinter verschlossenen Türen zu wechseln, stets nach Rosen zu duften und bloß nie einen über den Durst zu trinken. Die große Inszenierung ist vorbei: Wir furzen, wir fluchen, wir saufen, wir tragen unsexy, aber megapraktische Periodenunterwäsche.

Die Influencerin Taryn Delanie Smith bringt es auf den Punkt: „Dein inneres Selbst ist doch keine Prinzessin, oder? Es ist ein Gargoyle, das gezwungen ist, auf einem Sockel in einem Ballsaal zu stehen, gefangen in einem Walzer, den keine von uns jemals tanzen wollte.“ Ihr Appell: „Mein Gott, wir müssen Widerstand leisten!“ Das tun wir. Aber auch nur, weil (zumindest manche) Männer es uns inzwischen erlauben, ja, das sogar in einer Partnerin suchen.

In ihrem Buch „Fuckgirl“ unterscheidet Bianca Jankovska zwischen Männern, die Frauen lieben, und Männern, die Frauen mögen. Erstere sind jene, die in Frauen vor allem einen fuckable und besitzbaren Körper sehen. Letztere sind jene, die Frauen als Menschen begreifen, mit eigenen Ideen, Träumen, Wünschen, Theorien und Sehnsüchten.

Ein Mann kann seine Frau und Tochter lieben und beschützen wollen, ihnen aber nicht auf Augenhöhe begegnen. Er kann Frauen gern ansehen, aber nicht gern zuhören, er kann den weiblichen Körper für sexuelle Befriedigung nutzen, ihn aber nicht respektieren; sich sogar davor ekeln, wenn er menstruiert oder Haare hat, schwitzt, rülpst, furzt oder scheißt. Er kann Frauen begehren, aber seine Bewunderung, seinen Respekt und seine Anerkennung stets Männern schenken.

Aber ein Typ, der mit seiner Freundin den Spuckbecher teilt, mag Frauen. Als C. einmal kurz vor der Trennung steht, entscheidet sie sich im letzten Moment doch dagegen. „Wer soll mir sonst meinen Herpes am Po eincremen?“

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Source: taz