Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 1h

Lob der E-Scooter: Schnell, wendig, frei

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D ie Ärztin im Wiener Unfallkrankenhaus schaut mitleidig. „Drei Zähne, Rissquetschwunde oben. Unten Lippe fast durch. Wie ist das denn passiert?“, fragt sie. „E-Roller“, antworte ich einsilbig durch meine Schlauchbootlippen. Heute, ein Jahr später, bin ich mehr denn je Leihroller-Enthusiast. Allein mit dem Anbieter Lime bin ich inzwischen 1.247,7 Kilometer gefahren, exakt 520 Fahrten waren es.

Dabei tauchten die kleinen grünen Dinger auch in meinem Leben zuerst als Hassobjekte auf. Plötzlich waren da diese Hindernisse im öffentlichen Raum, eine Zumutung, finanziert durch nebulöses Techkapital. So etwas ist typisch für den Zustand der „Postdemokratie“, wie ihn der britische Politikwissenschaftler und Soziologe Colin Crouch beschrieben hat: In keiner demokratischen Abstimmung hat jemals irgendwer für E-Scooter gestimmt. „Die Dinger gehören abgeschafft!“, dachte ich damals – ohne zu wissen, was mir entging.

Meinen Moment der Bekehrung erlebte ich in Palermo, als ich feststellen musste, dass mich nur noch ein Leihroller aus den Abgasen des brütend heißen, stinkenden Hafens retten würde. Der Linienbus zum Strand war ausgefallen, Taxis kosteten zu viel, also stieg ich auf einen E-Scooter. Nach 12 Kilometern wurden mir nur 11 Euro abgebucht. Die erste Erkenntnis: Rollerfahren ist relativ günstig.

Das Gefühl, die Nintendo-Spielfigur Luigi auf seinem kleinen grünen Yoshi zu sein, verließ mich auch wenige Wochen später im herbstlichen Rostock nicht. Weil die Stadt sehr weitläufig ist, hatte ich wieder einen Roller geliehen. Ich fuhr zuerst zur Stadtbibliothek, dann zum Strand. Ein schlankes Nichts unter den Füßen. Geschwindigkeit, Wendigkeit, Freiheit. Ich wurde geradezu euphorisch. Die zweite Erkenntnis: Rollerfahren macht richtig Spaß.

Zurück im grauen Berlin musste ich mir eingestehen, dass ich im Jump-‚n‘-Run-Alltag der Großstadt nicht mehr auf die Dinger verzichten wollte. Als Kind der 1980er bin ich mit Point-and-Click-Adventures aufgewachsen, also mit Computerspielen, in denen es sich oft nur mittels unorthodoxer Verhaltensweise durch den Spielverlauf navigieren ließ. In unserer Blade-Runner-Gegenwart geht es nicht mehr ohne ein paar Cyberpunk-Skills.

Ein plötzlicher U-Bahn-Ausfall? Halt, da steht doch ein Leihroller. Einkauf oder Reisegepäck zu schwer? Kein Problem, einfach alles an den Lenker hängen.

Neulich las ich im Spiegel, dass die Spaßgefährte nun zu einem „wichtigen Verkehrsmittel“ geworden seien, ja sogar vom „Auto der jungen Leute“ ist die Rede. Für mich stehen sie für einen Kulturbruch im Verkehr: Leihroller sind kleiner, wendiger und günstiger als E-Autos. Sie bringen Elektromobilität auf ein Menschenmaß, und das ist gut. Unsere Städte brauchen nicht mehr Teslas, sondern einen vernünftigen Lückenschluss zu funktionierenden Öffis.

Da kann auch das Fahrrad nicht mithalten, denn es steht nun mal nicht überall parat. Und an manchen Tagen will man auch einfach nicht in die Pedale treten. Gerade im Herbst hat Rollerfahren eine ganz eigene Poesie, wenn man frühmorgens wie schwerelos durch lang gezogene Alleen schwebt, vorbei an allen Covid- und Grippewellen, mit etwas Musik im Ohr. Dabei bloß nicht den Armin Laschet machen und sich die Schulter brechen, besser etwas runter vom Tempo.

Vor ein paar Tagen sitze ich in einem Elektrotaxi in Wien. Ich frage den Fahrer, wie er zu E-Scootern steht, und bin verblüfft über seiner Antwort: „Schauens“, sagt er, „jeder zweite Jugendliche glaubt, er ist Superman. Es gibt aber zu viel Autos, da sind die Roller schon eine Entlastung, sie gehören nur strenger reguliert.“ „Stimmt“, sage ich, „außerdem sollten sie von der Stadt übernommen und zum Gemeingut gemacht werden.“ Meinen Armin-Laschet-Moment behalte ich für mich.

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Source: taz