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Leiko-Ikemura-Ausstellung in Venedig: Geheimnisvoll sind ihre Gestalten allemal

Die lichtdurchfluteten Skulpturen von Leiko Ikemura sind nun in der Gallerie dell’Accademia Venedig zu sehen. Sie bilden ein Spiel mit Farbe und Geschichte. mehr...

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Ohne Licht kein Sehen, ohne Licht gibt es auch keine Kunst. Erst das Licht macht die Farbe zur Farbe und die Form zur Form. Diese Eigenschaft des Lichtes nutzten die mittelalterlichen Maler, die das es als ein Gestaltungsmittel verstanden, um auf die Gegenwart Gottes als den Ursprung des Lichts hinzuweisen. Ihre Bilder reflektierten das Licht daher nicht, sie wurden zur Quelle des Lichts. Erst seit der Renaissance, mit der Durchsetzung der realistischen Tendenzen setzte sich in der Malerei das Naturlicht durch. Das Licht als ein Gestaltungsprinzip sollte dann nach Jahrhunderten wieder in der modernen Kunst ein Thema etwa bei László Moholy-Nagy werden. Unter den zeitgenössischen Künstlern sind es James Turrell oder Ólafur Elíasson, die sich des Lichts annehmen.

Beeindruckt vom Licht in Venedig, das die Lagunenstadt mal wie eine schwebende Fata Morgana, mal wie eine in Farben strahlende Hochburg erscheinen lässt, ließ sich die in der südjapanischen Präfektur Mie geborene, doch seit Jahren in Berlin lebende Künstlerin Leiko Ikemura auf ein Abenteuer ein. Sie stellt jetzt in der ehrwürdigen Galleria dell'Accademia ihre in Glas gegossenen Skulpturen einigen mittelalterlichen Bildern und Gemälden aus der Frührenaissance gegenüber. Wo denn sonst als in dieser Stadt, wo nicht nur das Licht seinen Zauber entfaltet, sondern wo auch das Herstellen von Glas auf eine lange Tradition zurückblickt.

Tatsächlich sind auch einige der Skulpturen in enger Zusammenarbeit mit den venezianischen Werkstätten von Murano hergestellt. Ikemura formt in ihrem Berliner Atelier aus weichen Ton ihre geheimnisvollen Gestalten, die dann in einem aufwendigen Verfahren in Glas gegossen werden. Dabei erstarren die Spuren ihrer Finger zu einer harten, das Licht reflektierenden Oberfläche und verleihen so den Skulpturen etwas Lebendiges.

Leiko Ikemura: „TransLucent – La forma della luce“.Gallerie dell’Accademia, Venedig, bis 22. November

Geheimnisvoll sind ihre Gestalten allemal. Es sind Fabelwesen aus der Naturreligion Shinto, Kami genannt, die bereits seit Jahren auch Ikemuras lichtdurchflutete Bilder bevölkern. So erscheinen in Venedig Hasen, Katzen, Mädchen, mondsüchtige Frauengesichter, hockende Mönche zwischen Bildern von Giorgione, Bellini oder Veneziano. Mal in durchsichtigem Glas, mal in Lila oder Zitronengelb reflektieren sie das Licht, das die historischen Gemälde mit ihren goldenen Hintergründen und dem königlichen Blau ausstrahlen. Als ob Ikemuras Figuren schon immer zu den alten Bildern gehören würden.

Erstaunlich, welche Einheit diese Wesen, obwohl sie aus einem, der christlichen Tradition weit entfernten Kulturbereich kommen, mit den Motiven der Alten Meister herstellen. Dabei werden die Skulpturen selbst zur Quelle des Lichts, die zuweilen die Gestalt eines Kopfes, einer sitzenden Figur mit einem Vogel auf der Schulter oder eines liegenden Mädchens annimmt. Daher auch der Titel der Ausstellung „TransLucent – La forma della luce“ (TansLucent – Die From des Lichts).

Besonders gelungen ist diese Einheit der alten und neuen Bilder an der Stelle, wo sich Tizians über sieben Meter langes, um 1535 entstandenes Monumentalgemälde „Mariä Tempelgang“ befindet. Drei Glasskulpturen Ikemuras stehen davor. In der Mitte „Scala“ von 2026, eine durchsichtige Treppe aus Glas, die sich bei Tizian fortsetzt, seine ganz Bildkomposition prägt. Rechts „Velvet Girl“, ein liegendes Mädchen, das schon 2021/2022 entstand und das typische Tizianrot an den Gewändern seiner Figuren in sich aufnimmt. Links „Girl Sitting“ von 2020, das Tizians schimmerndes Gold reflektiert.

Draußen im Hof der Accademia steht man dann vor einem Sockel, auf dem Ikemuras „Glass Baby“ von 2020 liegt, ein zarter Kopf aus Glas. Der sich ständig ändernde Himmel spiegelt sich auf seiner Oberfläche und lässt die Skulptur je nach den Wetterverhältnissen himmelblau oder in verschiedenen Abstufungen von Grau aufleuchten. Wer sich auf Ikemuras transparente, filigrane, Licht durchlässige Kunst einlässt, lernt das Licht zu sehen.

Originally published bytaz
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