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Lange Nacht der Religionen: Es geht halt auch um die Gretchenfrage
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Ein später Sonntagnachmittag. So ungemein blau wölbt sich der Himmel hier über der Zossener Straße, dass man milde gestimmt den Lärm der verkehrsumtosten Straße gar nicht mehr als so lärmend hören will. Ach ja. Und die sorgsam in den Himmel hineingetupften Wolken. Die Sonne. Schön.
Diese Sonne wärmt auch das Backsteinrot der Heilig-Kreuz-Kirche. Ein imposanter Bau, neogotisch, an den sich gerade ein Mann in T-Shirt und knielanger Hose lehnt, den Bauch streckt er der Sonne entgegen, und im Rücken hat er den Stein, dessen Wärme dieser nicht mehr ganz so junge Mann räkelnd zu genießen scheint. Jetzt streckt er auch noch beide Arme seitlich aus und befindet sich nun, man muss das einfach so sehen mit der Kirche im Hintergrund, in einer Kreuzigungspose.
Wobei es gar nicht ausgemacht ist, dass sich wirklich allen Passanten in diesem gern als gottlos verschrienen Berlin erschließt, was so ein Mann am Kreuz eigentlich bedeuten kann in einem spirituellen Sinn. Die Zahlen: Von den mittlerweile fast 4 Millionen Einwohner*innen in der Stadt waren 2025 11 Prozent evangelisch und 6,6 Prozent katholisch. Sie zählen damit zum Christentum, in dem eben das Kreuz eine herausragende Rolle spielt. Der übergroße Rest von über 80 Prozent dagegen ist konfessionslos (60 Prozent) oder gehört anderen Glaubensgemeinschaften an.
An Auswahl fehlt es dabei nicht, weil die Menschen bei ihren Migrationsbewegungen ja nicht nur ihre Kochrezepte in die neue Heimat mitgebracht haben. Über 250 Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften sollen in Berlin aktiv sein, und bei der Langen Nacht der Religionen konnte man sich da am vergangenen Wochenende ein wenig umschauen. Gucken als spiritueller Tourist, was alles möglich ist in Glaubensfragen, vorneweg mit den großen Fingerzeigen wie Buddhismus, Judentum, Islam oder halt auch bei eher neueren Angeboten wie Ananda Marga, was sich aus dem Sanskrit mit „Weg der Glückseligkeit“ übersetzt.
So viel zum Ausprobieren: Gemeinsames Mantrasingen oder ein Workshop mit der „Kraft guter Wünsche aus reinem Herzen“ als Thema oder doch ein „meditativer interreligiöser Spaziergang“ in einem Park oder gleich all das oder nur eine „traditionell tibetisch-buddhistische Rauch-Puja“. Puja, mit einer Andacht vergleichbar, bedeutet „Verehrung“. Ein Ritual.
Glauben muss man halt auch erst mal lernen.
Und genau da mal wieder vorbeizuschauen, womit man mal in Kindertagen vertraut gemacht wurde, auch dafür bietet die Lange Nacht eine schöne Gelegenheit. In der Heilig-Kreuz-Kirche hat man dafür einen Stuhlkreis aufgebaut für einen „Gottesdienst mit allen Sinnen“. Etwa 30 Besucher*innen finden sich ein. Sehr junge Menschen und alte und alles dazwischen, als Paare, einzeln. Auch der nicht mehr ganz so junge Mann in T-Shirt und knielanger Hose, der sich eben noch die Sonne ins Gesicht scheinen ließ. Mit einem halblauten „Schalom“ nimmt er Platz.
Spätestens beim ersten Lied, „Lobe den Herrn, meine Seele“ zeigt sich, dass hier wohl niemand zum ersten Mal seinen Weg in einen evangelischen Gottesdienst gefunden hat. Sie sind mit den Routinen vertraut, eigentlich alle singen mit, manche halt nur murmelnd.
„Dankbarkeit“ ist das Leitmotiv des Abends. Zwischendurch darf man da auch durch die Kirche laufen und ein Bändchen an vorbereitete Stricke knoten. An einen persönlichen Dankbarkeitsmoment sollte man dabei denken. Ein Angebot, zur Ruhe zu kommen, soll der Abend sein. Zusammen mit anderen. Nicht allein. Vom Geist der Liebe ist die Rede, aber auch, dass gerade in diesem Moment in Sachsen-Anhalt ausgezählt wird.
Zum „Vater unser“ stehen alle auf, die Hände gefaltet oder die Arme verschränkt.
An der Tür darf, wer mag, etwas in den Klingelbeutel werfen. Draußen empfängt einen der Lärm der Stadt. Es ist noch immer angenehm warm.
Eine Losung, an die man sich schon halten kann (im Programm zur Langen Nacht der Religionen wird der Satz der buddhistischen Nonne Pema Chödrön zitiert): „Möge ich glücklich sein, mögest du glücklich sein, mögen alle Wesen glücklich sein.“ Thomas Mauch
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Source: taz