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Kulturwochen Kiel über Roma und Sinti: „Wir haben noch viel zu tun, um Aufklärung zu leisten“
Bei den Kulturwochen Kiel liegt der Fokus dieses Jahr auf Roma und Sinti. Da gibt es noch viel Unwissen, sagt Organisator:in Natalie Demmer. mehr...
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taz: Natalie Demmer, das übergeordnete Motto der Kulturwochen Kiel lautet „Der andere Blick“. Wer blickt da auf wen?
Natalie Demmer: Wir wollen das in den Blick nehmen, was ohnehin in unserem Alltag passiert, nämlich Migration und Zuwanderung. In Kiel, wie auch in anderen Städten, leben Menschen aus vielen Kulturen, aber oft wissen wir nicht viel über sie und trauen uns nicht recht, danach zu fragen. Die Kulturwochen bieten eine Chance, sich zu treffen und kennenzulernen.
taz: Wie sind die Kulturwochen entstanden, wer steht dahinter?
Demmer: Sie sind 2014 und 2015 entstanden, als sehr viele Geflüchtete kamen. Damals hat die Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migrant*innen (ZBBS) ein Format namens „Bühne frei für Geflüchtete“ gemacht, das sehr erfolgreich war. Also haben sich ZBBS und die Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein zusammengetan, um ein Nachfolge-Programm zu entwickeln und auch eine Förderung auf die Beine zu stellen. Die Kulturwochen werden von der Stadt Kiel und der Bingo-Umwelt-Lotterie gefördert, auch der Landesbeauftragte für politische Bildung und die Brunswiker Stiftung beteiligten sich regelmäßig. Das Konzept ist immer gleich: Wir schauen in jedem Jahr auf ein Land oder eine Region, etwa Afghanistan, Syrien oder Eritrea.
Jahrgang 1995, leitet seit 2022 die Planungen der Kulturwochen Kiel und ist seit 2025 geschäftsführende Vorständ:in der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein.
taz: In diesem Jahr geht es um Sinti und Roma. Die Sinti sind nicht zugewandert, sondern leben seit gut 800 Jahren in Schleswig-Holstein, die Verfassung erkennt sie als Minderheit an. Warum haben Sie sich für diese Bevölkerungsgruppe entschieden?
Demmer: Weil sie zwar unsere Nachbar:innen sind, wir sie trotzdem nicht ausreichend kennen, und weil sie viel Stigmatisierung erleben. Mitglieder der Minderheit können da viele Geschichten erzählen. Neben der Gruppe der Sinti wandern zurzeit viele Roma zu. In Kiel-Wik gab es 2024 großen Streit um Roma-gelesene Geflüchtete aus der Ukraine. Wir haben noch viel zu tun, um Aufklärung zu leisten.
taz: Die Woche beginnt am 30. Oktober mit einer Lesung plus Konzert. Django Galore präsentiert „den unverwechselbaren Klang des Gypsy Swing“, heißt es im Programm. Während der folgenden vier Wochen finden mehrere Tanz-Workshops statt. Musik und Tanz – ist das nicht ein tiefer Griff in die Sinti-und-Roma-Klischeekiste?
Demmer: Wir als Organisator:innen bestimmen nicht den Inhalt, sondern die Sinti und Roma selbst. Anfang des Jahres haben wir alle Akteur:innen zur Programmplanung eingeladen. Sinti und Roma sind übrigens keine homogene Gruppe, es gibt viele Kulturen und Communities, vertreten durch mehrere Verbände. An den Planungen nehmen auch immer die Kieler Kulturinstitutionen teil, etwa das Theater und das Literaturhaus. Aus dieser Runde haben sich Ideen entwickelt. Das Programm ist breit aufgestellt.
Vom 30.10. bis 28.11. an mehreren Orten in Kiel. Auftakt: Lesung und Konzert „Romanes, die Stimme einer Kultur“, Freitag, 30.10., 18.30 Uhr, Junges Theater im Werftpark, Ostring 187 A, Kiel. Vollständiges Programm: https://kulturwochen-kiel.de/
Demmer: Es gibt Veranstaltungen über Geschichte, Rassismus gegen Sinti und Roma, über die Erfahrung des Andersseins. Und was Klischees betrifft – es kommt drauf an, wie man damit umgeht. In den syrischen und kurdischen Kulturwochen gab es sehr beliebte Kochkurse, obwohl es auch ein Klischee ist, Frauen dieser Kulturen auf die Küche zu reduzieren. Musik und Tanz sind nun einmal ein Teil der Kultur der Sinti und Roma. Wobei ich ausgerechnet Flamenco, dazu wird es auch einen Workshop geben, nicht mit Sinti und Roma verbunden hätte.
taz: An wen sich richten sich die Kulturwochen, wer soll kommen?
Demmer: Das ist von Veranstaltung zu Veranstaltung unterschiedlich. Zum Flamenco kommen die Tanzbegeisterten. Wenn Kinderbücher vorgestellt werden, sind sicher Kinder und Eltern dabei. Viele kommen, weil sie Plakate in der Stadt gesehen haben und Lust auf ein Konzert haben. Daneben gibt es Leute, die die Kulturwochen lange kennen und regelmäßig teilnehmen. Darunter sind auch die Mitglieder der Communitys, die früher im Mittelpunkt der Kulturwochen standen. Das macht die Kulturwochen aus, dass ganz Kiel mitfeiert.