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Kracht und Kitamura beim ilb: Schock und Jubel
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Wenn Schreibende über das Schreiben reden, dann interessiert das zuvörderst: Schreibende. So würde man annehmen zumindest und die Besucher:innenprognose bei einer Veranstaltung mit dem Titel „The Art of Writing“ niedrig ansetzen. Wenn dann der Saal voll besetzt ist, kann man erstaunt feststellen, dass es offenbar mehr Schreibende unter uns gibt als angenommen, oder die vorherige Annahme revidieren. Beides wäre zu begrüßen.
Aus welchen Ideen am Ende Bücher entstehen, in dieser Gleichung kommt auch immer dem Zufall ein Posten zu. Die US-amerikanische Autorin Katie Kitamura, die an diesem Donnerstagabend auf der Bühne im Haus der Berliner Festspiele sitzt, umschreibt diesen Umstand so etwa mit „gutartiger Vernachlässigung“; sie trage Ideen oft jahrelang mit sich herum, schiebe sie weg. Romanstoff werde dann, was diese Vernachlässigung überlebe.
Christian Kracht erzählt, wie er in seinem Schreiben kaum strukturiert, die Ideen kämen zu ihm „wie im Traum“. Womöglich träumte der Schweizer Schriftsteller in den letzten Jahren besonders wild, schien doch die seltsame, Fantasy-artige Parallelwelt, die er in seinem letzten Roman „Air“ entstehen ließ, mit der Feder der Träume gezeichnet. „Tell a dream, lose a reader“, zitiert Kracht nach Henry James und lacht. Dass die „Air“-Szenerie tatsächlich im Schlaf zu ihm kam, bekennt er dann auch. Er träume seit seiner Kindheit von einer weiten Landschaft, die er nun endlich einmal in einem Roman beschrieben habe, sagt er.
Die Welt von Katie Kitamuras Erzählerin ist hingegen deutlich kleiner. In „Intimitäten“ verbringt die Protagonistin ihre Zeit am Gerichtshof in Den Haag in einer Übersetzerkabine, von wo aus sie allerdings die ganz großen Verbrechen in Sprache packt und für Kriegsverbrecher übersetzt. Dass es mitunter aufs einzelne Wort ankommt, weiß die Erzählerin dabei wie Kitamura selbst: Jeder ihrer genauen Sätze trifft ins Ziel, wirft Licht auf die menschliche Psyche.
„Shockingly good“ schreibe Kitamura, urteilt Kracht, der überhaupt sehr zugänglich auftritt an diesem Abend. Mehrfach komplimentiert er der Schriftstellerkollegin aus den USA, und dann bekennt er noch, dass er weitere Übersetzungen seines Erstlings „Faserland“ untersagt habe, weil er findet: „Es ist einfach kein so gutes Buch.“ Das Publikum honoriert das Ganze mit wohlwollendem Lachen.
Man ist den Gästen zugetan, beim Internationalen Literaturfestival, im Publikum sitzen zuvörderst Fans, Fans der Autorinnen und Autoren, Fans aber auch von Literatur generell. Das war etwa auch zu spüren bei der ausverkauften Lesung des Amerikaners Dave Eggers, dessen Charisma die Zuhörer:innen sichtlich fesselte. Eggers veröffentlichte zuletzt mit „Contrapposto“ einen Künstlerroman und erzählte in Berlin, dass er kein Smartphone besitze. Als er dann noch zu einer Brandrede gegen Tech-Faschisten und KI ansetzte, erntete er tosenden Applaus.
Und sogar die Personalie Boualem Sansal geriet nicht zum Politikum. Der algerisch-französische Schriftsteller steht dem Festival in diesem Jahr als Schirmherr vor und war wegen Kritik an der algerischen Regierung 2024 inhaftiert worden. Auslöser waren Aussagen in einem Interview gewesen, das er in Frankreich dem rechtsextremen Medienportal „Frontières“ gegeben hatte. In Frankreich ist Sansal umstritten, war er doch nach seiner Freilassung im November 2025 für eine Vorschusssumme von 1 Million Euro von Gallimard zu Grasset, dem Verlag des rechtsextremen Medienunternehmers Vincent Bolloré, gewechselt. Beinahe zeitgleich verließen 250 renommierte Autor:innen Grasset.
Kritik an der Schirmherrschaft Sansals über das internationale Literaturfestival wurde hierzulande dabei kaum laut. Zwar richtete das Festival eine Diskussion mit Sansal aus, in der auch sein umstrittener Verlagswechsel zur Sprache kam, doch nahm die sich laut FAZ eher seltsam aus. „Raunend“ sei es da zugegangen, hieß es.
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Source: taz