Germany · taz · · 2h
Konflikt am Horn von Afrika: Äthiopien und Eritrea am Rande des Krieges
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Im Nordosten Afrikas nimmt eine regionale Allianz gegen Äthiopien Form an und könnte den eskalierenden Krieg zwischen Äthiopiens Regierung und der aufständischen Tigray-Rebellenbewegung TPLF (Tigray-Volksbefreiungsfront) in einen internationalen Konflikt verwandeln. Die Präsidenten von Eritrea, Somalia und Sudan trafen am Sonntag in Ägypten mit dem dortigen Präsidenten Abdelfattah al-Sisi zusammen und sprachen nach amtlichen ägyptischen Angaben über „regionale Fragen von gemeinsamem Interesse“. Der Gipfel erfolgte im Anschluss an ein Treffen der Afrikanischen Union (AU), auf dem Sissi zum „Dialog“ über grenzüberschreitende Konflikte aufgerufen hatte.
Dialog führen die vier Regierungen vor allem miteinander – und sie alle sind Gegner von Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed. Seit dieser Anspruch auf Zugang zur eritreischen Küste am Roten Meer formuliert, unterstützt Eritrea die aufständische TPLF und hat äthiopische Regierungsgegner bei Treffen in Sudan zusammengebracht.
Sudan wirft Äthiopien vor, die aufständische Miliz RSF (Rapid Support Forces) zu unterstützen, und ist gemeinsam mit Ägypten ein scharfer Gegner des äthiopischen Ausbaus von Wasserkraft am Oberlauf des Blauen Nils. Der kann den Wasserzufluss nach Sudan und Ägypten saisonal verringern. Für Somalia ist die äthiopische Unterstützung der abgespaltenen Republik Somaliland ein Dorn im Auge.
In Äthiopien herrscht seit einigen Wochen wieder Krieg. Die TPLF gründete am 20. September mit anderen bewaffneten Gruppen des Landes eine neue Rebellenallianz und verübte wenige Tage später aus der weitgehend von ihr kontrollierten nordäthiopischen Region Tigray heraus Angriffe auf Armeestellungen in den Nachbarregionen Afar und Amhara. Ende vergangener Woche schlugen äthiopische Regierungstruppen jedoch die Rebellen zurück und rückten zusammen mit TPLF-feindlichen tigrayischen Milizen in Tigray ein.
Die Kämpfe im Süden Tigrays waren offenbar sehr heftig. Die Stadt Alamata wurde vergangene Woche tagelang von schwerem Artilleriefeuer erschüttert, das Krankenhaus der Stadt meldete mindestens 52 zivile Tote, unter anderem beim Beschuss eines gut besuchten Marktes. In der Nacht zum Freitag wurde Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba mit Drohnen beschossen. Die Drohnen schlugen in der Nähe des Armeehauptquartiers ein.
Äthiopiens Armee hat nun offenbar die Oberhand gewonnen. Am Sonntag patrouillierte sie in den Straßen von Tigrays Hauptstadt Mekelle, welche die TPLF am Vortag unblutig geräumt hatte. Die Rebellen erklärten, sie hätten sich „zeitweise“ zurückgezogen und würden nun „von woanders“ regieren. Sie kontrollieren nach wie vor den Großteil der Provinz, und da sie anders als im ersten Tigray-Krieg 2020-22 vom Nachbarstaat Eritrea unterstützt werden, brauchen sie keine Umzingelung zu befürchten.
Am Wochenende spekulierten regierungsfreundliche äthiopische Kreise, die TPLF-Führung könnte sich komplett nach Eritrea abgesetzt haben. Dies erscheint unwahrscheinlich, könnte aber darauf hindeuten, dass Äthiopiens Regierung ins Auge fasst, die Tigray-Rebellen bis auf eritreisches Gebiet zu verfolgen.
Äthiopien und Eritrea bereiten sich beide auf eine mögliche Konfrontation vor. Äthiopien schloss am vergangenen Donnerstag seine Botschaft in Eritreas Hauptstadt Asmara und wies zugleich zehn eritreische Diplomaten wegen „direkter und indirekter feindseliger und kriegerischer Handlungen“ aus Äthiopien aus. Eritrea reagierte wenige Stunden später mit dem Abbruch „aller“ diplomatischen Beziehungen.
Read the full story at the source
Source: taz