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Kolumbien liberalisiert Waffenrecht: Der bewaffnete „Gute“ und die Sorge vor mehr Selbstjustiz

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Kolumbiens neuer ultrarechter Präsident Abelardo de la Espriella bricht mit einem Tabu. In der vergangenen Woche hat er ein Dekret aufgehoben, das das Tragen von Waffen bisher einschränkte. Doch was bedeutet das nun? Mehr als 600.000 Bür­ge­r:in­nen mit einem Waffenschein, der den Besitz und das Tragen einer Waffe regelt, dürfen diese jetzt auch außerhalb des Hauses mit sich führen. Eine Sondergenehmigung ist dafür nicht mehr notwendig.

„Jahrelang wurden gesetzestreue Bürger eingeschränkt, während sich Kriminelle weiterhin illegal bis an die Zähne bewaffneten. Das muss sich ändern“, begründete der Präsident die Änderung. „Es kann nicht sein, dass die anständigen Bürger sich nicht verteidigen können.“ 99 Prozent der Delikte würden mit illegalen Waffen begangen, sagte er in einem Video.

Seine An­hän­ge­r:in­nen applaudierten. Aber auch der Abgeordnete der rechten Partei Centro Democrático Jaime Arizabalete pflichtete dem Präsidenten bei. „Es gibt keinen besseren Weg, einen bewaffneten Bösen aufzuhalten, als mit einem bewaffneten Guten.“ Die Rechte im Parlament feiert das neue Waffenrecht, die Opposition kündigte Klagen an.

Seit 2014 hatten alle Präsidenten – ganz gleich von welcher Partei –das entsprechende Dekret zur Aussetzung der Waffenscheine jährlich wieder neu unterzeichnet. Ihre Gründe: Mehr Waffen führen zu mehr Verletzten und Toten. Und als Präsident Guillermo Lasso 2023 im Nachbarland Ecuador das Recht zum Tragen von Waffen zwecks Selbstschutz liberalisierte, landeten diese zuhauf in den Händen von kriminellen Banden.

Das neue Dekret bedeutet nicht, dass alle auf einmal eine Waffe führen dürfen, geschweige denn, dass Schießereien nicht geahndet werden. Das Recht, eine Waffe zu besitzen und zu führen, reglementiert und kontrolliert weiter der Staat. Doch nicht nur für Hugo Acero, Sicherheitssekretär unter Bogotás Ex-Bürgermeisterin Claudia López, sendet das Dekret eine fatale Botschaft: Der Staat kann seine Bür­ge­r:in­nen nicht ausreichend schützen und gibt diese Aufgabe an die Bevölkerung weiter.

Ex­per­t:in­nen bestreiten allerdings, dass mehr Waffen zu mehr Sicherheit führen. Ganz im Gegenteil, die Gewalt dürfte sogar steigen. Das bekannteste Beispiel sind die USA – und dort herrscht immerhin Frieden. In Kolumbien tobt seit mehr als 60 Jahren Krieg – aktuell sind es rund acht bewaffnete Konflikte. Die kolumbianische Gesellschaft ist von Krieg und Gewalt geprägt, bis ins Private.

Tatsächlich sind die Todeszahlen durch Streitereien in Kolumbien fast so hoch wie die durch organisierte Kriminalität, sagt Jorge Mantilla, Experte für Verbrechen, Sicherheit und Konflikte. 4 von 10 Morden passieren in Kolumbien im Kontext von Schlägereien auf der Straße oder Auseinandersetzungen wegen „bürgerlicher Intoleranz“. Vor allem am Wochenende. Alkohol, zu laute Musik bei den Nachbar:innen, Ärger auf der Familienfeier – das alles kann eine tödliche Mischung sein.

Der Präsident nutzt diese Stimmung. Sein Ankündigungsvideo zeigt, wie ein Paar in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá – er sitzt in einem Rollstuhl – von einem Bewaffneten ausgeraubt wird. Doch Zahlen des Hauptstadtdistrikts Bogotá belegen eine andere Realität. Gewalttaten haben abgenommen, das Sicherheitsempfinden allerdings auch. In Bogotá werden die meisten Überfälle noch ohne Schusswaffen ausgeführt. Aber: Die Hälfte der Menschen ist bereit, die Justiz selbst in die Hand zu nehmen. 3 von 10 Personen würden sich ein Mittel zur Selbstverteidigung zulegen, da sie Anzeigen bei der Polizei und das Strafrechtssystem für wirkungslos halten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universidad Central und der Universidad Libre.

Eine weitere Sorge ist, dass die Zahl der Femizide steigen wird. Aktuell wird im Schnitt alle 18 Stunden eine Frau getötet. Die Änderung des Waffenrechts ist nicht nur laut des Rechercheportals Cuestión Pública für Frauen eine „Todesstrafe mit Ansage“. Die Nichtregierungsorganisation Temblores warnt: „In einer von männlichem Sexismus geprägten Gesellschaft können mehr Waffen mehr Macht bedeuten, um Frauen zu bedrohen, zu kontrollieren, zu töten.“

Viele Menschen befürchten zudem, dass in Kolumbien bald Zustände wie in den USA herrschen könnten. Am Tag nach der Änderung des Waffenrechts drang ein 17-Jähriger mit einer Waffe in eine Schule in Medellín ein, schoss mehrfach um sich und verletzte sich am Ende selbst. Sein Ziel soll eine Lehrerin gewesen sein. Zwei Männer im Alter von 37 und 46 Jahren betraten später die Einrichtung, nahmen dem Jungen die Waffe ab und verließen die Schule wieder. Es besteht der Verdacht, dass die beiden zu einer im Viertel aktiven kriminellen Organisation gehören, die Jugendliche rekrutiert. Die Tat machte Schlagzeilen und befeuerte die Debatte ums Waffenrecht weiter.

Viele Expert:*innen argumentieren, dass es wichtiger sei, den Kriminellen die illegalen Waffen abzunehmen, statt Bür­ge­r:in­nen mit legalen Waffen auszustatten. Doch dies ist eine Aufgabe, die der kolumbianische Staat seit Jahren nicht unter Kontrolle bekommt. Den rund 700.000 legalen Waffen stehen je nach Schätzung 3 bis 5 Millionen illegale Waffen gegenüber. 2024 konnte man im Viertel San Bernardo in Bogotá für rund 15.000 Pesos (weniger als 4 Euro) pro Stunde Waffen mieten. Für Andrés Nieto, Leiter der Sicherheitsbeobachtungsstelle der Universidad Central, ist die aktuelle Änderung daher „Augenwischerei“ und ändere nichts am eigentlichen Problem.

2025 flog eine kriminelle Bande in Bogotá auf, die sich bei der Staatsfirma Indumil mit Waffen eingedeckt hatte, um diese an Auftragsmörder weiterzuverkaufen. Nach der Ankündigung des Präsidenten vor wenigen Tagen brach die Webseite von Indumil zusammen. Offenbar wollten viele Ko­lum­bia­ne­r:in­nen jetzt eine Waffe kaufen.

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Source: taz