Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Junge Wahlarena des RBB: 16, politisch, schlagfertig

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Lautes Piepen und Blinken füllen den Raum. Der AfD-Politiker, der gerade noch geredet hat, wird still. Eine junge Person aus dem Publikum hat den Buzzer gedrückt und sozusagen den Joker eingelöst. „Kriminalität hängt nicht pauschal mit Herkunft zusammen“, sagt er mit fester Stimme, „vielleicht sollten Sie sich dazu mal in Ihrer Freizeit weiterbilden.“ Das Publikum kichert, murmelt und klatscht begeistert. Der AfD-Abgeordnete Alexander Bertram, der von einem Jugendlichen korrigiert wurde, verzieht das Gesicht.

Der RBB veranstaltet zusammen mit Fritz Radio anlässlich der Berliner Senatswahl am 20. September zum ersten Mal eine junge Wahlarena. Das Set-up gleicht der üblichen Wahlarena, die auch nächste Woche stattfinden wird, nur dass statt der Spit­zen­kan­di­da­t*in­nen die jeweils Jüngsten der Partei eingeladen wurden: Lucas Schaal (CDU, 36), Tamara Lüdke (SPD, 35), Klara Schedlich (Bündnis90/Die Grünen, 26), Niklas Schenker (Die Linke, 33), Alexander Bertram (AfD, 38) und Alina Lindemann (BSW, 32). Sie stehen in diesem Format den Erst­wäh­le­r*in­nen Rede und Antwort.

Bei der kommenden Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus blicken viele gespannt auf junge Wähler*innen, denn 16- und 17-jährige Ber­li­ne­r*in­nen dürfen zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. „Ich finde es wichtig, dass junge Leute wählen dürfen. So können wir die Demokratie stärken und es wird ein größeres Spektrum der Gesellschaft abgebildet“, sagt Chrissi (16) gegenüber der taz.

Zusammen mit seinen Freunden sitzt er um einen Tisch im „Studio 14“ des RBB. Die Live-Schalte mit rund 90 Schü­le­r*in­nen findet im Erdgeschoss statt, während der Rest der Klasse die Wahlarena aus diesem Studio verfolgt. „Immer mehr junge Leute sind politisch interessiert, deswegen ist es wichtig, dass wir auch gehört werden“, stimmt ihm Nikolas (16) zu. „Wir haben Bock, unsere Meinung zu zeigen.“ Während der Sendung blicken alle gespannt auf den Bildschirm. Moderiert wird der Abend von Selly Kahya und Leonie Schwarzer.

In der heutigen Sendung geht es um drei große Themenblöcke: Wohnen, Mobilität und Sicherheit, Bildung und Arbeitsmarkt. Im Vorfeld haben Re­por­te­r*in­nen des RBB Straßeninterviews gemacht, um Erst­wäh­le­r*in­nen zu fragen, was sie bewegt. Zu deren Überraschung sei die erste Reaktion oft gewesen: nichts. Aber je länger sie nachbohrten und mit den Jugendlichen ins Gespräch gingen, desto klarer kristallisierten sich konkrete Anliegen heraus. Und es zeigte sich, wie positiv überrascht junge Menschen waren, dass ihnen zugehört wurde.

Der RBB hat das zum Anlass genommen und die junge Wahlarena nach dem Konzept gestaltet: Erst­wäh­le­r*in­nen zuhören und ihren Fragen möglichst viel Platz geben. In einer Pressekonferenz erklärte der Chefredakteur Georg Heil, dass sie mit dem Format die Berliner Wahl, die Wahlprogramme der Parteien und auch die Arbeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks den jungen Menschen näherbringen wollen.

Insgesamt sind an diesem Abend 15 Berliner Schulklassen vor Ort. „Ich fand das Format super informativ. Dadurch, dass die Po­li­ti­ke­r*in­nen nur 30 Sekunden Zeit zum Antworten hatten, hat mir das einen guten Überblick gegeben und mir geholfen, mich zu entscheiden, welche Partei ich wählen möchte“, resümiert Paula (16). Auch in der Schule, mit ihrer Familie und Freun­d*in­nen spreche sie oft über Politik, das sei ihr wichtig.

Bei einer vom RBB in Auftrag gegebenen Befragung zeigte sich, dass junge Menschen ihre Anliegen von der Politik zu wenig berücksichtigt sehen: 76 Prozent der Befragten zwischen 16 und 34 Jahren gaben an, dass ihre Interessen schlecht vertreten seien, nur 15 Prozent gaben an, dass sich die Politik angemessen um sie kümmere. Umso mehr bereiteten sich die Schü­le­r*in­nen gemeinsam mit ihren Leh­re­r*in­nen auf die Wahlarena vor, um ihre Fragen an die Politik klar zu formulieren.

So fragt beispielsweise Noah aus dem Publikum: „Es gab 2014 einen Volksentscheid, dass das Tempelhofer Feld nicht bebaut werden soll. Warum will die CDU das trotzdem machen und nicht die Stimme der Bevölkerung respektieren?“ Und Ismael aus dem „Studio 14“ lässt die SPD-Politikerin sprachlos zurück: „Sie haben bereits in den letzten Jahren regiert und versprechen schon sehr lange kostenloses Mittagessen an Berliner Schulen. An meiner Schule gibt es das immer noch nicht.“ Darauf wisse Tamara Lüdke jetzt auch keine Antwort, sie nehme das Anliegen mal mit in ihre Partei.

Um die Sendung aufzulockern, gab es zwischendurch das Ja-Nein-Format, bei dem die Po­li­ti­ke­r*in­nen sich zu den jeweiligen Statements klar positionieren sollten. Besonders die CDU und AfD schienen meist einer Meinung, wenn es um das Enteignen von Wohnungsbaugesellschaften (Nein), separate Frauenabteile im Nahverkehr (Nein), KI-gestützte Videoüberwachung im öffentlichen Raum (Ja) und das Genderverbot an Schulen und Universitäten (Ja) ging.

Als sich die Abgeordneten Lucas Schaal (CDU) und Alexander Bertram (AfD) zu letzterem Thema rechtfertigen, wird wieder gebuzzert. Eine junge Person mit blauen Haaren steht auf: „Dafür, dass sich die CDU und die AfD anscheinend für Integration einsetzen möchten, ist ihr Genderverbot klar diskriminierend und ausgrenzend.“ Das Publikum nickt zustimmend und klatscht, während die beiden Politiker verstummen.

Auch Paula kritisiert im Gespräch mit der taz das Auftreten des AfD-Politikers: „Als er gesagt hat, seine Partei will Frauenhäuser unterstützen, musste ich direkt daran denken, wie die AfD gegen Frauen schießt. Fe­mi­nis­t*in­nen hässlich und grässlich nennt. Das ist widersprüchlich.“ Die Schü­le­r*in­nen machen sozusagen ihren eigenen Faktencheck.

Laut der Auswertung des aktuellen BerlinTrends von Infratest dimap würde die linke Spitzenkandidatin Elif Eralp bei jungen Wäh­le­r*in­nen mit 20 Prozent vorn liegen, wenn es in Berlin eine Direktwahl der regierenden Bür­ger­meis­te­r*in­nen gäbe. 60 Prozent gaben allerdings auch an, sie wüssten noch nicht, wen sie wählen würden.

Für einige der Schü­le­r*in­nen hat die Wahlarena dabei geholfen, eine Entscheidung zu treffen. Die Po­li­ti­ke­r*in­nen hat sie ins Schwitzen gebracht. Im Gespräch mit der taz sagt Fabio (17): „Junge Menschen haben jetzt die Chance, ein Zeichen zu setzen.“

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Source: taz