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Im Haus der Künstlerin Hanne Darboven: Wo sie so zusammentrug
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Ein paar Schritte in jede Himmelsrichtung: Eine große Windrose ist auf dem Hof ins Pflaster eingelassen, in ihrem Zentrum eine dieser Zahlenspiele von Hanne Darboven: „2 = 1, 2;“ steht da, „1 + 1 = 1, 2;“ und „e.t.c.“. Hier in Rönneburg, am südlichen Rand von Hamburg, wo die Häuser auch mal Reetdächer haben und am Ende der Straße weite Äcker beginnen, hat sie gelebt und gearbeitet, die 1941 geborene, 2009 verstorbene Konzeptkünstlerin mit dem Kaffeedynastie-Hintergrund.
Dass Leben und Arbeiten bei ihr eine ganz spezifische Beziehung zueinander hatten – und beides nicht vorstellbar wäre ohne diesen Ort, das erkundete am Samstag zum zweiten Mal der Hamburger Kunstverein in Form eines Symposiums: „Hanne Darboven’s House Revisited“.
Es fand statt in der alten Familienvilla gleich nebenan: Darbovens eigenes, das ehemalige Elternhaus lässt Publikumsverkehr nur streng dosiert zu. Nicht mehr als vier Besucher:innen jeweils wurden auch jetzt hindurchgeführt, derart voll ist es von Gesammeltem, Benutztem, auch selbst Hergestelltem: Da stößt man unter dunklem Gebälk und in ganze Wände ausmachenden Vitrinen auch auf die Blätter mit Darbovens berühmten Zahlenreihen oder auf die scheinbar so monotonen Schreibschriftübungen.
Aber vor allem hat hier jemand zusammengetragen: Geschirr und Holzfiguren, Tasteninstrumente und ausgestopfte wilde Tiere, Bilder, Postkarten, immer wieder Puppen. Von den allermeisten Objekten gibt es nicht nur ein Exemplar, so wie sich an überraschenden Stellen kleine Arbeitstische finden, stets mit mindestens einem Aschenbecher darauf; die wurden, bei allem Willen zur Konservierung, geleert.
Einst Exklusives neben echtem Nippes, Hohes zwischen Massengefertigtem, Originalarbeiten ihrer New Yorker Freunde, damals, in den späten 60ern, werden hier gerahmt von verblassendem Werbematerial. Denkbar groß der Kontrast zur Strenge, die so vieles in Darbovens Werk ausstrahlt, nicht zuletzt ihre eigene Inszenierung mit raspelkurzem Haar und immer zu großem Männersakko.
Von einem „Schock“ berichtete dann auf dem Symposium Miriam Schoofs: So habe der damalige Kunstvereins-Chef Uwe M. Schneede das Betreten des Hauses beschrieben, in dieses vermeintliche Chaos. Wie Darboven an all das Angehäufte kam, auch, ob dieses nicht sehr wohl Ordnungen folge, darüber sprach die seit Langem mit der Künstlerin, dem Haus und der Dingwelt darin beschäftigte Kunstwissenschaftlerin.
Ob es wohl bemerkt würde, wenn sie etwas einsteckte? Diese so naheliegende Frage stellte Sharon Kivland in ihrem elegant komischen Talk „Who lives where“. Ihre eigenen Wohnsitze und das Mitnehmen von Dingen dienten der Londoner Künstlerin und Autorin als Ausgangspunkt zur essayistischen Befassung etwa auch mit den Dingen auf Freuds Schreibtisch.
Einem anderen Haus, Darbovens New Yorker Wohnung zwischen 1966 und 1968, widmete der in Harvard lehrende William J. Stewart einen Deep Dive: Keine künstlerische Übergangsphase sei ihre Zeit dort gewesen, vielmehr das Definieren wichtiger Grundformen für alles Folgende, so Stewart. Nebenbei streifte er die Frage, was Immobilienmarkt und Kunstbetrieb miteinander zu tun haben.
Die New Yorker Erfahrungen gingen ein in Darbovens Unter-anderem-Filminstallation „Sechs Bücher über 1968“ (1969), die Matilde Guidelli Guidi einer Analyse unterzog, Kuratorin an der New Yorker Dia Art Foundation. Ebendort hatten Nick Mauss und Ken Okiishi sich 2017 noch näher an eines von Darbovens großen Werken herangetastet, „Kulturgeschichte 1880–1983“; den Vortrag hielten sie nun erneut – unter dem Eindruck, erstmals in Darbovens Wohnhaus-Wunderkammer gewesen zu sein. Zwar nicht den Besuch dieses wundersamen Ortes, aber die Vorträge sind dokumentiert auf dem Youtube-Kanal des Kunstvereins zu Hamburg.
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Source: taz