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„Heimatlos“ im Jüdischen Museum Wien: Den Österreichern, die nicht länger Österreicher sein durften

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Am Anfang ist da eine grafische Darstellung in überdimensionaler Größe, sie hängt in einem kleinen Raum. Zu sehen sind beschriftete Kästen, Linien, die vorwärts weisen, aber auch Nebenwege aufzeigen. Die vielen Kästchen in runder und eckiger Form tragen Abkürzungen. Manche sind blau, andere rosa eingefärbt. Die Riesengrafik veranschaulicht den bürokratischen Prozess der Austreibung von mehr als einhunderttausend Menschen aus ihrer Heimat.

Der lange Strich mit einigen Kurven markiert nicht etwa den Weg der Wiener Jüdinnen und Juden in ihr Exilland. Er beschreibt vielmehr die notwendigen Schritte, die die Verfolgten zu unternehmen hatten, bevor der Antritt einer Reise ins rettende Ausland möglich war – eine endlose Kette bürokratischer Demütigungen, verbunden mit der vollständigen Ausplünderung der Betroffenen von ihrem Besitz. Ganz am Ende finden sich Kästchen mit der Bezeichnung „Polizeiliche Abmeldung“, „Zollabfertigung“ und schließlich „Pass- und Gepäck-Kontrolle“. Nicht alle Menschen sind so weit gekommen. Mehr als 60.000 Wiener Juden wurden ermordet.

Die Leiterin des Jüdischen Museums Wien, Barbara Staudinger, erinnerte zur Eröffnung der Ausstellung „Heimatlos“ an die vielen gut gemeinten Hinweise auf die Erfolge der früher österreichischen Juden im Exil, an all die Höchstleistungen, die dadurch nicht mehr der alten Heimat zugutekamen. In Wahrheit aber sei das Exil alles andere als eine Karrierechance gewesen, sagte sie. Exil, das bedeutete zuallererst Verlust – an Sprache, Orientierung, Heimat. Kuratorin Caitlin Gura erklärte, sie widme die Ausstellung „den Österreichern, denen nicht länger erlaubt wurde, Österreicher zu sein“.

„Heimatlos. Wiener Juden im Exil“. Jüdisches Museum Wien, bis 4. April 2027. Katalog (Czernin Verlag): 32,90 Euro.

Erstellt wurde die eingangs erwähnte riesige Grafik 1941 im Auftrag der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Das war eine Institution des Geheimdienstes SD bei der SS und die Erfindung von Adolf Eichmann. Der war nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 in Wien tätig. Dem ehrgeizigen Eichmann war aufgefallen, dass durch das Sammeln aller Genehmigungen bei vielen verschiedenen Ämtern zu viel Zeit verloren ging, um die Juden alle auswandern zu lassen, wie von den Nazis zunächst gefordert. Mit der „Zentralstelle“ schuf der SS-Mann eine Instanz, die diesen Prozess bündelte und damit beschleunigte.

Zugleich überzog er die Wiener Juden mit einer Terrorwelle. Die Nazis lösten die Kultusgemeinde auf und zwangen die zuvor im KZ inhaftierten Leiter dann zur Unterstützung bei der Emigration ihrer Mitglieder. Juden wurden willkürlich festgenommen und in Konzentrationslager gesperrt, jüdischer Besitz in kürzester Zeit enteignet, Firmen „arisiert“, Menschen ihrer Existenz beraubt.

An den Wänden des Raums mit der Riesengrafik hängen die papierenen Zeugnisse solchen Terrors: eine gerichtliche Kündigung der Wohnung im städtischen Besitz zum 1. August 1938, das „Vertretungsverbot“, das der Rechtsanwältin Julie Riesenfeld jegliche weitere Betätigung in ihrem Beruf untersagte. Oder ein ungelenkes Schreiben, mit dem die „Arisierer“ ihren Kunden die weiteren Dienste anboten: „Wir beehren uns Ihnen höfl. Mitzuteilen, dass wir die Firma Paffenstätter mech. Weberei Julius Lenk übernommen haben und werden uns freuen, Sie weiterhin zu unseren Kunden zählen zu dürfen.“

Eichmann brüstete sich mit seinem Erfolg, seine Karriere beschleunigte sich. Bis Mitte 1939 hatten mit 110.000 schon mehr als die Hälfte aller Wiener Juden ihre Heimat verlassen. Sein Terrorregime war so erfolgreich, dass das System der „Zentralstellen für jüdische Auswanderung“ auf Berlin, Prag und Amsterdam übertragen wurde.

Auf der Rückseite der Riesengrafik der „Zentralstelle“ hängt ein großes Foto im Raum. Es zeigt Gertrud (1906–1987) und Erich Zeisl (1905–1959) sowie zwei Bekannte um einen runden Tisch sitzend, offenbar in ihrem Wohnzimmer. Es ist das letzte Bild, das das Wiener Ehepaar Zeisl vor ihre Abreise in die USA zeigt. Alle vier Menschen blicken skeptisch in die Kamera.

Nun war es nicht so, als wären die verfolgten Juden in der Fremde freundlich empfangen worden, im Gegenteil. Die meisten Staaten sperrten ihre Grenzen für die unerwünschten Flüchtlinge. Wer viel Glück hatte, dem gelang die Emigration nach Amerika. Im politisch neutralen Lissabon, dem Wartesaal Europas, legten viele der Schiffe in diese Richtung ab. Familie Klagsbrunn aus Wien-Floridsdorf hing dort sieben Monate lang fest. Der Sohn Kurt (1918–2005) hat die Zeit in seinen Fotos festgehalten. Wir sehen Winkende am Kai an einem auslaufenden Schiff, die Familie beim Backen, eine leere Straße und schließlich vier Menschen an Bord eines Schiffs in Richtung Brasilien. Sie waren den Nazis entronnen, zwei Jahre bevor das NS-Regime die Auswanderung verbot und entschied, alle Juden zu ermorden.

Im nächsten Ausstellungsraum stehen ältere Möbelstücke zusammengerückt in der Mitte, darauf die Erinnerungen der exilierten Wiener. Die Möbel gehörten einst der Familie Glück, der die Emigration in die USA gelang. Allerdings durften viele Menschen ihr Hab und Gut nicht ins Ausland mitnehmen. Viele begannen ihr neues Leben vollkommen mittellos. Was geblieben war, waren häufig Fotoalben aus der Heimat, ein glückliches Leben widerspiegelnd. „O, Du mein Österreich“ hat Mimi Grossberg (1905–1997) in New York eine der Seiten betitelt, in die sie die Fotos ihrer Vergangenheit einklebte. Doch die meisten Bilder sind verschwunden.

Erinnert wurde der verlorenen Heimat nicht nur mit alten Fotos. Fanny Kallir (1899–1992) fertigte in New York ein buntes Bilderbuch mit Szenen aus Österreich an. Arthur Hellmer (1880–1961) spielte in London deutschsprachiges Theater. Ilona Jellinek (1884–1971) schrieb in Los Angeles ein Kochbuch mit Sachertorten-Rezepten.

Und dann sind da noch die Erinnerungsstücke. Die Nazis stahlen der Witwe Elsa Klarwill (1877–1945) vor ihrer Emigration nach Kenia Schmuck und Bücher, doch anderes durfte sie mitnehmen, darunter eine Lederhose ihres verstorbenen Manns und ihr Dirndl. Ihr Sohn Victor (1902–1985) nahm nach ihrem Tod die Kleidungsstücke mit, zuerst nach Südafrika, dann nach England, schließlich kamen sie, nach Victors Tod, mit dessen Tochter nach Kanada. Jetzt sind Dirndl und Lederhose nach Wien zurückgekehrt, nur auf Zeit versteht sich und als Zeichen für ein Exil, das Elsa Klarwill nicht zur Heimat werden konnte. Sie steht damit für viele, die in der Fremde nicht mehr heimisch wurden, die aber dennoch nie wieder einen Fuß nach Wien gesetzt haben.

Oder nicht mehr setzen konnten. Viele der Exilierten sind fern von Wien zerbrochen. Ein Mann, einer der berühmtesten Wiener, hat in seinem Notizbuch Zeilen hinterlassen, die er 1940 in Großbritannien notiert hat: „Ich bin 1881 in einem grossen und mächtigen Land geboren, das man heute auf keiner Karte mehr findet, in der tausendjahralten Österreich [sic!]. Ich bin erzogen und aufgewachsen in der kaiserlichen Residenzstadt Wien und habe sie verlassen müssen, ehe sie degradiert wurde zu einer deutschen Provinzstadt.“

Der Satz findet sich leicht überarbeitet auf Seite 2 in dem Oktober 1942 im schwedischen Exil erstmals erschienenen Buch „Die Welt von gestern“. Geschrieben hat ihn Stefan Zweig, der sich am 23. Februar 1942 in Brasilien das Leben nahm.

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Source: taz