Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 1h

Gespaltene Gesellschaft: Wir sind besser, als wir denken

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A n einem warmen Montagabend, irgendwo im Nirgendwo vor Crailsheim, hatte ich irgendwann dieses Gefühl: Sie lassen dich nicht im Stich. You’ll never bike alone! Was war passiert? 630 Kilometer hinter Berlin hatte mein Rad den ersten Plattfuß erlitten und auch bei mir war emotional die Luft raus. Natürlich war es das Hinterrad unter all dem Sack und Pack und ich hatte keinen Ersatzschlauch dabei. Ein derber Anfängerfehler. Seufzend und fluchend stand ich in der Landschaft.

Aber dann: Eine Gruppe Mountainbiker stoppt und hilft beim Pumpen. Im ersten Haus des nahen Dorfes bietet mir danach ein Rentner in Unterhose seine Garage, Wasser und Werkzeug an. Als Nächstes stoppt ein Mann mit E-Bike, holt mir einen neuen Schlauch (der nicht passt) und dann seinen Lieferwagen, um mich nach Crailsheim zu chauffieren. Inzwischen hat aber schon ein vorbeisausender Rennradler die Bremse gezogen und mir einfach so seinen Ersatzschlauch überlassen. Ich fühle mich reich beschenkt. Und denke: Die Menschen sind besser, solidarischer und hilfsbereiter, als wir denken.

Zumindest ist das meine Erfahrung nach sechs Wochen und 2.000 Kilometern Radtour durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich. Überall spontane Hilfe: Routentipps, wenn Schilder fehlen, Wasser gegen die Hitze, eine spontane Einladung zum Tee im Wohnzimmer, als draußen ein Wolkenbruch niedergeht. Gratisdusche auf dem Campingplatz, kurz mal aufs vollgepackte Fahrrad aufpassen beim Einkaufen, kostenlose und spontane Hilfe in Werkstätten auch noch kurz vor Feierabend. Alles nur Ankedoten, keine soziologische Tiefenbohrung, aber mein privates Sommermärchen: Hilfe statt Hetze.

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Ist Deutschland vielleicht viel weniger gespalten, als wir es uns einreden lassen? Laut Umfragen sind wir erst einmal gespalten darüber, wie gespalten wir denn jetzt sind. Es gibt offenbar manche heiße Eisen, bei denen die Emotionen hochkochen. Aber dann wieder große Übereinstimmung bei anderen Fragen. Viele klagen, verschiedene Gruppen könnten nicht mehr miteinander reden – andere lieben es, kontrovers zu diskutieren. Am größten ist die Kluft offenbar bei Fragen von Migration, Klimaschutz, Gendersprache. In anderen Bereichen finden die Leute aber oft zusammen.

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Schon klar: Wenn ich als Radfahrer nach dem Weg frage, breche ich nicht sofort eine Debatte über Wärmepumpen oder Abschiebungen vom Zaun, an den ich gerade mein schweres Gepäck gelehnt habe. Aber ein paar Ideen für den Umgang miteinander kann man vielleicht doch mitnehmen aus all den vielen Begegnungen.

Zum Beispiel: Wer Hilfsbereitschaft erwartet, muss klarmachen, dass er Hilfe braucht. Eine Binsenweisheit. Aber es ist schwer zuzugeben, dass man sich verfahren hat, in jedem Sinne. Schwierig, wenn man denkt, man müsse überall seinen Mann stehen oder eine Politikerin sein, die auf alles eine Antwort hat. Wer denkt, „der Starke ist am mächtigsten allein“, der wird sehr einsam.

Wer Hilfe erwartet, muss anderen zutrauen, dass sie helfen wollen und können. Auch logisch, auch nicht einfach. Dafür muss man den Helfenden erst einmal ernst nehmen. Meine Bemerkung, mein Reifen habe „irgendwo im Nirgendwo“ seine Luft verloren, ist also die typische Arroganz des Hauptstädters. Also: Es war kurz hinter Wettringen in der Nähe des Autobahnkreuzes A6/A7.

Die Trennung des Landes ist auch eine Spaltung von Stadt und Land. Es hilft, sich daran zu erinnern, dass sich Menschen zu Hause am besten auskennen, „ask the locals“, ist das Motto. Manche Ortskundige haben gelacht, auf welche Irrwege uns das Navi im Smartphone geschickt hat.

Für Hilfe sollten wir uns selbstverständlich bedanken. Aber nicht so, als sei sie etwas unglaublich Einmaliges. Da hat jemand im Rahmen seiner Möglichkeiten das Richtige und ein bisschen mehr getan, vielen Dank. Ein Lob macht die Helfenden stolz und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass er es wieder tut. Aber wer das überschwänglich tut oder gar Bezahlung anbietet, der gibt das falsche Signal: als sei Helfen die große Ausnahme. Als müsse man auch dafür zahlen.

Wer Hilfe erwartet, sollte sich auch fragen, wie ängstlich er oder sie auf die Welt blickt: Muss ich im Schwimmbad in der Provinz das Rad wirklich abschließen wie nachts in Berlin-Neukölln? Kann man das Handy mal kurz auf dem Lenker lassen, wenn man ein Eis kauft? Sind wir wirklich immer und überall von Ganoven umgeben? Meine Erfahrung sagt mir etwas anderes.

Das alles ist nicht nur wichtig, weil wir uns besser fühlen, wenn wir helfen und uns helfen lassen. Es ist auch eminent politisch. Denn ohne Vertrauen funktioniert in einem arbeitsteiligen demokratischen Staat gar nichts. Wir müssen und können zum Glück in diesem Land grundsätzlich darauf vertrauen, dass Wahlen nicht gefälscht werden, dass Beamte ohne Korruption Ausweise ausstellen, Gerichte fair entscheiden und Verträge eingehalten werden – Ausnahmen bestätigen die Regel. Aber ohne gegenseitiges Vertrauen gibt es weder Freiheit noch Wohlstand. Denn unser demokratisches System fußt genau wie unsere Wirtschftsordnung darauf, dass sich Menschen erst einmal aufeinander verlassen können.

Genau das ist der Grund, warum Populisten wie die AfD und ihre Hintermänner etwa in Moskau und Washington die immer gleiche Lüge erzählen, man könne niemandem mehr trauen – außer ihnen natürlich, die dieses System sprengen wollen. Um dem zu widerstehen, müssen wir Gruppen stärken, die das Miteinander voranbringen und Fairness und Hilfe fördern: Vereine für Sport und Kultur, Nachbarschaftsinitiativen, Kitas, Schulen, Altentreffs, Gewerkschaften, Kirchengemeinden. Da können wir das Vertrauen erneuern, das wir dann brauchen können, wenn es wirklich strittig wird. Nur so finden wir eine Basis für die Lösung wichtiger Probleme – und Zutrauen, dass wir diesen Weg auch gehen oder fahren können. Das kostet Zeit und Kraft. Aber manchmal auch nur zehn Euro für einen verschenkten Fahrradschlauch.

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Source: taz