Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Fußballgottheiten im Stress: Übersinnliche Gemeinheiten

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J e näher der Abpfiff, desto größer die Fan-Bereitschaft, an eine Art übergeordnetes Wesen zu glauben, das spätestens in der allerletzten Minute für einen Geistesblitz beim eigenen Team und damit für den Ausgleich oder den Führungstreffer sorgen wird. Was allerdings meistens doch nicht passiert, was für sich allein betrachtet allerdings auch noch kein Beweis für die Nichtexistenz einer solchen höheren Instanz ist – kann schließlich auch sein, dass sie den Lieblingsverein bloß nicht ausstehen kann.

Oder einfach überfordert ist. Schließlich gibt es weltweit mehr als 300.000 offizielle Fußballvereine, die meist am Wochenende spielen. Rein statistisch müsste eine Fußballgottheit sich also stündlich um rund 12.500 Klubs kümmern. Und selbst wenn mehrere solcher metaphysischen VARs sich den Job teilen würden, könnten sie unmöglich jedes einzelne Stoßgebet bearbeiten, geschweige denn erhören.

Besonders viel gefleht und gehofft wurde an diesem Bundesliga-Samstag beim Spiel Augsburg gegen Leverkusen. Noch vor dem Anpfiff war Augsburgs Trainer Manuel Baum eine symbolische Urkunde für den ersten Tabellenplatz überreicht worden, was ihm mutmaßlich nicht sehr recht war. Schließlich hatte er die Woche über immer wieder versucht, Fans und Reportern gemeines Zeug wie Realismus beizubringen. In der 89. Minute zeigte sich dann, dass die für das Spiel gegen Leverkusen zuständige Deität ein klarer Spielverderber war: Ausgleich, und vorbei war es mit der Tabellenführung.

Vielleicht tat dasselbe Numen auch beim Spiel Freiburg gegen Mönchengladbach Dienst. Oder ein anderes hatte sehr viel Freude daran, sich mit Tim Kleindienst zu beschäftigen. Der Gladbacher Stürmer hatte zuvor ausführlich die rundum mangelnde Einstellung und Konzentration im Team beklagt, kassierte dann aber selbst nach einem unnötigen Trikotzupfer in der 13. Minute die Gelbe Karte und knapp 40 Minuten später einen Platzverweis. Die praktische Demonstration der Folgen von Konzentrations- und Einstellungsschwächen endete mit 0:5.

Immerhin wird niemand so fies sein können, Trainer Eugen Polanski am nächsten Spieltag eine Urkunde für den letzten Tabellenplatz zu überreichen. Die Vereinsführung von Gladbach trennte sich am Sonntag von ihm. Was schade ist, denn Polanski gilt als sehr netter Mensch. Aber falls es tatsächlich eine Art übergeordnetes Fußballwesen gibt, hat das bestimmt schon viele wunderbare Pläne für ihn. Außer es hat leider grad keine Zeit.

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Source: taz