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Folgen des heißen Sommers: „Man sieht nur noch getrockneten Schlamm“
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taz: Herr Treichel, wie steht der Pegel der Oder aktuell?
Dirk Treichel: Am Schöpfwerk Schwedt bei 514 Zentimetern. Das sind 19 Zentimeter über Normalnull und deutlich weniger als der langjährige mittlere Niedrigwasserstand.
geboren 1968 in Oberstdorf/Allgäu, studierte „Forstwirtschaft“ an der Universität Göttingen und „Ökologie“ an der Universität Vechta mit Schwerpunkt Naturschutz. Seit 2005 ister Leiter des Nationalparks „Unteres Odertal“ in Nordbrandenburg.
taz: Sie sagen, eine Aue ohne Wasser, das klingt wie ein schlechter Witz. Wie ist die Situation?
Treichel: Ich arbeite jetzt seit über 30 Jahren im Nationalpark. Einen solchen Zustand wie in diesem Jahr gab es noch nie. Natürlich hatten wir auch mal Niedrigwasser, und das ist ja auch normal an einem Fluss. Aber nach diesem Sommer sind die Gewässer, Wasserwege und Gräben des Nationalparks fast komplett weg: Wenn man da reinguckt, sieht man nur noch getrockneten Schlamm.
Treichel: Wir sind der einzige Auen-Nationalpark in Deutschland: Jahrhunderte lang hatte der Mensch versucht, die Oder und ihre Nebenarme zu kanalisieren und zu begradigen, um so das Wasser schnell aus der Landschaft abzuführen. Dadurch, dass dies in unserem Gebiet nicht vollständig geschehen ist – beziehungsweise teilweise rückgängig gemacht werden konnte -, haben sich hier Tier- und Pflanzenarten angesiedelt, die Spezialisten sind: Diese haben sich im Laufe der Evolution an diesen Wechsel zwischen Trockenfallen und Überflutung durch die Oder angepasst.
taz: Aber dann müssten diese Spezialisten doch zurechtkommen mit Trockenheit?
Treichel: Nicht über so einen langen Zeitraum! Bei den Pflanzen ist zum Beispiel die Brenndolde ein solcher Spezialist: Zu lange Trockenheit überlebt sie nicht. Bei den Fischen ist es der Schlammpeitzger, den solch extreme Dürre wie in diesem Sommer die Lebensgrundlage kostet, bei den Amphibien die Rotbauchunke oder der Laubfrosch. Die Wissenschaft sagt uns ja, dass die heißen und trockenen Sommer zunehmen werden. Andere Arten, die wesentlich Konkurrenzstärker sind, werden diese Spezialisten verdrängen: beispielsweise das Land-Reitgras Calamagrostis, eine invasive Art. Sie kommt mit Dürre viel besser zurecht und nimmt schon jetzt in den höheren Randbereichen unserer Auen massiv zu.
taz: Der Nationalpark ist bedroht, wenn die Spezialisten verschwinden?
Treichel: Wir tun natürlich alles in unserer Macht Stehende, um dagegen anzuarbeiten. Es laufen verschiedene Projekte im Nationalpark, um den Wasserrückhalt zu verbessern, beispielsweise binden wir gerade den Altarm „Welsensee“- ein Auengewässer – wieder an den Bereich der Oder, damit es durchströmt werden kann. Und natürlich verknüpfe ich mit meinem Job die Hoffnung, dass es uns gelingt, hier trotzdem eine Arche Noah auf 10.000 Hektar zu entwickeln und zu erhalten. Aber man muss ganz klar sagen: Gegen den brutalen Einfluss des Klimawandels können auch wir uns nicht komplett abschotten…
taz: … zumal die Oder vertieft werden soll, um mehr Schifffahrt zu ermöglichen. Was bedeutet das für die Auen?
Treichel: Zielsetzung der Flussarbeiten ist, mit Buhnen – also Dämmen im Fluss – den Querschnitt der Oder einzuengen, damit sie schneller fließt. Das hat zur Folge, dass der Fluss mehr Sedimente transportiert und sich selbst tiefer eingräbt. Wenn die Fahrrinne so immer tiefer wird, läuft natürlich noch mehr Wasser aus der Aue raus.
taz: Kann man die Arbeiten nicht stoppen?
Treichel: Naturschutzverbände und das Land Brandenburg hatten gegen die grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung geklagt und vor zwei Jahren vom Oberverwaltungsgericht in Warschau Recht bekommen: Die grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung erfüllte nicht die notwendigen Anforderungen. Jetzt aber wird diese grenzüberschreitende Prüfung nachgebessert: Polen will den Fluss ausbauen, weil das Land an der Ostseemündung der Oder einen großen Containerhafen baut. Und das Bundesverkehrsministerium will den Ausbau auch: Grundlage ist ein deutsch-polnisches Abkommen aus dem Jahr 2015.
t az: Im Moment ruhen die Arbeiten. Fürchten Sie, dass der Klimawandel und der Oderausbau dem einzigen deutschen Auen-Nationalpark den Rest geben wird?
Treichel: Im Grunde ja! Die Ausbauprojekte stammen aus einer Zeit, als der Klimawandel in seiner ganzen Wucht noch nicht sichtbar war. Und natürlich kann eine Auenlandschaft selbst helfen, die Folgen der Erderwärmung abzumildern. Die Zeiten, als ökonomische Überlegungen vor denen der Naturbewahrung standen, müssen der Vergangenheit angehören.
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Source: taz