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Fischsterben in der Ostsee: Nur die Spitze des Eisbergs
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Das von Sauerstoffmangel in der Ostsee ausgelöste Fischsterben, das am Wochenende Passant:innen unter anderem in der Kieler Innenstadt am südlichen Ende der Förde erschreckte: Es war nur die Spitze des Eisbergs. Das sagt Christopher Zimmermann, Leiter des Thünen-Instituts für Ostseefischerei mit Sitz in Rostock.
Zum einen würden nicht alle sterbenden oder bereits verendeten Organismen an Land gespült wie Garnelen, Muscheln, Seeigel und Seesterne. Zum anderen bestehe das Grundproblem – sauerstoffarme oder sogar sauerstofffreie „Todeszonen“ in den tieferen Bereichen der Ostsee – über die gesamten Sommermonate. In dieser Zeit verschärft sich der Sauerstoffmangel aufgrund der jahreszeitlich bedingten Abbauprozesse von Organismen.
Aber erst im Herbst, meistens im September, würde das Problem durch bestimmte Windverhältnisse quasi an die Oberfläche gespült, so Zimmermann: Wenn ablandiger Wind so wie am Wochenende in der Kieler Förde und Lübecker Bucht sauerstoffreicheres Oberflächenwasser aufs offene Meer drückt und sauerstoffarmes Wasser aus der Tiefe herauf strömt.
So gab es vor einem Jahr ein ähnliches Ereignis vor Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern, auch 2020 soll dort das sogenannte „Upwelling“ für ein Fischsterben verantwortlich gewesen sein.
Daten über die Häufigkeit und das Ausmaß dieser Ereignisse in der westlichen Ostsee und speziell in deutschen Gewässern liegen bisher noch nicht vor. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Thünen-Instituts habe sich in seiner Dissertation mit dem Thema beschäftigt. Die Ergebnisse seien noch nicht veröffentlicht, sagt Institutsleiter Zimmermann.
Der Wissenschaftler habe dafür Zeitungsberichte der vergangenen 40 Jahre ausgewertet. „Wir wissen aber nicht, wie vollständig diese sind: Beim ersten Fischsterben regen sich noch alle auf – wenn es häufiger passiert, reagieren Medien unter Umständen nicht mehr.“ Zudem sei der Fischbestand stark zurückgegangen, was eine Aussage über das Ausmaß des Massensterbens erschwere. „Was ohnehin nicht mehr da ist, kann nicht mehr sterben.“
Den gravierenden Sauerstoffmangel in den tieferen Bereichen der westlichen Ostsee gebe es seit etwa sechs bis sieben Jahren. Im östlichen Teil sei das schon länger so, in einigen Teilen vermutlich schon immer.
Das liegt daran, dass in den westlichen Teil der Ostsee sauerstoffreiches Wasser aus der Nordsee eindringt – allerdings auch nur bei entsprechender Windlage. Doch der erste Herbststurm aus nordwestlicher Richtung lässt noch auf sich warten.
Und für einige Bereiche ist es auch schon zu spät: So gilt der dänische Vejle Fjord nordwestlich von Fünen als biologisch tot, weitere Förden und Buchten können folgen.
„Das Problem ist das zyklische Auftreten der Ereignisse“, sagt der Fischereibiologe Zimmermann. Auf diese Weise könnten sich Bestände nicht mehr erholen. Jungtiere sterben, bevor sie sich reproduzieren können.
Aus wissenschaftlicher Sicht sei die Dokumentation des Fischsterbens in Medien sehr interessant gewesen, weil auf Videoaufnahmen große Lachse, Dorsche und Meerforellen zu sehen gewesen seien – von denen einige vermutlich auch überlebt haben.
„Gut wäre, wenn wir solche Ereignisse voraussagen könnten“, sagt Zimmermann, „dann wären wir darauf vorbereitet und könnten rechtzeitig vor Ort sein, den Sauerstoffgehalt messen und Fische bestimmen und zählen“. Denn nach einem oder zwei Tagen, je nachdem, wie schnell der Wind dreht, ist der Spuk in der Regel vorüber, so auch in diesem Fall.
„Es ist frustrierend, dass wir als Wissenschaftler nichts anderes tun können als zuzuschauen“, so Zimmermann. Das Problem sei seit Jahrzehnten bekannt und verschärfe sich mit dem Klimawandel und der Erwärmung der Meere, weil warmes Wasser weniger Sauerstoff aufnimmt als kaltes. Das mache die Erfolge, die es bei der Verringerung der Nährstoffeinträge in Gewässer gegeben habe, größtenteils wieder zunichte. Allerdings gebe es auch hier noch Handlungsbedarf.
Als Reaktion auf das Fischsterben forderte die Umweltschutzorganisation BUND Schleswig-Holstein eine Ausweitung des Meeresmonitorings, das die EU-Mitgliedsstaaten vor knapp 20 Jahren beschlossen hatten.
Die Kumulation und Wechselwirkungen verschiedener Belastungen müssten beachtet werden: Unter anderem Schifffahrt, Offshore-Nutzungen, Fischerei, Militär, Unterwasserschall, Veränderungen des Meeresbodens und klimabedingte Veränderungen könnten sich gegenseitig beeinflussen. Auch die Wirksamkeit der umgesetzten Schutzmaßnahmen müsse überprüft werden.
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Source: taz