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Filmfestival San Sebastián: Sie müssen arbeiten und füreinander sorgen
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„Wie lautet Ihre Adresse?“, fragt Rosie. Der alte Mann nennt eine Zahl. Sie fragt noch einmal, freundlich und geduldig, doch mehr erfährt sie nicht. Rosie ist Sozialarbeiterin und will ihm helfen. Dafür müsste sie zunächst wissen, wo er wohnt. Mike Leigh lässt diese kleine Begegnung am Anfang von „Tender Loving Care“ stehen, mitsamt ihrem leisen Witz und dem Unbehagen darüber, dass gute Absichten hier nicht weiterhelfen.
Beim 74. Filmfestival von San Sebastián erhielt „Tender Loving Care“ die Goldene Muschel. Leigh gewann auch den Drehbuchpreis; Kate O’Flynn teilt sich den Preis für die beste Hauptrolle mit Asta Kamma August aus „Growth of the Soil“. Rosie und Amy, gespielt von Alice Bailey Johnson und O’Flynn, arbeiten beide im sozialen Bereich. Nachdem Amys Beziehung gescheitert ist, zieht sie vorübergehend wieder bei ihrer Freundin ein. Sie trinken Wein, singen miteinander, albern herum.
Amy verschweigt ihren Eltern zunächst die Trennung; die beiden hängen an ihrem bisherigen Bild von der Zukunft ihrer Tochter. Ihr Vater Geoff wirkt manchmal abwesend, und ihre Mutter Birdie überspielt ihre wachsende Sorge um ihn. Rosie gehört für sie längst zur Familie. Leigh erzählt von Verwandtschaft, Freundschaft und beruflicher Fürsorge, ohne diese Beziehungen zu einem einzigen Ideal von Nähe zu verschmelzen.
Die Arbeit der Freundinnen führt aus der Wohnung in andere Lebensverhältnisse. Sie begegnen Jugendlichen und älteren Menschen, die Unterstützung brauchen, deren Misstrauen aber Gründe hat. Eine überforderte Mutter fürchtet etwa, alles, was sie Rosie erzählt, könnte später vor Gericht gegen sie verwendet werden. Ihre Abwehr lässt sich nicht mit mehr Geduld wegreden. Leigh zeigt, wie sehr Hilfe davon abhängt, wer über Akten, Entscheidungen und Folgen verfügt. Zugleich gesteht er den Sozialarbeiterinnen Erschöpfung, Ungeschick und ein Privatleben zu.
Leigh hört seinen Figuren genau zu. Sie kommen vom Thema ab, wiederholen sich oder greifen nach einem schiefen Vergleich. Gerade dabei verraten sie, was sie umtreibt. Birdie und Geoff singen alte Lieder; Amy und Rosie haben ihre eigenen albernen Rituale. Die Vertrautheit dieser Szenen macht die Veränderungen, die sich bereits ankündigen, schwerer zu ertragen. Leigh drängt sie nicht zum großen Gefühlsausbruch.
Der 83-jährige Leigh war aus gesundheitlichen Gründen nicht in San Sebastián. In einer Videoschalte sagte er, „Tender Loving Care“ sei vermutlich sein letzter Film. Das gibt der Geschichte über Altern und Abschied zusätzliches Gewicht. Doch seine Figuren müssen weiterleben, arbeiten und füreinander sorgen. Die Goldene Muschel würdigt damit ohnehin mehr als Leighs lange Karriere. Es war der herausragende Film dieses Festivals.
Eine ganz andere Welt erschließt Hans Petter Molands „Growth of the Soil“, Norwegens Oscar-Beitrag nach Knut Hamsuns 1917 erschienenem Roman „Segen der Erde“. Anfangs sucht Isak in einer Felsspalte Schutz vor Wind und Kälte. Dann kommt Inger zu ihm; gemeinsam roden sie Bäume, bewegen Steine und bauen erst eine Hütte, später einen Hof für ihre Familie.
Oskar Dahlsbakkens preisgekrönte Bilder verfolgen diese Arbeit durch die Jahreszeiten. Das enge 4:3-Format hält die Menschen dicht bei der Landschaft, statt sie zum Panorama zu verklären. Mit dem Hof wachsen die Ansprüche von außen: Besitz muss eingetragen, Steuern müssen bezahlt werden; Inger entdeckt Möglichkeiten jenseits des Lebens, das Isak mit ihr aufgebaut hat.
Während Isak und Inger in den norwegischen Bergen Ende des 19. Jahrhunderts eine Existenz aus dem Nichts aufbauen, kämpft die junge Ejva in Amanda Kernells „Brace Your Heart“ in der schwedischen Gegenwart darum, das Erbe ihres Vaters zu bewahren. In einem abgelegenen Sámi-Dorf übernimmt sie seine Rentierherde. Kernell, selbst Sámi, zeigt das Hüten als körperlich fordernde Arbeit auf dünnem Eis, im Schnee und in einer Gemeinschaft, in der alle einander kennen.
Ihre Kamera bleibt nah bei Ejva, gesprochen wird Nordsamisch; viele der Darsteller*innen stammen aus Familien, die selbst Rentiere hüten. So wird Ejvas Konflikt zur Frage, wie sie Teil dieser Gemeinschaft bleiben und zugleich über ihr eigenes Leben bestimmen kann. Dafür erhielt Kernell den Regiepreis.
Die stärkste formale Zumutung des Wettbewerbs kommt von Ah Biao. Sein Debüt „Border“, mit dem Spezialpreis der Jury bedacht, führt in eine entlegene Bergbaustadt an der chinesisch-mongolischen Grenze. Ein junger Minenarbeiter begegnet einer Frau, über die er fast nichts weiß. Dann schließt die Mine, und die wenigen Sicherheiten seines Alltags brechen weg. Ah Biao filmt leere Straßen, Beton und Schnee in langen, oft wortarmen Einstellungen. Seine Figuren bleiben einander ebenso rätselhaft wie dem Publikum, doch der Film entwickelt einen eigentümlichen Sog: In dieser Stadt ist schon der Versuch, jemandem näherzukommen, mit Abhängigkeit und Gefahr verbunden.
Auch Tony Vahls Regiedebüt „Krux“ führt an einen Ort, dessen Bewohner*innen kaum wissen, was außerhalb geschieht. In einem Dorf im Nordosten Deutschlands werden wenige Tage vor der Kapitulation Leichen aus dem Fluss geborgen, während in der Schule weiter unterrichtet wird. Die junge Greta, gespielt von Jella Haase, heiratet ihren gefallenen Verlobten; neben ihr steht nur sein Soldatenhelm.
Der Bürgermeister schürt die Angst vor der anrückenden Roten Armee und gibt den Befehl weiter, dem Feind keinen lebenden Menschen zu überlassen. Vahls neblige Bilder und bedrohliche Tiermotive sind bisweilen überdeutlich. Beklemmender als diese Vorzeichen ist, wie bereitwillig das Dorf selbst den Befehl zur Selbstvernichtung annimmt.
Den Preis der Sektion New Directors gewann „Body of Glass“, das Abschlussprojekt der dffb-Absolventin Naëmi Ada. Darin flieht eine Tänzerin vor ihrem kontrollierenden Partner und schleicht sich in den Freundeskreis eines verstorbenen jungen Mannes ein, den sie nie kannte. Aus ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit entwickelt Ada einen psychologischen Thriller. Bei der Preisverleihung nutzte sie ihre Rede für eine politische Stellungnahme: Als deutsche Filmemacherin fühle sie sich verpflichtet, die „Mitschuld des deutschen Staates am Völkermord“ in Gaza anzuprangern.
Diese Anklage stand nicht allein. Bei der Vergabe des Publikumspreises an den Dokumentarfilm „Naza“ waren im Saal palästinensische Flaggen und zahlreiche Schilder mit der Aufschrift „We are Naza too“ zu sehen; auch das Moderationsduo hielt sie hoch. Die Geste machte noch einmal die Solidarität eines Teils des Festivalpublikums sichtbar. Über die Fragen, die der Film selbst aufwirft, sagte der nahezu geschlossene Beifall allerdings wenig aus.
Fatih Akins Melodram „Geister“, in dem eine Jugendliebe über den Tod hinausreicht, hatte das Festival eröffnet. Werner Herzog und Naomi Watts wurden mit Donostia-Preisen für ihre Karrieren geehrt. Bei der Schlussgala galt der lange Applaus José Luis Rebordinos, der San Sebastián seit 2011 geleitet hat und nun abtritt. Maialen Beloki, seit zehn Jahren eine der beiden Stellvertreterinnen, übernimmt im Januar als erste Frau die Leitung. Sie verantwortet im kommenden Jahr das 75-jährige Jubiläum eines Festivals, dem besser als vielen anderen gelingt, etablierte Namen und eigenwillige neue Stimmen zusammenzubringen.
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Source: taz