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Essayfilm „Heart of Light“: In die Südsee zurückkehren
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Berlin ist seit Langem der Lebensmittelpunkt von Cynthia Beatt. Aus England brachte die britische Filmemacherin in den 1970er Jahren ihre Passion für die unabhängige Experimentalfilmszene um Derek Jarman mit. In Berlin tauchte sie in die Programmarbeit des Arsenal-Kinos und des Forums der Berlinale ein, arbeitete als Übersetzerin und in der Video- und Performanceszene. Ihre Filmideen waren vom Westberliner Kosmos um Heinz Emigholz, Elfi Mikesch und anderen inspiriert, die sich nicht um Genrezwänge scheren und früh damit begannen, dokumentarisches und inszeniertes Material mit einer alles andere als illustrierenden Sound- und Sprachebene zu Filmessays zu verschmelzen.
Der kreative Umgang mit dem Grundgefühl der Entfremdung beschäftigte Cynthia Beatt in mehreren Filmen. Als Ausländerin, sagte sie einmal, könne sie sich in Deutschland auch dann nicht verstanden fühlen, wenn sie deutsch spreche. „Böse zu sein ist auch ein Beweis von Gefühl“ (1983), „Cycling the Frame“ (1988) und „The Invisible Frame“ (2009) – alle drei längst Berlin-Filmklassiker– suchen aufgeschlossen und zugleich distanziert eine eigene Sprache für die Wahrnehmung, zwischen widersprüchlichen Kulturen und vielen, die Gegenwart infizierenden Spuren der Geschichte zu leben.
1983 rechnete Cynthia Beatt mit dem merkwürdigen Verhalten der Westberliner ab, indem sie mit Heinz Emigholz den zerstörten, im Dornröschenschlaf dämmernden Gropius-Prachtbau durchwanderte und ihn mit der monotonen Nachkriegsarchitektur nahe dem vermauerten Grenzgebiet am Potsdamer Platz kontrastierte, Rückschlüsse auf die Westberliner Mentalität inklusive.
„Heart of Light – eleven songs for Fiji“. Regie: Cynthia Beatt. Deutschland/Frankreich 2026, 166 Min.
Ähnlich beweglich folgte die Kamera in den berühmten Kurzfilmen „Cycling the Frame“ und „The Invisible Frame“ Cynthia Beatts Freundin Tilda Swinton auf eine Fahrradtour entlang der 160 km langen Grenze in und um Westberlin, im älteren Film in stillgestellte, absurd idyllische Randlandschaften, knapp zwanzig Jahre später auf beiden Seiten der einstigen Demarkationslinie in Zonen, die von Abbruch, Umbruch und investitionsgetriebener Bautätigkeit geprägt waren.
Aber es gab noch einen anderen Impuls. Neben „The Party – Nature morte“ (1991) und „Ein Haus in Berlin“ (2014), zwei in Berlin angesiedelten Spielfilmen, die von Trennung und Neubeginn erzählten, hielt Cynthia Beatt jahrzehntelang an ihrer Sehnsucht fest, mit einem Filmprojekt in die Südsee zurückzukehren. Anders als im ersten Versuch, dem in Ko-Regie mit Rudolf Thome auf der Pazifikinsel Ureparapara gedrehten Spielfilm „Beschreibung einer Insel“ (1979/1981), sollte nicht die Diskussion um das Scheitern einer Gruppe junger Ethnologen und ihrem Streit um postkoloniale Strategien in den Mittelpunkt rücken, sondern der Blick einer Reisenden, die sich neu auf eine vertraute, aber fremd gewordene Kultur einlässt.
Cynthia Beatts Opus magnum „Heart of Light – The Silence“ (2026) ist ein Filmessay in elf „Songs“, getragen von einem persönlichen Voiceover-Kommentar und einer Komposition unterschiedlicher, meist originaler Musiken. Der Film führt in ihre Kindheit auf den pazifischen Fidschi-Inseln zurück und entdeckt zugleich Momente der fremden, erst jetzt für sie erkennbaren komplexen Gegenwart zwischen Tradition und Moderne. 1949 in Jamaika geboren, lebte Cynthia Beatt mit ihrer Familie in Fidschi, wo der Vater für die britische Kolonialverwaltung arbeitete, bis sie in den 1960er Jahren in Schottland die Schule abschloss.
Seither knüpfte sie bei längeren Aufenthalten auf dem Archipel ein Netzwerk unter Einheimischen und Freunden, die als beiläufige quasi fiktionale Figuren ein üppiges Bündel sinnlicher Erfahrungen und Wissen beitragen. So zum Beispiel, wenn Simon Fisher Turner, der Soundtrack-Komponist von „Cycling the Frame“, in einer inszenierten Szene nächtliche Geräusche sammelt und dabei mit einheimischen Musikern ins Gespräch kommt oder wenn in einem anderen „Song“ eine Gruppe Einheimischer das Hinterland durchwandert und sich gegenseitig die Geschichte historischer Kriege gegen Sklavenhändler und kolonialistische Unterdrücker erzählt.
„Heart of Light“ lebt von einer Fülle kleiner Beobachtungen, Erzählungen, Begegnungen und Gesten. Jenny Lou Ziegels Bilder bewegen sich in den Straßenszenen der Hauptstadt Suva, unter Schulkindern in Uniform, auf üppigen Gemüsemärkten, im nächtlichen Hafen und auf Fahrten mit dem Bus in respektvollem Abstand. Museumsbesuche zeigen den Stolz auf die uralte nautische Tradition lange vor dem kolonialistischen Zugriff. Impressionen von der Arbeit einer Zuckerfabrik und der Gewinnung der Wurzeln für das Landesgetränk Kava stehen ohne Erklärung für sich.
Struktur verleiht den Reiseetappen die ruhige, einem Bewusstseinsstrom gleichende Kommentarstimme von Tilda Swinton. Spät erst konnte sie zum Dreh hinzukommen, erzählt ihre Präsenz als sichtbares Alter Ego der Regisseurin im letzten Drittel des Films, worauf es ankommt. Zurückhaltend hält sich die Schauspielerin an die dörflichen Begrüßungsrituale, die für ein friedliches Miteinander stehen, begleitet still das Handwerk der Mattenflechterinnen und Tischler, scheint in der anderen Zeitlichkeit zu einem flüchtigen Moment der Ruhe zu kommen.
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Source: taz