Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 2h

Einfluss von KI auf Landwirtschaft: „Immer weniger Menschen können immer mehr Tiere betreuen“

Deutsch (original) · Read in English ⇄

taz: Frau Weisskopf, Kühe haben in der deutschen Agrarindustrie oft kein gutes Leben. Was braucht es, damit es besser wird?

Carmen Weisskopf: Das ist bisher niemandem so richtig klar. Das Thema Tierwohl ist komplex und auch in der Wissenschaft stark umstritten. Derzeit werden in der Agrarindustrie KI- und Automatisierungssysteme umgesetzt, die mit dem CCI arbeiten – dem „Cow Comfort Index“ der industriellen Landwirtschaft. Uns interessiert, was da, oft ungeprüft, in Maschinen eingeschrieben wird. Niemand weiß genau, was das eigentlich zur Folge hat.

50, ist Künstlerin aus Berlin. Sie bildet mit Domagoj Smoljo die „!Mediengruppe Bitnik“. Das Künstlerduo beschäftigt sich mit Datenrealitäten, Überwachung und Vernetzung.

taz: Bedeutet wahrer Kuh-Komfort nicht eigentlich: Leben wie ein Auerochse, frei in Mooren und Flusstälern? Und alles andere ist nur eine Gradierung von Leid?

Weisskopf: Das ist wahrscheinlich korrekt. Aber der Index betrachtet ausschließlich Nutztiere, kommt aus der Milchindustrie. Dort bedeutet er, dass die Kuh möglichst viel Milch produziert, verbunden mit möglichst wenig Leid. Sie soll in bestimmten Rhythmen fressen, sich bewegen, sich hinlegen, und die menschliche Komponente, der Umgang des Landwirts mit dem Tier, wird durch Automatisierung immer mehr wegoperationalisiert. Immer weniger Menschen können immer mehr Tiere betreuen. Da muss man sich fragen: Ist das für das Tier besser oder schlechter?

Weisskopf: Wir können keine Lösungen bieten, aber wir können Fragen stellen, kritisch beleuchten. Fest steht: KI schafft Distanz. Der Landwirt sitzt am iPad, sieht eine Daten-Vergleichsansicht zwischen den Tieren und ihren Verhaltensabläufen, greift gegebenenfalls ein. Ich als Künstlerin denke: Das muss befragt werden. Aus der Sicht einer grundsätzlichen gesellschaftlichen Debatte: Welche Technologien wollen wir einsetzen, wo und wie, und welche Zwangssysteme führen wir dadurch ein?

Weisskopf: Ja, und das finde ich ein bisschen beängstigend.

taz: Das Langzeitprojekt „School of Cow Comfort“ an der Kunsthalle Osnabrück versteht sich als „artistic field research“. Wie läuft das ab?

Weisskopf: Wir führen über 18 Monate hinweg Gespräche mit Landwirten der Region Osnabrück, WissenschaftlerInnen aus KI und Agrar-Robotik. Das sind viele Player, mit vielen Agenden. Die Kunst kann einen Begegnungsraum für eine Diskussion schaffen, die diese Player miteinander so nicht führen würden.

Weisskopf: Viele sind sehr offen, haben uns sehr großzügig mit Informationen und Zeit beschenkt.

Weisskopf: Mastkinder, aber keine Kühe. Das ist leider noch eine Leerstelle.

taz: Es wäre ja sinnvoll, auch mit Tierrechtsoganisationen zu sprechen, Naturschützern.

Projektvorstellung der „School of Cow Comfort“ mit der „!Mediengruppe Bitnik“, dem Künstler Simon Weckert und dem Wissenschaftler Tim Römer von der Universität Osnabrück: Donnerstag, 24.9., 19 bis 21 Uhr, Kunsthalle Osnabrück

taz: Dann ist es Ironie, dass auf ihrer Website Tiere zu sehen sind, die entspannt auf einer idyllischen Weide liegen? Denn gerade Hochleistungs-Tiere bekommen ein solches Setting nie zu sehen und werden immer stärker ausoptimiert.

Weisskopf: Und diese Technologie wird nicht lokal entwickelt, sie kommt aus Silicon Valley. Diese Datenanalysen-Algorithmen werden irgendwo produziert und dann auch bei uns angewandt. Da fragen wir uns schon: Wer hat die Kompetenz, auf einer Metaebene zu überlegen, wohin wir uns da gerade bewegen? Technologiegläubigkeit ist weit verbreitet. Das sehen wir sehr kritisch.

taz: Weil dadurch die Kontrolle über das Tier steigt?

Weisskopf: Nehmen wir das Cow Collar: Das ist ein GPS-Geofencing-Halsband, das der Landwirt dem Tier umlegt, um sich den Weidenzaun zu sparen. Er schließt es virtuell ein, und wenn es an die Weidengrenze kommt, gibt es erst einen Signalton, dann einen Stromschlag. Das lässt mich ein bisschen sprachlos zurück. Das will ich nicht für Kühe, das will ich nicht für Menschen – das will ich überhaupt nicht.

Read the full story at the source

Source: taz