Germany · taz · 1h
Ein Job im Zoo: Tristesse mit süßem Gecko
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M ein Arbeitskollege ist ein kleiner Gecko. Wenn ich meine drei Stunden beim Baumwipfelpfad im Gondwanaland absitze, beobachte ich, wie er um die kleinen Äste und Stämme herumklettert. Er hat knallgrüne Schuppen und ein paar rote Punkte auf dem Rücken. Ich nenne ihn Georg. „Moin Georg“, sage ich zu meinem Schichtbeginn, bevor ich mit einem Seil einen Teil des Weges für die Besucher*innen absperre.
Dann stehe ich drei Stunden im Leipziger Zoo, beobachte die Mimose und die Madagaskarweber und schaue hinab zum Urwaldfluss, wo die Boote treiben.
„Bitte nicht wippen! Machen Sie Ihr Handy etwas heller, sonst kann ich das Ticket nicht scannen. Die Aras bitte nicht anfassen. Genau, den Gutschein müssen Sie an der Kasse noch umtauschen. Sie haben ein Kind zu wenig auf der Familienkarte – die Bollerwagen sind leider heute aus!“
Mein Minijob im Zoo verursacht meine bisher größte kognitive Dissonanz: Tierausbeutung steht gegen meinen Veganismus, ich trage Arbeitskleidung, die ich an mir hässlich finde (sie ist beige!), nach ein paar Stunden spüre ich meine Hüfte. Aua. Wenn ich unten Boote anschieben muss, sehe ich, dass einige Arbeitskolleg*innen Verletzungen an ihren Händen haben, weil manche seit 10 Jahren nichts anderes tun, als Boote anzuschieben und anzuhalten. Das stört sie nicht – mich macht das wütend. Wenn ich ihnen so zuhöre, wünsche ich mir mehr Widerstand gegen den langweiligen Job. Dann erinnere ich mich daran, dass sie ja andere Lebensgeschichten mitbringen und wahrscheinlich schon viel schlimmere Jobs gemacht haben.
Ich allerdings kriege eine Höllenangst, wenn ich mir vorstelle, so sähe der Rest meines Lebens aus. Bei dem stumpfen Ticketscannen und den ermüdenden Stunden am Boot beobachte ich die Familien um mich herum. Der Zoo ist der perfekte Ort für Feldforschung und soziopsychologische Fragen zu Bindungsdynamiken. Auch wenn ich mit den meisten Menschen maximal 30 Sekunden zu tun habe, kann ich sehr gut erahnen, welche Themen in 10 Jahren bei den Kindern in Therapie auftauchen werden.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Gestresste Eltern schreien ihre Kinder fürs Trödeln, Träumen oder Krümeln an. „Franz, kommst du bitte! Ja, lauf halt weg, drei Stunden ohne dich sind die besten drei Stunden meines Lebens.“ Oder sie holen ihre Kinder selbst bei einer Durchsage für ein paar Stunden nicht ab, um ihnen eine Lektion zu erteilen. Was auch immer für eine.
Mich nerven die Kinder auch oft, aber mit denen kann ich wenigstens noch ein richtiges Gespräch führen, statt nur die auswendig gelernten Phrasen herunterzuleiern. Zum Beispiel fragt mich ein Kind, warum ich einen bestimmten Teil im Gondwanaland absperre, weil es keinen Sinn ergibt, weil man von der anderen Seite genau dorthin kommt. Das Kind hat recht und ich habe keine Antwort. Touché, hätte ich antworten können.
Georg und ich stehen am Baum, direkt an einer Hängebrücke. Ich schätze viel an diesem Ausbruch aus meiner Komfortzone, aber sicher nicht die Arbeit an sich. An manchen Tagen freue ich mich auf meine Schicht und den Kontakt mit Menschen. An anderen habe ich Angst vor den langen Stunden, in denen ich mich nicht ganz bei mir selbst und entfremdet fühle. Das ist auch ein kleines Paradoxon, da ich im Zoo viel über mich selbst nachdenke.
Und man muss auch zugeben, die Kommunikation im Team und mit Vorgesetzten ist ziemlich super. Also rufe ich mir in Erinnerung, wofür ich das Ganze ja mache. Ab September starte ich eine Ausbildung und dafür mag ich Geld sparen. Also, tschüs, kleiner Gecko Georg, bis zur nächsten Schicht.
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Source: taz