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Germany · taz · · 2h

Duell zwischen Nord- und Südkorea: Handshake nur nach Protokoll

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Ri Chang-rim ruft immer wieder Richtung Spielfeld. Die Nervosität ist ihm anzusehen. Kein Wunder: Im Ecopa Stadium in Fukuroi geht es um den Sieg – und um seine Tochter: „Sie hatte ja damals die Wahl, für Südkorea oder Nordkorea zu spielen“, erklärt der 58-Jährige hörbar stolz. Die Entscheidung sei leicht gewesen. „Song-a ging auf eine nordkoreafreundliche Schule in Osaka, wie ich auch. Wir fühlen uns zu Nordkorea hingezogen.“ So jubelt Ri Chang-rim, der in Japan zur Welt kam, eben für Nordkorea.

Bei den Asian Games, die seit vergangenem Wochenende im japanischen Nagoya laufen, trifft die asiatische Sportelite – gut 15.000 Sportlerinnen und Sportler aus 43 Sportarten und 45 Ländern – aufeinander. Besonders delikat die Begegnung am Montagnachmittag: Im Fußball der Frauen treffen im Gruppenspiel Nordkorea und Südkorea aufeinander.

Und im Kader Nordkoreas steht die Tochter des auf der Tribüne jubelnden Ri Chang-rim: Die 27-jährige Ri Song-a, die hier einen Fanklub mitgebracht hat – nicht etwa aus Nordkorea, sondern aus Japan. Denn Ri hat nie in Nordkorea gelebt, kam in Japan zur Welt und wuchs dort auf. Sie ist eine von 400.000 koreastämmigen Personen aus Japan, deren Vorfahren vor rund 100 Jahren nach Japan kamen, als Korea japanische Kolonie war.

Seit 1950 – als kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und damit dem Ende von Japans Kolonialära der dreijährige Koreakrieg ausbrach – verharren Nord- und Südkorea im Kriegszustand. Und heute halten die in Japan verbliebenen Koreastämmigen nicht selten zu Nordkorea, wie Spielerinnenvater Ri Chang-rim erklärt: „Ich war schon zweimal in Nordkorea. Die Menschen dort sind warmherzig und offen“, ruft er gegen den Stadionlärm an.

Nach den Menschenrechten, mit denen es im nordkoreanischen Einparteienstaat nicht so weit her ist, werde er bei diesem Thema auch immer mal gefragt. Ri entgegnet: „Aber ich sage ja auch nicht, dass ich alles im Land befürworte. Und übrigens sind die USA, Japan oder Südkorea doch bei vielem Politischen auch nicht unschuldig!“ Nordkoreas Regierung schickt Kritiker ins Arbeitslager, lässt keine Meinungs-, Versammlungs- oder Bewegungsfreiheit zu.

Wie es dann dazu kommt, dass die zumindest sportliche Unterstützung für Nordkorea in der koreastämmigen Gemeinschaft Japans groß ist? Experten betonen, dass die „zainichi“, wie koreastämmige Personen in Japan genannt werden, im Land viel Diskriminierung erfahren. Zudem hat sich der nordkoreanische Staat für diese Gruppe oft mehr interessiert als der südkoreanische. So gibt es bis heute ein Netz von Schulen in Japan, die aus Nordkorea unterstützt werden.

Auch anderswo bei den Asian Games müssen Nord- und Südkorea miteinander umgehen. Ebenfalls Anfang der Woche kam es etwa zu einem weiteren Showdown, als im Viertelfinale des Karatewettbewerbs (unter 61 Kilogramm, Kumite) die Südkoreanerin An Jeong-eun auf die Nordkoreanerin Jong Se-ri traf. „Die südkoreanische Karateka An gewinnt das erste inter-koreanische Duell der Asian Games 2026“, berichtete die südkoreanische Zeitung Joongang Ilbo mit lesbarer Genugtuung. Weitere Duelle folgen.

Im Fußball gibt es am Montag keine Siegerinnen. Nachdem Nordkorea besser ins Spiel gefunden hat, mit 1:0 in die Halbzeit gegangen ist, gleicht Südkorea nach Wiederanpfiff aus. Am Ende steht es 1:1. Beide Teams erreichen die K.-o.-Runde. Ein Handshake zwischen den Trainern – aus Fairplaygründen üblich – bleibt aus. In der Pressekonferenz nach dem Spiel sagt Nordkoreas Trainer Pak Song-jin: „Wir haben Fußball gespielt, nicht mehr und nicht weniger. Etwas Weiteres sage ich dazu nicht.“

Auf Nachfrage erklärt Paks Übersetzer und Pressesprecher: „Bei den Asian Games folgt alles einem strengen Protokoll!“ Handshakes zwischen den Spielerinnen habe es gegeben, das sei verpflichtend. Was solle insofern die Frage? Als nachgehakt wird, wie es denn mit einem Handshake zwischen den beiden Trainern ausgesehen habe, blickt der Übersetzer gereizt: „Nein.“

Der Trainer Südkoreas Shin Sang-woo bedauert das: In seiner Pressekonferenz nach dem Spiel – die getrennt von der des nordkoreanischen Trainers stattfindet – sagt er: „Wissen Sie, in Nordkorea macht man das mit dem Händeschütteln wohl nicht.“ Shin hätte sich über ein Händeschütteln gefreut. „Aber wir haben hier ja nur Fußball gespielt, insofern ist es schade.“ Zwischen Nord- und Südkorea ist eben auch eine Begegnung im Sport immer noch eine Begegnung im Kriegszustand.

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Source: taz