Germany · taz · · 2h
Bündnis „Zusammen bewegen“ in MV: Aufwind für die Demokratie
Deutsch (original) · Read in English ⇄
Abwechselnd wandert Hans-Jörg Spies’ Blick von seinem Smartphone auf die Baumwipfel und wieder zurück. Während immer mehr Menschen auf der Brachfläche in Parchim eintreffen, prüft er das Wetter für den bevorstehenden Start seines Heißluftballons. „Zusammen Bewegen“ steht in riesigen, lilafarbenen Lettern auf weißem Grund auf der rund 20 Meter hohen Ballonhülle.
Es ist der Tag eins nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. In ganz Mecklenburg-Vorpommern ruft das Bündnis „Zusammen bewegen“ als Reaktion auf den Wahlerfolg der AfD zu Protesten auf. „Ich bewundere die Leute, die das machen“, sagt Hans-Jörg Spies. „Aber ich selber bin dafür nicht der Typ.“ Das letzte Mal, erzählt der geborene Brandenburger, sei er 1989 auf die Straße gegangen.
Trotzdem sympathisiert er mit dem Bündnis, zu dem sich Initiativen, NGOs, Kirchen, Gewerkschaften und Sozialverbände Anfang dieses Jahres zusammengeschlossen haben. Ansonsten würde er wohl kaum deren Namen quer durch die Lüfte des Bundeslandes fahren. Und das, obwohl er selbst gar nicht in Mecklenburg-Vorpommern lebt, sondern im benachbarten Schleswig-Holstein. Spies findet, die Menschen müssten wieder mehr miteinander reden. „Diese Polarisierung ist scheiße, wenn sich Leute nur noch anbrüllen, sich aber gegenseitig nicht mehr zuhören.“
Auch „Zusammen bewegen“ setzt auf Zuhören. Mit verschiedenen Aktionen schafft das Bündnis Räume für Begegnung und Austausch. Beim Format „Klönschnack“ schenken Mitglieder an öffentlichen Orten Kaffee aus und laden zum Gespräch ein. Ähnlich funktioniert der hellblaue Softeisbus „Gabi“, der den Sommer über als mobiler Treffpunkt durchs Land fährt.
Über einen Verein aus Greifswald, der Teil des Bündnisses ist, erreichte Spies die Anfrage, ob „Zusammen bewegen“ in den Wochen vor der Landtagswahl mit einem Heißluftballon werben könne. Als Rentner mit viel Zeit und „über 700 Ballonfahrten“-Erfahrung musste er nicht lange überlegen. Trotz teils widrigen Wetters stieg Spies bisher achtmal für das Bündnis mit dem Ballon „Aufschwung“ auf.
Er war in Greifswald, in Kaarz bei Sternberg, fuhr über das 3.000-Grad-Festival in der Feldberger Seenlandschaft und stellte seinen Ballon für ein Fotoshooting vor das Mecklenburger Schloss. „Am Ende geht es um die Bilder und weniger darum, dass die Leute den schwebenden Ballon auch wirklich in Aktion sehen“, sagt Spies. Er zieht am Hebel des Brenners, Propangas entflammt mit einem lauten Fauchen und lässt den Ballon sanft in die Höhe steigen.
Schon bald lassen wir die Kreisstadt Parchim hinter uns, statt Wahlplakaten und Plattenbauten bestimmen nun Wald, Wiese und Windräder die Landschaft. „Diejenigen, die am lautesten meckern, sind die, die am wenigsten selber machen“, sagt Hans-Jörg Spies, während er einen geeigneten Platz zum Landen sucht.
Das Bündnis „Zusammen bewegen“ kann er damit nicht meinen. Das hat nämlich noch richtig viel vor. Zwei Tage vor der Landtagswahl, am 20. September, findet auf dem Schweriner Markt ein großer Aktionstag statt: mit Kundgebung, Demo, einem Fest der Demokratie und dem längsten Klönschnack-Tisch des Landes. Für die Zeit nach der Wahl hat das Bündnis bereits verkündet, auch weiterhin mit seinen vielfältigen Angeboten im Alltag präsent zu bleiben.
Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern stellen wir Engagierte aus der Zivilgesellschaft vor. Alle Texte finden Sie hier.
Read the full story at the source →
Source: taz