Faultline Faultline Kommando 161

Germany · taz · · 3h

Bilanz der deutschen Basketball-WM: Losgelöst von der Basis

Deutsch (original) · Read in English ⇄

Es war eine Stimmung bei dieser Weltmeisterschaft, die zum Träumen einlud. Selbst am Samstag nach der klaren Halbfinalniederlage gegen Frankreich (64:86) riss es die gut 12.000 Zuschauer Sekunden vor Schluss von den Sitzen. Mit Standing Ovations verabschiedeten sie das deutsche Team in der ausverkauften Arena am Berliner Ostbahnhof. Und auch am Sonntag, als die deutschen Basketballerinnen gegen Spanien die Bronzemedaille recht deutlich mit 58:81 verpassten, war es nicht anders. Tribünengast Friedrich Merz, der derzeit recht gebeutelte Bundeskanzler, bekundete, diese Stimmung würde er sich für das ganze Land wünschen.

Die Welle der Euphorie hatte sich allerdings durch außergewöhnliche Erfolge aufgebaut. Das DBB-Team war als Gastgeber erst zum zweiten Mal überhaupt bei einer WM dabei und bestätigte die rasante positive Entwicklung der letzten Jahre mit dem erstmaligen Einzug ins Halbfinale. Die Entwicklungsschritte innerhalb des Turniers und die Begeisterungswelle sollten bis zur Medaille tragen, und so standen die Tränen und der Frust der deutschen Basketballerinnen nach der Partie im Kontrast zum historisch einmaligen Ergebnis und dem positiv gestimmten Publikum.

All das zusammenzubringen, war auch für die Protagonistinnen hernach nicht einfach. Aber die Erlebnisse der vergangenen zehn Tage halfen über die erste große Enttäuschung hinweg. Über 230.000 Menschen hatten dieses Turnier in Berlin besucht und dem deutschen Frauenbasketball eine völlig neue Dimension an Begeisterung beschert. Dazu befragt, geriet auch Marie Gülich ein wenig ins Träumen: „Es hat so gutgetan, diese Menschen in der Halle zu haben. Ich hoffe, dass diese Energie einfach nach außen weiterträgt. Junge Mädchen vor allem motiviert werden, im Basketball anzukommen und hoffentlich auch im Leistungssport.“

Wie das allerdings gelingen kann angesichts einer einheimischen 1. Liga, die kaum Aufmerksamkeit und Zuschauer generiert, angesichts von Breitensportvereinen, die einem Ansturm von Interessenten momentan nicht gewachsen wären, ist die große Preisfrage.

Von den Traumkulissen bei dieser WM und den gefeierten deutschen Erfolgen wollte sich Bundestrainer Olaf Lange am Sonntag selbst wenige Minuten nach der Schlusssirene nicht blenden lassen. Als er auf mögliche positive Effekte auf die Bundesliga angesprochen wurde, stellte der in der nordamerikanischen WNBA tätige Assistenzcoach fest: „Ich war zuletzt von 1995 bis 2002/2003 in der Liga. Damals hatten wir in den Top-Vereinen bessere Strukturen als heute. Wir haben jetzt 2026. Das sagt schon alles.“ Die medizinische Betreuung für die Spielerinnen sei katastrophal und die BBL weit hintendran. „Deshalb muss ich dafür Sorge tragen, dass unsere Topspielerinnen ins Ausland gehen. Und solange sich in der Liga nichts tut, ist es auch sehr schwierig, den Erfolg, den wir gerade haben, zu erhalten.“

Mit wenigen Sätzen hatte Olaf Lange alle aus ihren Träumen gerissen, möglicherweise war das auch genau seine Absicht. Er müsse das Nationalteam und den Nachwuchs, der zur Verfügung stünde, weiterentwickeln. Die Erfolge der letzten Jahre, das war seine klare Botschaft, sind nicht die Früchte langfristiger, breit angelegter Arbeit im deutschen Frauenbasketball.

Sie sind losgelöst von der Basis dank einer zufälligen Häufung von hochveranlagten Spielerinnen wie Leonie Fiebich, Nyara und Satou Sabally oder der noch jungen Frieda Bühner, die alle Verträge in der WNBA haben, zustande gekommen.

Für den deutschen WM-Kader wurden nur drei Bundesligaspielerinnen nominiert. Alexandra Wilke, die für den Dorfverein Rutronik Stars Keltern spielt, tat sich am Sonntag ebenfalls schwer, die möglichen Effekte dieser erfolgreichen WM auf den deutschen Basketball einzuordnen. Einerseits formulierte sie ihre Hoffnung, dass das Team Vorbilder für mehr Nachwuchs geschaffen haben könnte und vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit für die Liga, andererseits erklärte sie mit Blick auf deren Veränderungsbedarf: „Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll.“ Sie erwähnte die seit Jahren fehlende Finanzkraft und die dadurch bedingt zu kleine Liga (zehn Vereine) sowie die mangelhafte Attraktivität eines Wettbewerbs, der keine Absteiger kennt.

Der desillusionierte Bundestrainer Olaf Lange stellt sich fern der Basis auf weitere Raumschiffarbeit mit dem Nationalteam ein. Allerdings sieht er noch weitere Wachstumspotenziale, um die deutschen Basketballfrauen noch näher an die Weltspitze heranzubringen. Den Frust über die deutlichen Niederlagen gegen Frankreich und Spanien will er dafür in positive Energie umwandeln. Es sei wichtig, erklärte er, den Schmerz, den die Spielerinnen fühlen würden, „so ein bisschen zu kultivieren“. Er könne so eine Art Treibstoff sein, um besser zu werden.

Read the full story at the source

Source: taz