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Germany · taz · · 3h

Aus für „ZDF Magazin Royale“: Die royale Lücke

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Ein 21-Jähriger, der Schildkröten und Züge liebt, und sein Vater, der täglich mehrere Biere trinkt und bei Banalitäten weint: Das sind keine realen Personen, sondern Schauspieler:innen, eingeschleust in RTLs Reality-Format „Schwiegertochter gesucht“. So deckte das „Neo Magazin Royale“ auf, wie die Show ihre Prot­ago­nis­t:in­nen ausbeutet und bloßstellt. Dafür braucht es investigativen Journalismus. Jan Böhmermann hat das getan. Besonders ab 2020, als das „Neo Magazin Royale“ zum „ZDF Magazin Royale“ wurde und das neue Team mehr Fokus auf Recherche legte. Doch nun ist Schluss mit der Sendung von der Produktionsfirma Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld UE GmbH: Am 18. Dezember wird nach rund sechs Jahren auf dem Hauptsender die 187. und letzte Folge ausgestrahlt.

Einige Medien vermuten dahinter sich häufende Programmbeschwerden. Andere legen nahe, dass Investigativjournalismus und Satire nicht mehr gut zusammen funktionieren würden. Dabei war es eigentlich sehr klar, berichten Insider gegenüber der taz: Böhmermann, nicht das ZDF, wolle die Sendung beenden. Böhmermann hat bis Redaktionsschluss nicht auf die Anfrage der taz reagiert. Das ZDF lässt lediglich verlauten, dass es sich aktuell in „guten Gesprächen mit Jan Böhmermann zu einem möglichen neuen Show-Konzept“ befinde. Böhmermann selbst erklärt in einer Pressemitteilung: „Ich möchte noch mal eine andere Sendung machen!“

Doch mit welchem Personal? Von den aktuell rund 80 Mit­ar­bei­te­r:in­nen verlieren laut dem Betriebsrat der Produktionsfirma fast alle zum Ende des Jahres ihren Job. 2027 sollen maximal 3 Menschen beschäftigt bleiben. Einige Mit­ar­bei­te­r:in­nen – von der Re­dak­teu­r:in bis hin zur Per­so­nal­ma­na­ge­r:in – hoffen wohl nicht mehr auf eine weitere Beschäftigung durch die Produktionsfirma. Auf Linkedin zeigen sie sich „offen für Jobangebote“.

Alexander Hesse, Geschäftsführer der Produktionsfirma UE GmbH, weist darauf hin, dass der überwiegende Teil der betroffenen Arbeitsverhältnisse „branchenüblich auf Produktionsdauer befristet“ sei und mit „Ablauf der jeweils vereinbarten Vertragslaufzeit“ ende. Alle Mitarbeitenden hätten die „Laufzeit des ZDF-Produktionsvertrags von einem Jahr“ gekannt. Und: „Nach aktuellem Stand werden maximal 4 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen.“

„Die Belegschaft und der Betriebsrat sind am Freitag, 18.09.26, um 15.00 Uhr mündlich durch Jan Böhmermann und den Geschäftsführer über die Entscheidung informiert worden, dass der Betrieb der Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld UE GmbH ab 2027 fast vollständig eingestellt wird“, teilt der Betriebsrat der taz mit. Eine Stunde später berichtete die Onlinezeitschrift DWDL. Hesse sagt: „Die Belegschaft wurde zeitnah informiert, nachdem Jan Böhmermann der ZDF-Geschäftsleitung mitgeteilt hatte, etwas Neues beginnen zu wollen und die daraus resultierenden Auswirkungen auf den Betrieb hinreichend absehbar waren.“

Des Weiteren sind laut Hesse die Mitarbeitenden gemeinsam über die „aktuelle Situation und die weiteren, derzeit leider noch unklaren Perspektiven“ informiert worden. „Der Betriebsrat wurde vorab in Kenntnis gesetzt.“ Über das mögliche Szenario, dass die befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert werden könnten, sei die Belegschaft bereits im Juli und nochmals in der Betriebsversammlung am 18.9.2026 unterrichtet worden.

Eine Show, die auf einem einzelnen Mann aufbaut, wird beendet und Dutzende Menschen verlieren ihre Jobs. Gleichzeitig ist genau diese personelle Zuspitzung von Anfang an das Konzept der Sendung gewesen und hat sie von Formaten wie „extra3“ unterschieden.

Ganz überraschend kam das Aus der Sendung nicht. Denn sie hatte diesmal nur einen Einjahresvertrag erhalten und nicht wie vorher Mehrjahresverträge. Auch die Zahl der Folgen pro Jahr wurde von 33 auf 22 reduziert. Könnte das auch mit wiederholten Programmbeschwerden zu tun haben? So beschwerte sich etwa 2025 die deutsche Bundespolizeigewerkschaft DPolG gemeinsam mit dem Gewerkschafter Manuel Ostermann über eine Sendung, in der es um die Aufnahme afghanischer Geflüchteter und mögliche Sicherheitsprobleme bei der Bundespolizei in Pakistan ging. Diese und viele weitere Programmbeschwerden blieben erfolglos. Nicht jedoch eine Beschwerde der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs zu einer Sendung über angebliche rituelle Gewalt. Sie führte dazu, dass die entsprechende Sendung aus der Mediathek entfernt wurde.

„Dass sich das ZDF so lange hinter die Sendung gestellt hatte, hat mich schon länger gewundert“, sagt Katharina Kleinen-von Königslöw. Sie ist Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Universität Hamburg. „Kein Satireformat im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat es so lange ausgehalten und so massiven Attacken widerstanden.“ Man müsse bedenken, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Bezug auf Satire „sehr lange sehr feige“ war. Viele Jahre lang hätte es kaum politische Satire gegeben, und die wenigen Versuche seien in der Regel relativ schnell eingestellt worden, weil die Sendungen immer wieder Empörung ausgelöst haben.

Doch Böhmermann schaute jahrelang ein Millionenpublikum dabei zu, wie er und sein Team Briefkastenfirmen aufdeckten oder schlechte Arbeitsbedingungen in Werkstätten für behinderte Menschen thematisierten – und das, während die Journalismusbranche eigentlich kriselte. Denn das „ZDF Magazin Royale“ verbindet die Recherche wirkungsvoll mit Satire.

Gerade weil klassische Medien unter anderem durch soziale Medien an Reichweite verloren hätten, seien Formate wie jenes von Böhmermann besonders relevant, sagt Kleinen-von Königslöw. Sie verschafften investigativen Recherchen die nötige öffentliche Aufmerksamkeit. „Nur so geraten politische oder wirtschaftliche Akteure tatsächlich unter Druck, ihr Verhalten zu ändern“, sagt Kleinen-von Königslöw. „Ohne politische Satire sehe ich nicht, wie der investigative Journalismus in nächster Zeit wieder die entsprechende Bedeutung bekommen soll.“ Als Gesellschaft täte es uns gut, mit Humor auf Politik, Wirtschaft und Macht zu schauen. ��Denn Satire verhilft auch zur Verständigung, was gesellschaftliche Normen sind.“

Umso größer ist die Hoffnung, dass ein neues Programm, oder noch besser mehrere Programme, die royale Lücke wieder schließen werden. Nicht nur für die vielen Mitarbeitenden, sondern auch für die demokratischen Öffentlichkeit.

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Source: taz