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Album „Keine Angst“ von Danger Dan: Noch mehr Weimarer Republik
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Dass ein Chanson mit antifaschistischer Botschaft eine mehrtägige Mediendebatte in Deutschland auslösen kann, klingt ein bisschen nach Weimarer Republik. Aber genau so war’s: Vor wenigen Wochen hätte der Song „Keine Angst“ von Danger Dan eigentlich während einer Folge der Fernsehshow „Die Anstalt“ Bühnenpremiere feiern sollen. Nach einem mutmaßlich autoritären Eingriff des ZDF-Intendanten kam es dann zum Streisand-Effekt: Der Versuch, das Lied aus dem Programm zu entfernen, machte es im Nachgang nur bekannter.
„Zirka elf Meinungsartikel“, die sich „mitunter widersprochen“ hätten, habe er zu dem Lied allein in der taz gefunden, sagte der Künstler kürzlich im Interview. Ganz unerklärlich ist das nicht: Das Stück, in dem unter anderem einige Tipps für handfesten Widerstand gegen Rechtsradikale vorkommen, berührt nicht nur für Linke empfindliche Fragen der Selbstverteidigung.
Schon wieder hatte Danger Dan also einen Nerv getroffen: Auch sein Soloalbumdebüt von 2021, „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ – das erste Werk abseits seines Rap-Trios Antilopen Gang – thematisierte Faschismus und Antifaschismus, es wurde zum Chartshit und war auch vom Feuilleton gefeiert.
Danger Dan: „Keine Angst“. (Ölsardinenindustrie/Warner Music)
Tourstart am 23. Oktober 2026 in Wiesbaden/Schlachthof
Letzte Woche ist nun Danger Dans zweites Album, „Keine Angst“, erschienen – und wirkt auf den ersten Blick so, als würde es den Erfolg exakt fortsetzen: „Die meisten meiner Freunde“ ist ein bittersüßer Auftakt mit Stakkato-Akkorden und einem Songtext, der das Spannungsfeld zwischen Privatem und Politischem aufmacht. Dass der Künstler den Jakobsweg gelaufen ist und sich dabei nicht selbst gefunden hat, erfährt man hier; genauso wie, dass es bei „Nicht weiß, was die Liebe wirklich ist“, um Vaterlandsliebe geht. So weit, so 2021.
Das darauffolgende Lied „Wenn man Nazis so behandelte wie Frauen“ entwirft auf Textebene die tragisch-komische Vorstellung einer Welt, in der Rechtsextreme so belächelt, geringschätzt und belästigt würden, wie es für viele Frauen leidlicher Alltag ist. Derart verfolgen viele der Songs auf dem Album eine Idee um ihrer selbst willen, locken beim Hören manchmal in poetische Fallen, die dann humoristisch aufgelöst werden – und stehen damit in guter deutscher Liedermachertradition („In der Roten Rose“, „Der Versicherungsvertreter lebe hoch“).
Immer wieder wird die leicht schunkelige Stimmung aber unterbrochen: „Dass es hier so schön ist“ beschreibt eine fortschreitende Augenerkrankung des Künstlers und seinen Umgang mit der Prognose, eines Tages erblinden zu können. Ein andere Introspektive avancierte sogar zur Schlagzeile: „Rapper Danger Dan spricht über sein Coming-out“, meldete dpa und meinte damit den Song „Warum es nicht geklappt hat“. Davon kann nur schockiert sein, wer dem Mann zuvor weder zugehört noch -geschaut hat. Schon in „Tesafilm“ (2021) singt Danger Dan davon, Jungs zu küssen – und im Videoclip von „Verliebt“ (2015) der Antilopen Gang knutscht er mit Monchi.
Das war schon vor knapp zehn Jahren höchstens für arg konservative Gemüter ein Schock. In „Warum es nicht geklappt hat“ geschieht aber viel mehr: Danger Dan beschreibt ein Verhältnis zu einem Mann, das er erst rückblickend überhaupt als romantisch begreift – und reflektiert in der Erkenntnis zugleich sein Männerbild und die latente Homophobie des früheren Ichs: „Wo ich herkomme war ‚Homo‘ ’ne Beleidigung […] Bei den Rappern war das damals unser Szenecode, dabei war ich eigentlich nie besonders hetero.“
Solche autobiografisch-politischen Stücke gelingen Danger Dan ohne Moralismus und Bierernst, musikalisch bleibt „Keine Angst“ allerdings über weite Teile mehr ein vertontes Poesie- als Pop-Album. Witzige, liebenswürdige und politisch kampfeslustige Momente schafft der Künstler vor allem textlich. Sein musikalischer Dilettantismus, den er selbst gern betont, ist dem nicht abträglich: Dass die Arrangements aus Klavier und Streichern oft einfach bleiben und sein Stimmumfang Grenzen hat, entfaltet gerade bei den thematisch schweren Songs erleichternde Simplizität.
Der zeithistorische Rahmen von „Keine Angst“ lädt derweil nicht zum Aufatmen, daran erinnert der siebenminütige Titelsong kurz vor dem Ende noch einmal eindringlich – und schafft damit den wohl größten Kontrast zum Vorgänger. Spätestens hier dämmert die Erkenntnis: Von gestern ist weder „Keine Angst“ noch die Aufregung, die es erzeugt. Von gestern ist nur eine Welt, in der solche Musik provozieren kann.
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Source: taz