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Abschluss des Filmfestivals Viennale: Ruhig noch mehr Sperrigkeit wagen
Das Filmfestival Viennale stand dieses Jahr im Zeichen von Umbrüchen. Aus dem Programm ragten die Retrospektiven zu Außenseitern des Kinos heraus. mehr...
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Seit seinem überraschenden Herztod mitten in den Vorbereitungen für die Viennale 2017 wurde das Andenken von Hans Hurch von den Betreibern eines Wiener Kaffeehauses mit einem Foto im großen Fenster geehrt. Der langjährige Leiter des Filmfestivals hatte im Café Engländer direkt gegenüber der eigenen Wohnung zur Postgasse sein Stammlokal, von dem er auch den täglichen Kaffee nach Hause bezog. Während der Filmtage selbst war „der Engländer“ dann inoffizielles Festivalzentrum, wo neben dem Impresario und seinem Team auch viele andere Gäste die Tage zwischen- und ausklingen ließen.
Dieses Jahr zu Viennale-Beginn war der kleine Gedenkort entfernt, und ein neuer Aushang wies auf die Anfang Oktober erfolgte Schließung des Lokals hin. Hintergrund war der ebenfalls plötzliche Tod von Wirt Christian Wukonigg und die folgende Übernahme durch den Wiener Groß-Gastronom Mario Plachutta, gegen dessen Allüren die Belegschaft dann geschlossen den weiteren Dienst verweigert hatte. In langen Kommentarspalten zu den Berichten über diese Entwicklungen – etwa im Standard – lässt sich die große Sorge vieler WienerInnen vor einem neuen Gastro-Touristen-Hotspot nachlesen.
Von Interesse ist dies alles jenseits des Klatschfaktors wegen der Koinzidenz zu anderen Umbrüchen der Donaustadt, deren Zentrum gerade von Investoren mit brutaler Vehemenz für den Bedarf des globalen Elite-Tourismus umgebaut wird. So verdrängen überall neue Luxusappartements und Edelkitschläden traditionelle Einrichtungen.
Eine Entwicklung, die auch die Viennale mit ihrem Abschlussfilm „Wiener Blues: The Loneliest Man in Town“ (Regie: Tizza Covi und Rainer Frimmel, deutscher Kinostart 19. November) explizit anspricht: einer semidokumentarischen Elegie um den Sänger und Gitarristen Al Cook aka Alois Koch, der nach einem erfüllten Musikerleben mit allen Mitteln der Immobilienmafia aus seiner schon von Abrissrammen belagerten Altbauwohnung im 3. Bezirk vertrieben wird – und dagegen in einem letzten Akt persönlicher Autonomie die Reise in die Heimat des Blues in Deep South antritt.
Dass die Durchkapitalisierung des Lebens kein Wiener und auch kein neues Problem sind, zeigten auch viele der beim Wiedersehen erstaunlich subversiven – und auch vorausschauenden – Filme des selbst immer wieder mit Außenseiterfiguren sympathisierenden Hollywoodaußenseiters Robert Aldrich, der in der gemeinsam mit dem Filmmuseum verantworteten Retrospektive geehrt wurde.
„Der prophetisch vorweggenommene Zustand der USA im 1970er-Kino sieht so aus, wie das Land heute real ist“, schreibt Dominik Graf in seinem Vorwort zu Christophs Huber parallel zur Retro erschienener und erfreulich lebendig geschriebener zweisprachiger Aldrich-Monografie („Hollywood Rebel/Rebell in Hollywood“, Mandelbaum-Verlag).
Ein schönes von Kurator Huber angemerktes Detail war dabei, dass exakt am österreichischen Nationalfeiertag ein Film lief, der dem in Mexiko als „Kaiser Maximilian I.“ tragisch gescheiterten und 1867 hingerichteten österreichischen Erzherzog eine bedeutende (negative) Nebenrolle zuwies: Als Auftraggeber eines kolonialen Goldtransports, dessen Kutsche zwei schusssichere US-Söldner (Gary Cooper und Burt Lancaster) gegen antimonarchistische Rebellen und eine intrigante Society-Dame verteidigen sollen. Der damalige Kassenerfolg „Vera Cruz“ ist heute ein großes nicht nur nostalgisches Sehvergnügen, in dem Aldrich schon 1954 viel von der Atmosphäre und den Inszenierungsdetails vorlegte, die später zu Markenzeichen der Italowestern wurden.
„Ein rein kommerzieller Film. Keine Botschaften, nur eine Komödie“, behauptet Aldrich über seinen letzten Film „All the Marbles“ (1981) in krassem Understatement. Denn das im kommerziellen Frauen-Ringsport angesiedelte Roadmovie um zwei für Sieg, Aufstieg und Würde kämpfende Jung-Wrestlerinnen und ihren ruppigen Manager (Peter Falk), führt das Publikum neben wüsten Kampfszenen durch die Motels grau verqualmter Industrielandschaften des kriselnden Rust Belts.
Und es konfrontiert mit einem grandios gecasteten Set zwielichtiger Geschäftspartner und Kontrahenten, die mit nackter Frauenhaut und Gewalt ihr eigenes Geschäft machen wollen. Eine echte Wiederentdeckung, auch wenn (oder sogar weil?) der Film in manchen Videotheken verfügbar ist – unter einem deutschen Verleihtitel („Kesse Bienen auf der Matte“), der wohl vor allem auf das klassische Zielpublikum der Mud-Wrestling-Shows selbst zielt.
Auch im Festival selbst sind Umbrüche sichtbar, obwohl größere direkte Kürzungen bisher noch nicht wirken. Doch acht Jahre nach dem Amtsantritt von Festivalleiterin Eva Sangiorgi lässt sich eine anhaltende Glättung des Programms nicht übersehen. Etwa, dass dieses Jahr die publikumsträchtigen (und den WienerInnen gegönnten) Nachspiele von Festivalerfolgen andernorts oder Voraufführungen kommender Filmstarts (die sogenannten „Features“) erstmals in großem Maßstab auch die knappen Programmslots des kleinen feinen Metrokinos besetzten, dessen Säle früher gänzlich den historischen Sonderprogrammen vorbehaltenen waren.
Die Gütesiegel von Originalität und Widerständigkeit, die der Viennale lange Jahre auch international großes Renommee verschafft hatten, beinhalten notwendigerweise auch eine gewisse Sperrigkeit in der Programmierung: dass eben auch „kleinere“ filmhistorische Leckerbissen (wie diesmal etwa die Filme des armenisch-sowjetischen Regisseurs Artavasd Pelechian, des jugoslawischen Experimentalfilmers Vasko Pregelj oder von Jocelyne Saab) einmal den Auftritt im großen Rahmen bekommen.
Ein Glanzlicht dieser Spezialprogramme war sicherlich die unter dem schönen Titel „Die Solomonischen Korrespondenzen“ von Mark McElhatten kuratierte und von Solomon-Kollegin Eve Heller kundig präsentierte umfassende Werkschau des 2019 mit 65 Jahren verstorbenen mit Stan Brakhage befreundeten New Yorker Filmemachers Phil Solomon, der auf originelle Art das Experiment mit der materiellen Grundlage des Films (oft als found footage) mit einer fast spirituellen suchenden Methodik amalgamiert, die er selbst „umgekehrte Archäologie“ nannte.