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24.000 Bars in Italien geschlossen: Die kleine Flucht, die Auszeit – bald vorbei?
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D er Zug hält am Brenner. Und das kann jetzt dauern. Machen wir’s? Na klar! Raus aus dem Zug und rein in die erste Bar auf italienischem Boden. Ein Cappuccino in den klassischen braunen Tassen, dazu ein Cornetto con crema und die Frage nach einem Glas Leitungswasser, die immer freundlich bejaht wird. Oder, tageszeitbedingt, doch lieber einen Espresso; oder einen Toast aus dem Kontaktgrill und einen Aperitif dazu. Und dann der Spurt zurück zum Zug.
So war es früher, in den alten Zeiten, als ein deutscher Cappuccino aus abgestandenem Filterkaffee mit Sprühsahne bestand. In der italienischen Bar gab es Dinge, die wir haben wollten – und die wurden mit einer Lässigkeit und Schnelligkeit serviert, die sich sofort auf einen übertrug. Der Urlaub begann am Tresen, dort stehend wurden wir zu Italienern auf Zeit.
Und die Italiener selbst? Haben nach neuen Zahlen keinen Bock mehr auf ihre Bars. Beziehungsweise kein Geld übrig für die kleine Flucht, die Auszeit, für die das Auto gern mal in zweier Reihe geparkt wird – ich bin eh gleich zurück!
Nun ist von „wirtschaftlicher Wüstenbildung“ die Rede. Und das bedeutet, das es im chronisch wachstumsschwachen und inflationshohen Italien nun eben ans Eingemachte geht, an die Bar.
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24.000 von ihnen sind in letzten sechs Jahren verschwunden, umgerechnet 11 pro Tag. Gut sieben Milliarden sind so aus der Bilanz genommen, an Konsum, Beschäftigung und Steuereinnahmen. Nur der Süden und die Inseln halten noch stand. Doch selbst in der Megatouristenstadt Rom fehlen fast dreitausend der kleinen Lokale, die von frühmorgens bis in den frühen Abend die Bevölkerung mit sozialen Kontakten beim Espresso, in Italien schlicht caffè genannt, versorgen.
Aber viele, heißt es in der Berichterstattung zum Thema, gingen eben gar nicht mehr raus, schuld sei smart working. Technisch sind Maschinen mit „stabilen Brühdruck“, wie die Fachpresse formuliert, kleiner geworden und stehen in vielen Haushalten. Oder man greift gleich auf die gute alte Moka-Maschine auf dem Herd zurück.
Sparen tut man auf jeden Fall. Wer jeden Tag drei Espresso in der Bar trinkt, einen morgendlichen Milchkaffee mit Brioche und ein frühabendliches Glas Wein oder Bier dazurechnet, kommt auch in den noch günstigen Regionen schnell auf 10 Euro Tageskonsum, immerhin dreihundert Euro im Monat. Und das in einem Land, in dem zwischen 1990 und 2024 die Bruttolöhne um 1,6 Prozent sanken, während sie in den OECD-Ländern um 35 Prozent stiegen.
Dieses arme Italien hat sich kürzlich in einer interessanten Debatte abgebildet. Der Schriftsteller und Lehrer Christian Raimo hatte nach einer Wanderung durch ein Gebirgstal in der Lombardei die oben erwähnte „Wüstenbildung“ festgestellt – wirtschaftlich, kulturell und sozial.
Seine Beobachtung, dass in der Dorfbar – soweit es eben überhaupt noch eine gibt – schon morgens nur „immer sechs oder sieben ältere Männer waren, die zu dieser Uhrzeit bereits tranken und versuchten, sich an die Barkeeperin heranzumachen, oder ihr widerliche Witze an den Kopf warfen“, führte zu einem bemerkenswerten Shitstorm.
Die Bar wird wie das Wirtshaus eben verteidigt, auch wenn man selbst schon längst nicht mehr hingeht. Und die Menschen, die es doch noch tun, können so schlecht nicht sein, weil sie ja eine Art Nationalheiligtum am Laufen halten.
Die Tristesse, die viele ausgeblutete ländliche Räumen Europas inzwischen bestimmt, darf auf keinen Fall so beschrieben werden, dass die Menschen darin eben genau so sind, wie man sie gemacht hat: trist.
Die italienische Bar war immer eine generationen- und klassenübergreifende Institution. Wenn es aber keinen Nachwuchs mehr gibt, sich die Wohlhabenden aus den Peripherien zurückziehen und die Zugezogenen nicht willkommen sind – dann stirbt die Bar und damit ein Teil Europas.
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Source: taz