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100 Jahre Jazzlegende: Die Kraft der kosmischen Musik

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Gerne würde ich ein Heiliger sein“, sagte John Coltrane in einem Interview auf die Frage, wie er sich seine Zukunft vorstelle. Zu einem Zeitpunkt, als der US-Jazzsaxofonist noch gar nicht wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Zwölf Monate nach dem Gespräch starb der Künstler am 17. Juli 1967 nach einer kurzen, aber heftigen Krebserkrankung im Alter von gerade einmal 40 Jahren.

Coltranes Wunsch sollte sich allerdings erfüllen. Bereits kurz nach seinem Tod wurde er in unzähligen Liedern gewürdigt. Die Huldigungen reichen von Popjazzer Tom Scott über den Sänger und Protorapper Gil Scott-Heron bis hin zu New-Age-Pionier John Klemmer. Dazu kommen ganze Alben im Geiste Coltranes, vor allem von seiner Witwe Alice und seinem Mitstreiter Pharoah Sanders, die das Genre des Spiritual Jazz begründeten.

Doch der Einfluss des Saxofonisten blieb nicht auf den Jazz beschränkt. Die Liste der Musiker*innen, die Trane angebetet haben, ist lang: Jerry Garcia, Carlos Santana, Patti Smith, Joni Mitchell, Neil Young, Bono, Devonté Hynes im Rock und Pop sowie Terry Riley, La Monte Young und Philip Glass unter den Komponist*innen, um nur einige zu nennen.

Dass Coltrane tatsächlich als musikalischer Säulenheiliger angesehen wird, ist sicherlich auch seinem frühen, tragischen Tod geschuldet. Das eigentliche Wunder, das für jede Heiligsprechung notwendig ist, vollbrachte er mit seinem Album „A Love Supreme“. Aufgenommen in wenigen Stunden am 9. Dezember 1964, improvisierte Coltrane in den vier Teilen der Suite nicht einfach Melodien und Soli, begleitet von seinem Quartett, sondern er predigte buchstäblich mit seinem Tenorsaxofon.

Der Text dazu findet sich im Inneren des Covers: „All for God / Thank you God / Amen“ – ein Stück geistlicher Musik voller Intensität und Emotionen. Coltrane springt von Register zu Register, überbläst sein Instrument, lässt es schreien, flüstern, flehen und krächzen, sodass es dem Ausdruck einer menschlichen Stimme gleicht. Das Werk war Avantgarde, fand in der Flower-Power-Ära aber zugleich ein breites Publikum jenseits von Jazz. Es überrascht nicht, dass Saint John in San Francisco sogar eine eigene Kirchengemeinde gewidmet ist.

Coltranes Aufstieg zu einem der bedeutendsten Mu­si­ke­r*in­nen des 20. Jahrhunderts war alles andere als vorherbestimmt: Geboren am 23. September 1926 in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat North-Carolina, wuchs John William Coltrane in einer religiösen und musikalischen Familie auf. Bereits in der Schule lernte er Altsaxofon. Erst später wechselte er zu seinem Signature-Instrument Tenor. Als er mit 13 seinen Vater verlor, flüchtete John sich in die Musik und übte stundenlang. Disziplin und selbstkritische Suche nach Perfektion begleiteten ihn zeitlebens. Von 1949 bis 1951 spielte er in der Bigband des Bebop-Heroen Dizzy Gillespie. Der musikalische Erfolg ging einher mit einer Heroinabhängigkeit. Danach strandete er als Begleitmusiker in Philadelphia.

Seine Karriere hätte hier zu Ende sein können, wenn nicht Miles Davis 1955 gekommen wäre. Der Trompeter benötigte dringend einen Saxofonisten für seine Combo. Sein Schlagzeuger Philly Joe Jones schlug ihm den befreundeten Coltrane vor. Coltranes extrovertierter Stil am Saxofon bildete einen idealen Gegenpart zu den reduzierten, genau gesetzten Trompetentönen von Davis. Wegen seiner Drogensucht setzte Miles den Saxofonisten allerdings bald wieder vor die Tür, nur, um ihm nach einem Intermezzo bei Klavierlegende Thelonious Monk wieder zurückzuholen.

John Coltrane erkannte, dass er sein Leben ändern musste. Er setzte sich 1957 auf Entzug und achtete fortan auf seine Gesundheit, wurde Vegetarier und meditierte. Zwar begann er, Aufnahmen unter eigenem Namen auf den Labels Prestige, Blue Note und schließlich Atlantic zu veröffentlichten, er arbeitete aber weiterhin für Miles Davis, so auch auf dessen bahnbrechendem Werk „Kind of Blue“ (1959).

Den Durchbruch als Bandleader erzielte Coltrane 1961 mit „My Favorite Things“. Im Titelstück des Albums führte er zum einen das Sopransaxofon in den Jazz ein. Zum anderen wurde er mit seinem Solo zu einem Vorreiter von Weltmusik, basiert doch seine Spielweise auf Skalen aus Indien. Zuvor hatte Coltrane schon karibische, brasilianische und afrikanische Elemente in seinen Stücken verarbeitet. „My Favorite Things“ markierte auch die Arbeit mit dem Pianisten McCoy Tyner und Elvin Jones am Schlagzeug. Mit dem Bassisten Jimmy Garrison bildeten sie ein Quartett, durch dessen Zusammenspiel Coltrane endgültig zur prägenden Figur im Jazz aufstieg.

Stilbildende Aufnahmen des Quartetts sind eng mit dem Jazzlabel Impulse verbunden, auf dem Coltrane seine kreative und kommerzielle Höchstphase erlebte. Coltranes zunehmende Öffnung und rastlose Befreiung der Musik in den frühen 1960ern sorgte für Kontroversen und Ablehnung: Ist das noch Jazz? Um diesem Vorwurf zu kontern, schickte ihn seine Plattenfirma 1963 kurzerhand mit Swing-Altmeister Duke Ellington ins Studio.

Coltranes Konzerte waren laut, ekstatisch und voller Energie. Seine langen, eruptiven Soli wurden vor der gesellschaftspolitischen Situation der USA zwischen Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung als Ausbrüche Schwarzer Wut interpretiert. Der Saxofonist selbst interessierte sich zwar für Politik und war von Martin Luther King und Malcolm X beeindruckt. Er verstand seine Musik jedoch eher als verbindend und erbauend.

Dieser Ansatz zu einer universalistischen, kosmischen Musik, in der unterschiedliche musikalische Traditionen und religiöse Vorstellungen miteinander vereint werden, teilte John Coltrane mit seiner zweiten Ehefrau, der Pianistin Alice McLeod, mit der er drei Söhne hatte. Nach „A Love Supreme“ erweiterte Coltrane sein Quartett um jungen Mu­si­ke­r*in­nen wie Archie Shepp, Pharoah Sanders und Rashied Ali für die Alben „Meditations“ und „Ascension“ (beide 1966). Kurz vor seinem Tod war Coltrane damit endgültig in der freien Gruppenimprovisation angekommen.

Wie bei allen Musiker*innen, deren Schaffen unvollendet geblieben ist, fragt man sich auch bei Coltrane, was da noch gekommen wäre. Hätte er wie Miles Davis den Jazz elektrifiziert und sich Moden angepasst? Dagegen spricht, dass Coltrane zwar Werbung für ein elektronisches Saxofon machte, er das Instrument für seine Aufnahmen und Konzert allerdings nie nutzte.

Eine andere Richtung zeigte Alice Coltrane auf. 1972 veröffentlichte sie das Album „Infinity“, für das sie Aufnahmen ihres Mannes mit einem Streichorchester arrangiert hatte. Ihr Argument für diesen Schritt, der von der Kritik harsch abgelehnt wurde: Coltrane habe sich intensiv mit dem Werk des Komponisten Igor Strawinsky (1882–1972) auseinandergesetzt und Möglichkeiten gesucht, seine Klangpalette auszudehnen. Erst allmählich findet dieses Album gebührende Anerkennung.

1963 erklärte John Coltrane: „Warum Musik diese Kraft hat, ist immer noch nicht genau bekannt. Sie zu kontrollieren, sollte das Ziel aller Künst­le­r*in­nen sein. Das glaube ich jedenfalls.“ Der Weg, den John Coltrane gewiesen hat, ist noch lange nicht an seinem Endpunkt angelangt.

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Source: taz