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Germany · Perspektive Online · 1970-01-01

Wenn altes Wissen zur Neuware wird: Wie KI-Firmen Bücher zerstören und Wissen horten

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Anthropic und Amazon kaufen Millionen von Büchern auf um damit ihre KI-Modelle Claude und Nova zu trainieren.

In diesem Prozess werden die oft seltenen Auflagen zerschnitten und anschließend geschreddert.

Die Monopolisierung von frei zugänglichem Wissen ist somit bereits in vollem Gange. – Ein Kommentar von Mikhailo Böhnisch.

Im Januar diesen Jahres wurden Gerichtsdokumente des Falls „Bratz vs.

Anthropic PBC“ von 2024 veröffentlicht.

Aus ihnen geht hervor, dass das von Google unterstützte KI-Unternehmen Millionen von gedruckten Büchern gekauft und vernichtet hatte.

In dem Vorhaben namens „ Projekt Panama “ wurden die Bücher „destruktiv gescannt“.

Mittels hydraulischer Schneidpressen wurden Rücken und Einbände entfernt und die einzelnen Seiten in Hochgeschwindigkeitsscannern einspeist.

Die Originale wurden anschließend geschreddert und in Mülldeponien versenkt.

Das „Projekt Panama“ läuft schon über mehrere Jahre und holte sich hierfür Unterstützung aus Googles Reihen.

So stellte Anthropic im Februar 2024 den ehemaligen Leiter des Partnerschaftsprogramms für Googles Buchscan-Projekt, Tom Turvey, ein.

Er sollte vor allem dafür sorgen, dass das Projekt nicht auf „ rechtliche, praktische oder geschäftliche Hindernisse “ stößt.

Hindernisse wie das Urheberrecht.

Dies hatte Anthropic bis zur Sammelklage 2024 noch geschickt ignoriert, indem es sein KI-Sprachmodell Claude mit Buch-Raubkopien fütterte.

Milliardenklage gegen Meta: Profit steht über Kinder- und Jugendschutz Schlupflöcher im Urheberrecht Mutmaßlich sieben Millionen Bücher soll Antropic im Rahmen des Projektes illegal heruntergeladen und gespeichert haben.

Ziel war angeblich die Schaffung einer „ zentralen Bibliothek “.

Aus den internen Dokumenten gehen die eigennützigen Absichten von Anthropic allerdings laut und deutlich hervor.

So zum Beispiel aus Beweisstück 21 der Gerichtsakte.

Darin erklärt Tom Turvey: „Projekt Panama ist unser Vorhaben, alle Bücher der Welt destruktiv zu scannen.“ Das Interne Memo hält die Arbeiter:innen von Antropic außerdem zu Diskretion an, „Weil wir nicht wollen, dass bekannt wird, dass wir daran arbeiten.“ Diese angestrebte Klandestinität hatte letztendlich finanzielle Folgen. 1,5 Milliarden US-Dollar musste das Unternehmen so im Urheberrechtsstreit zur außergerichtlichen Einigung zahlen.

Bei einem Umsatz von 14 Milliarden US-Dollar (Stand: 2025), kann dabei aber kaum von einem Verlust für Anthropic die Rede sein.

Vielmehr sorgt das Urteil des Richters William Alsup für ein weiteres Schlupfloch.

Denn der Richter entschied, dass die Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material zum „Trainieren“ eines KI-Sprachmodells noch keine Urheberrechtsverletzung darstellt. „Dies ist nicht die Art von Wettbewerbs- oder Kreativ-Verdrängung, die im Urheberrechtsgesetz im Blickpunkt steht“, schrieb er in seinem Urteil .

Er hielt außerdem daran fest, dass im Rahmen dieses Verfahrens die gedruckten Exemplare durch digitale Versionen ersetzt wurden.

Durch das Scannen und Einspeisen in KI-Modelle würden keine neue Exemplare geschaffen oder kommerziell verteilt.

Somit ist das Verfahren im Sinne des Urheberrechts legitim.

Europa ist im KI-Wettrüsten weit abgeschlagen Akkumulation und Zerstörung Die grundlegenden Notwendigkeiten und Widersprüche des Kapitalismus machen auch vor großen KI-Konzernen nicht halt.

Um ein profitables Produkt zu generieren und die Anhäufung von Kapital aufrecht zu erhalten, muss Anthropics Claude mit einem qualitativ hochwertigen Sprachdatensatz „trainiert“ werden.

Vorzugsweise mit Langtexten die noch vor 2002 erstellt wurden.

Denn 2002 kam ChatGPT auf den Markt und nahm seitdem Einfluss auf zeitgenössische Texte.

Um die Fähigkeit zur Vorhersage sprachlicher Ergebnisse zu verbessern, benötigt ein KI-Modell so viele Sprachkombinationen wie möglich.

In großer Menge und hoher Qualität.

Eine Qualität, die seit spätestens 2024 nicht mehr gegeben ist.

Generative KI-Modelle wie Claude oder ChatGPT fangen an, Anzeichen von Modellkollaps zu zeigen.

Dieser Kollaps entsteht, wenn ein Modell durch synthetische Daten „trainiert“ wird.

Also Daten, die von andern KI-Modellen generiert wurden.

Wie aus den Gerichtsunterlagen hervorgeht, hoffte Anthropic, dass die von ihnen missbräuchlich benutzten Bücher „Claude dabei helfen würde, so präzise und fesselnd zu schreiben, wie Autoren“.

Auch Amazon zerstört Bücher Doch nicht nur Anthropic bedient sich des „Destruktiven Scannen“.

Am 17.

August 2026 veröffentlichte 404 Media einen Recherche-Artikel.

Darin wurde aufgedeckt, dass die Lieferung von fast 1.000 seltenen Büchern in einem Amazon KI-Trainingszentrum endete.

ISBNdb, ein weiterer Fokus des 404 Artikels, rühmt sich selbst als die weltweit größte Buchdatenbank.

Doch vor allem unterstützt die Seite KI-Firmen dabei, pro Bestellung zwischen 1.000 und einer Million Bücher zu kaufen.

Als Bonus obendrauf gibt es noch ein Versprechen: die Einkäufe der Unternehmen werden durch ISBNdb geheimgehalten werden.

Denn einen öffentlichen Aufschrei, wie bei Anthropic, möchte schließlich verhindert werden.

Dass dieses Vorgehen zwielichtig scheinen kann, ist allen bewusst.

So schreibt ISBNdb selbst auf der eigene Website ( inzwischen archiviert ): „Das Imageproblem ist real. ‚KI-Unternehmen vernichtet zwei Millionen Bücher‘ ist keine Schlagzeile, die Sympathie weckt.“ Das Ende des „liberalen“ Internets?

Googles KI als Raubtier und Zensurmaschine Kulturelle Barbarei Die Zerstörung von Wissen ist seit der Antike ein favorisiertes Mittel der Unterdrückung.

Wo die Auslöschung von mündlichen Überlieferungen im Zuge von Unterwerfung und Genozid aufhört, setzt die systematische Zerstörung von schriftlich überliefertem Wissen an.

So zerstört das imperiale Spanien in den 1560er Jahren die Schriften von Yucatán , bei dem Kampf um die koloniale Vormachtstellung in Lateinamerika.

Auch während den Selbstbefreiungskämpfen der Sklaven, kommt es in den Südstaaten der USA immer wieder zur Verbrennung von Schriften über die Abschaffung der Sklaverei.

Schriftliches Wissen, vor allem öffentlich zugänglich oder progressiv, ist seit jeher im Fokus der Zerstörung durch autoritäre Kräfte.

Denn verschwindet eben dieses Wissen, lässt sich die öffentliche Wahrnehmung der allgemeinen Gesellschaft mit Leichtigkeit lenken und forcieren.

Das durch die Vernichtung entstandene Vakuum kann so mit den eigenen ideologischen Werten gestopft werden.

Was für ein immenses Vakuum dabei entstehen kann, zeigt die Plünderung des deutschen Instituts für Sexualwissenschaften am 6.

Mai 1933 durch das NS-Regime.

Von Forschungen zur Entdämonisierung der Homosexualität, bis hin zur wissenschaftlichen Fundierung der Transidentität als natürliches Phänomen.

Die Forschungen und Erkenntnisse Magnus Hirschfelds und seiner Kolleg:innen am Institut waren revolutionär.

Von diesem gesammelten Wissen, wie zum Beispiel die ersten dokumentierten geschlechtsangleichenden Operationen, ist heute nichts mehr erhalten.

Lediglich einige wenige, persönliche Dokumente Hirschfelds überlebten die systematische Zerstörung.

Der Rest, und somit ein enormer Wissensschatz, sind für uns Folgegenerationen für immer verloren.

KI soll über Asyl- und Visumsverfahren mitentscheiden „Dort wo man Bücher verbrennt…“ Die Implikationen für die Gesellschaft sind im Falle der Buchzerstörungen durch Anthropic und Co. nahezu identisch.

Wissen aus teilweise seltenen Büchern an generative KI-Modelle zu verfüttern, unterstützt die gewaltsame Dominanz kolonial-imperialistischer Machtblöcke.

Diese Aneignung wird im Rahmen der kapitalistischen Eigentumslogik notwendig.

Zum Erhalt der Machtmonopole der Kapitalist:innen muss eine aktive Unterbindung einer potentiellen Macht von unten stattfinden.

Für ein System, dass sich zum eigenen Erhalt der Faschisierungsprozesse bedient, ist nichts so bedrohlich, wie eine gebildete Arbeiter:innenklasse.

Wenn aber garantiert werden kann, dass die Schreib- und Lesekompetenz in der Arbeiter:innenklasse niedrig gehalten werden, dann wird das revolutionäre Potential schon im Keim erstickt.

Was würde sich dafür besser eignen, als ein frei zugängliches Programm?

Besser noch, wenn dieses Programm zu Halluzinationen und Kollaps neigt oder Psychosen hervorruft.

Statt selbst Schöpfer:innen und Erhalter:innen unseres Wissens zu sein, werden wir auch hier zu Konsument:innen umfunktioniert.

Das Streben nach immer größeren KI-Modellen hat die Vorräte an menschlichen Texten im Internet erschöpft.

Um aber ihr Wachstum aufrechtzuerhalten, müssen die Unternehmen Profite generieren und dafür müssen Bücher zerstört werden.

Eine logische Schlussfolgerung kapitalistischer Interessen.

Das vermeintliche Anrecht auf eine Machtmonopol lässt sich zudem leichter verteidigen, wenn man Wissen zu einem seltenen Rohstoff macht.

Doch die „Intelligenz“, die durch Anthropic und generative KI-Konzerne aufgebaut werden soll, ist in ihrem Kern ein kannibalistisches Computerprogramm.

Es verschlingt die eigene Vergangenheit und das gesammelte menschliche Wissen.

Nur um bestmöglich den nächsten Satz erahnen zu können, den es generieren soll.

Die Folgen für Mensch und Umwelt sind, wie bei der jüngsten Flutkatastrophe in Nepal und Tibet, weder für das Programm noch für Unternehmen von belang.

Die Implikationen sind hier, wie bei jedem historischen Beispiel der Zerstörung und Hortung von Wissen.

Denn bereits 1823 erklärte der deutsche Dichter Heinreich Heine: „Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ Der Beitrag Wenn altes Wissen zur Neuware wird: Wie KI-Firmen Bücher zerstören und Wissen horten erschien zuerst auf Perspektive .

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Source: Perspektive Online